Weihnachten war in meiner Kindheit neben Kindergeburtstagen einer der Anlässe, zu denen ich zu Hause selbst Theater spielte, Puppentheater. Während ich heute an den Feiertagen gerne am Klavier sitze und mit meinen Eltern, Uschi und Gerdi singe, holte Vati damals das große, selbstgebaute Puppentheater raus, und wir spielten ausgedachte Geschichten. Als Kleinkind war ich begeistertes Publikum, doch mit vier wollte ich genau wissen, was da hinter der Bühne passiert.
Und ich entdeckte, wie meine Eltern die Handpuppen bewegten und ihnen eine Stimme gaben. Das war spannend. Ich wollte das auch können. Ich stieg auf einen Stuhl, streifte mir eine der Puppen über und machte mit. Wahrscheinlich liegt mir die Schauspielerei im Blut, denn Mutti hat während ihres Studiums mit Kommilitonen Kabarett gemacht, und Vati besserte als Student sein Geld mit Auftritten auf, mal mit seiner Gitarre als Sänger und auch als Schauspieler. Und ich mochte es schon immer, der Familie und unseren Gästen etwas vorzuspielen, vorzutanzen. Weil das so war, spielten meine Eltern und ich auch oft einfach so Märchen nach. Oder sie halfen mir mit Szenen aus Märchen auf die Sprünge, wenn etwas nicht so klappen wollte. König Drosselbart mit der hochnäsigen Prinzessin zum Beispiel. Die Prinzessin fragt bei jeder Gelegenheit, wenn sie etwas selbst machen soll: „Sind denn keine Diener da?“ Wir mussten dann immer lachen, und alles funktionierte plötzlich wunderbar.
Ich war auch oft und gerne im Theater. Mit meinen Eltern und natürlich auch mit meinem Opa. Wir haben uns zum Beispiel „Der Wasserkristall“ und „Der Regenbogen“ von Reinhard Lakomy im Friedrichstadtpalast angesehen und „Alfons Zitterbacke“ im Theater der Freundschaft.
Und irgendwie war Theater dann das am nächsten Liegende, als wir nach meinem Wechsel von der berufsvorbereitenden Schule in die Diakonie-Werkstätten in Weißensee gemeinsam überlegten, was ich in meiner Freizeit machen könnte, um einen Ausgleich für die Werkstattarbeit zu finden und weiter viel Neues und Interessantes zu lernen. Bis an mein Lebensende im Bereich Hauswirtschaft einer Behindertenwerkstatt zu arbeiten, nur weil ich das Downsyndrom habe, das konnte ich mir nicht vorstellen. Ich wollte einfach mehr erreichen.
Die Initialzündung war schließlich der Anruf eines ehemaligen Studienkollegen von Mutti. Sie und Bernd Findeis hatten sich lange nicht gesehen, und im Gespräch stellte sich heraus, dass er im Rahmen einer AB-Maßnahme am Theater RambaZamba als Pressereferent arbeitete. Das war wie ein Wink des Schicksals, denn von dem Theater und seinen zwei Schauspielgruppen hatten meine Eltern schon gehört und überlegt, ob das etwas für mich sein könnte. Auf Muttis Bitte hin erkundigte sich Bernd nach einer Möglichkeit für mich, in eine der beiden Gruppen einzusteigen. Er meldete sich mit einer guten Nachricht: Zwar gebe es im Ensemble von Gisela Höhne gerade keinen freien Platz, aber in dem anderen Team. Wenig später hatte ich dann mein Vorstellungsgespräch, nach dem ich zu einer Probe eingeladen wurde.
Die Aussichten waren gut. Man wollte es mit mir als Schauspieler versuchen. Und das, obwohl ich ja noch keine Erfahrung hatte. „Hallo zusammen. Hier ist ein Neuer, er heißt Sebastian und schaut sich heute an, was wir hier so machen“, mit diesen Worten wurde ich Anfang 2001 dem Ensemble vorgestellt. Zehn, vielleicht fünfzehn interessierte Augenpaare richteten sich auf mich. Es war bereits dunkel, da die Probe erst um 17 Uhr begann, weil viele Schauspieler des Theaters RambaZamba wie ich tagsüber in Werkstätten beschäftigt waren.
„Hi, ich bin Moritz“, begrüßte mich ein dunkelhaariger, kräftiger junger Mann in meinem Alter, der sich später als Sohn von Gisela Höhne, meiner jetzigen Chefin, entpuppte und heute einer meiner besten Freunde ist. Moritz nahm mich gleich in den Arm, und ich fühlte mich irgendwie aufgehoben und geborgen.
„Und ich bin Michael“, stellte sich mir ein weiterer Schauspieler vor. Er fiel mir gleich besonders auf, weil er ein blau kariertes Hemd trug, mit dessen Zipfel er immer wieder seine Brille putzte.
„Freut mich, hallo“, erwiderte ich.
„Ich heiße Nele, Nele Winkler. Meine Mutti ist auch Schauspielerin.“ Ein dunkelhaariges, nicht sehr großes Mädchen kam auf mich zu. Es lispelte ein wenig.
„Tatsächlich?“
„Ja, in der Dreigroschenoper am BE.“
„Interessant, kenne ich.“
Ein paar der auf der Bühne Versammelten hoben entweder die Hand oder sagten einfach hallo. Manche guckten auch nur zu mir und schienen sich vorzubereiten. Gespannt sah ich mich um. Der eine oder andere blätterte im Textbuch, Schauspieler standen in Gruppen herum, verschwanden einzeln und kamen jeweils kostümiert zurück.
Der sieht aber albern aus. Was für ein lächerlicher Aufzug, dachte ich bei vielen. Moritz hatte einen grünen, mit Ketten und einer Feder verzierten Hut auf. Dazu trug er einen von Riemen zusammengehaltenen armeegrünen Panzer. Seine Füße steckten in schwarzen Fellstiefeln.
Besonders lustig und kurios sah Alice aus, eine farbige Schauspielerin aus Brasilien. Um den Kopf hatte sie ein braunes Kopftuch gebunden, vorne baumelten über einem blauen Kleid mit weißen Tupfen große Brüste aus Kunststoff. Sie lief ganz krumm – als ob die Brüste sie nach unten ziehen würden. Doch was ich dann zu sehen bekam, übertraf all meine Erwartungen: Zuerst saßen alle auf schwarzen Stühlen, über die eine Art Spinnennetz geworfen wurde. Dann zeigten alle Bilder von Indianern hoch, und einer nach dem anderen purzelte vom Stuhl. Es brach ein wildes Durcheinander aus. Wie soll sich das nur wieder auflösen, dachte ich. Aber alle verschwanden plötzlich durch die Türen, und auf der Bühne blieben nur Alice und Moritz. Auf einmal merkte ich: Hups, die können ja was. Wahnsinn! Das möchte ich auch können.
Im nächsten Abschnitt lesen Sie, wie Sebastian Urbanski die ersten Schritte auf der Bühne wagt, in seine Rolle findet und erste Texte erlernt.
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