Die deutschen Wasserballer kommen sich derzeit ein bisschen vor wie bei Olympia. Bei der Weltmeisterschaft im südkoreanischen Gwangju, wofür sich die Auswahl des Deutschen Schwimm-Verband (DSV) Anfang des Jahres in Berlin qualifiziert hat, übernahmen die Städteplaner das Konzept der Winterspiele vor einem Jahr in Pyeongchang. Die Athleten sind in neu gebauten Wohntürmen untergebracht, die Apartments sind schon oder werden noch verkauft. Damit möglichst wenig Gebrauchsspuren zu finden sind, wenn die Wassersportler die Stadt wieder verlassen haben, sind die Matratzen eingeschweißt, die Küche nicht zu benutzen. „Gemütlich wie ein Nagelbrett“, urteilt Bundestrainer Hagen Stamm über den Wohnkomfort.
Aber dieser steht bei der WM, die für das deutsche Team heute beginnt, natürlich nicht im Vordergrund. Nach sechs Jahren WM-Abstinenz sorgt die Anwesenheit im Athletendorf einer Weltmeisterschaft, wo sich neben den Schwimmern eben auch Wasserballer und -springer tummeln für große Aufregung. „Wir haben acht im Team, die noch nie bei einem solchen Turnier dabei waren, das ist natürlich eine riesige Motivation“, weiß Stamm.
Glück bei der Auslosung
Und die Auslosung meinte es gut mit seiner Mannschaft. Zum Auftakt trifft die DSV-Auswahl auf Japan. Bei der WM-Generalprobe setzte es zwar eine 11:12-Niederlage in Tokio, wo das Team zwischenlandete, um auch schon mal den Jetlag aus den Knochen zu bekommen. „Wir hatten es mit japanischen Schiedsrichtern zu tun, das sollte man nicht überbewerten“, sagt Stamm. Seine Mannschaft sieht er jedenfalls als Favoriten in diesem Vergleich, genauso wie in Spiel Nummer zwei gegen Brasilien. Dann wartet noch Italien, Bronzemedaillengewinner bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro.
Aufgrund dieser Gruppenkonstellation müssen die deutschen Spieler gleich zu Beginn des Turnierstarts hellwach sein. Wenn es bei der einen einkalkulierten Niederlage zum Schluss bleibt, die anderen beiden Gruppenspiele aber gewonnen werde, stehen die Chance gut, sogar das WM-Viertelfinale zu erreichen. Denn in den Play-offs nach der Gruppenphase würde man als Zweiter auf Neuseeland oder Südafrika treffen, „die wir schlagen müssen“, sagt Stamm, und ergänzt: „Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, aber unter die Top Acht zu kommen, wäre eine riesige Sensation. Vor allem, wenn man auf die eher düsteren vergangenen sechs Jahre zurückdenkt.
Revolte der Spieler
Am 6. April 2012 scheiterte das deutsche Team an der Qualifikation für die Olympischen Spiele in London, Stamm trat wenig später als Bundestrainer zurück. Mister Wasserball, der als Spieler zweimal mit Deutschland Europameister wurde sowie WM- und Olympiabronze gewann, wollte und konnte nicht mehr. Fortan kümmerte er sich als Präsident verstärkt um die Vereinsarbeit bei Spandau 04 und um seinen Fahrradgroßhandel in Hoppegarten.
Doch Nachfolger Nebojsa Novoselac, der zuvor die Spandauer Wasserballer erfolgreich trainiert hatte, fand als Nationaltrainer nicht den richtigen Draht zu den Spielern, worauf sie gegen ihn rebellierten. Es folgte Patrick Weissinger 2015, der in diesem Amt aber überfordert wirkte. Deutschland verpasste erneut Olympia. Und dann verloren die Wasserballer massiv an Rückhalt im eigenen Verband. Man wolle sich in Richtung Tokio vor allem auf Schwimmen und Wasserspringen konzentrieren, hieß es.
Stamm mit Halbtagesstelle
Sparzwänge, mangelnde Alternativen und die Sehnsucht des Sohnes Marko, noch mal Olympia zu erleben, bewegten Stamm dazu, zunächst als Interims-Bundestrainer zurückzukehren − mit Halbtagsstelle. Weil im deutschen Wasserball ohne Stamm nichts läuft, war es nur eine Frage der Zeit, bis er das Kommando für die Mission Olympia 2020 übernahm. Die WM ist nun ein Gradmesser, wo der deutsche Wasserball aktuell steht.
Wie akribisch Stamm das Comeback auf der WM-Bühne angeht, offenbarte sich in den letzten Tagen. Während die Spieler Ausgang hatten, um auch mal die fernöstliche Kultur etwas kennenzulernen, blieb Stamm meist auf dem Hotelzimmer, um die Gegner zu analysieren. In den kommenden Tagen möchte er jede freie Minute nutzen, um andere Partien zu sehen. Das Besondere daran: Obwohl es aufgrund der Regenzeit viel regnet, finden die Spiele im Freien statt. „Wir haben einen Regenmantel dabei“, sagt er ironisch.
Bis zur anvisierten Olympiateilnahme im kommenden Jahr herrscht personelle Planungssicherheit. Danach, wenn Stamm sich dann wirklich vom Beckenrand verabschiedet, beginnt wieder die Suche eines Nachfolgers für den schier Unersetzbaren. Was Stamm derzeit völlig unberührt lässt. Schließlich geht es nun darum, diese WM in Südkorea zu genießen − auch wenn der Komfort zu wünschen übrig lässt.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de