Sehenswert: Mit der "Schneekönigin" kehrt der Komponist Valitinoni an die Komische Oper zurück

Die Beute im Eisschloss

Matthias Nöther
5 Min

Seit die Komische Oper jeden Herbst ein Werk für Kinder und Jugendliche als Uraufführung auf ihre große Bühne bringt und den ästhetischen Anspruch an diese Gattung bundesweit steigern kann, lernt sie auch Höhen und Tiefen des künstlerischen Abenteuers "Kinderoper" kennen. "Die rote Zora" letztes Jahr sollte sowohl eine spannende Geschichte, eine suggestive Bühnenshow und die Moral von der Geschicht enthalten - ohne eine einfallsreiche Musik jedoch fiel das Ganze in sich zusammen.Ganz anders die italienische Oper "Pinocchio" aus dem Jahr 2006: Hier wurde eine liebevolle Inszenierung von der Italianitß einer in allen Farben glühenden Musik durchwärmt, über der sich durchgängig Gesangslinien von berückender Schönheit erhoben. Ein voller Erfolg, denn die Güte eines Bühnenstückes für Kinder ermisst sich nicht anders als die eines Stückes für Erwachsene: Es wird dann seine Gültigkeit behaupten, wenn es mehr ist als eine Abfolge von Szenen, die auf augenblickhafte Überwältigung hin kalkuliert sind.Die Musik stammte damals von Pierangelo Valtinoni aus Vicenza. Bei ihm und seinem Librettisten Paolo Madron wurde sofort ein neues Stück in Auftrag gegeben: "Die Schneekönigin" nach dem Märchen von Hans Christian Andersen, die am Sonntag in der Komischen Oper Premiere hatte. Nun greifen durchaus auch andere Bühnen gerne zur "Schneekönigin" - für eher musicalähnliche Adaptionen. Man kann das vielschichtige Kunstmärchen nämlich ziemlich gut zur Nummernrevue glattbügeln. Es geht dann eher um die Abenteuer der kleinen Gerda. Sie trifft auf der Suche nach ihrem Spielkameraden Kay, der von der Schneekönigin in ein polares Eisschloss entführt wurde, auf eine bunte Welt von Tieren, Pflanzen und Menschen, die natürlich echt klasse singen und tanzen können.Zu behaupten, dass Paolo Madrons Libretto für die Komische Oper es gänzlich anders macht, wäre übertrieben.Selbstredend rückt Andersens nicht sehr bühnenwirksame Frage, was auf der Welt ewig währt und die Schöpfung erklären kann, nicht gerade ins Zentrum des Geschehens, auch wenn diese Frage im Finale sehr überschwänglich mit "Die Liebe" beantwortet wird. Doch bleibt eine sinnfällige Verknüpfung mit anderen Andersen-Motiven aus, wenngleich diese auch dargestellt werden: Da sind der Splitter vom Zauberspiegel des Teufels, der Kays Herz vereist sowie die Schneekönigin selbst. Diese nimmt Kay daraufhin als Beute in ihr Eisschloss mit und lässt ihn über mathematische Formeln grübeln.Erst der Teufelssplitter und die Schneekönigin motivieren bei Andersen die komplizierte Suche von Kay und Gerda nach der Wahrheit der Welt und machen sie am Ende zu erwachsenen Menschen. Dass die Komische Oper diesen abstrakten inneren Dreh eines Märchens auf ihrer Bühne darstellen kann, hat sie bei Pinocchios Entwicklung von der Holzpuppe zum Menschen bewiesen. Im "Schneekönigin"-Finale wird dieser Gedanke in einem etwas pauschalen Kehraus vom gesamten Ensemble weggetanzt.Dennoch ist "Die Schneekönigin" sehens- und hörenswert. Intelligent und suggestiv füllen Musik und Inszenierung die Sinnlücken auf. Valtinoni schafft ein Gleichgewicht zwischen der Darstellung seelischer und äußerer Situationen: Wenn die stets unsichtbare, nur durch die Vokalisen eines Koloratursoprans (Anastasia Melnik) präsente Schneekönigin Kay (Matthias Siddhartha Otto) von einem Jahrmarkt entführt, dann wird nicht mit Soundtrack-Instrumentarium Dämonie forciert. Valtinoni vergisst in seiner stilistischen Vielfalt zwischen Jazz, Broadway und romantischem Klangzauber nie, dass er sich im Genre der Oper befindet: Bei Kays Abdriften wird er nicht dramatisch, sondern fühlt sich mittels Walzer in die Trauer des Publikums ein. Und er ist fähig, die Bühne gleich danach wieder musikalisch mit Licht zu überfluten. Mit einem amerikanischen Standardtanz treten die Vögel auf, die Gerda nach Kays Verbleib befragen: die jüngsten Mitglieder des Komische-Oper-Kinderchors, deren stilisierte Kostüme von der Choreographin Suzann Bolick zu einer wirklich originellen Vogel-Opernnummer ergänzt werden.Überhaupt läuft die Dramaturgie der Aufführung sowohl musikalisch wie szenisch auf die Auftritte des Kinderchores hin. Höhepunkt an subversiver Witzigkeit dürfte der kannibalistische und so für Kinderopern-Verhältnisse ziemlich makabre Räuberchor sein, dessen schmissigen Walzertakt Valtinoni subversiv mit Lamento-Figuren durchsetzt.Anisha Bondy, die mehreren Regisseuren der Komischen Oper bereits als Assistentin zur Seite stand und den komplizierten Balanceakt zwischen dem auch pädagogischen Anspruch eines Kinderchors und dem künstlerischen Ehrgeiz einer Opernaufführung vermutlich an diesem Haus am besten zu bewältigen weiß, sie scheut die makabre Seite dieser Szene nicht. Die Räuber-Gespenster treten mit Messern und Gabeln auf, der etwas farblosen Nettigkeit von Madrons Gerda-Figur setzt sie in den Abenteuern am Fluss, bei den Blumen, Räubern und der Nomadin in Lappland immer wieder charismatische Akzente entgegen.Das Orchester unter Aurélien Bello spielt, trotz verstärkter Gesangsstimmen, leider fast durchweg zu laut. Abgesehen davon ist es ein Vorteil, dass "Die Schneekönigin" ein Auftragswerk des Hauses ist: Die Möglichkeiten der Hauptdarsteller werden musikalisch und szenisch voll ausgeschöpft. Das gilt vor allem für Anna Borchers, die, agil und klein an Gestalt, glaubhaft das Schulmädchen verkörpert, jedoch mit einem gut fokussierten und durchschlagskräftigen Sopran in den lyrischen Höhepunkten die Akzente setzen kann, die aus diesem Kinderstück eine durch und durch italienische und auch eine große Oper machen.Die Räuber- Gespenster treten mit Messern und Gabeln auf, auch bei der Nomadin gibt es charismatische Akzente.------------------------------Foto: Gerda (Anna Borchers, M.) und die Geister in der "Schneekönigin" an der Komischen Oper

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