Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat erneut vor einer Ausweitung des Ukrainekriegs auf weitere Teile Europas gewarnt. Auf die Frage, wo aus seiner Sicht die östliche Grenze Europas verlaufe, sagte Selenskyj in einem Interview mit dem französischen Magazin Le Point: „Heute sagt jeder, dass die Ukraine am östlichen Rand Europas liegt. Das ist nicht meine Meinung“. Die Ukraine sei das „geografische Zentrum Europas“.
Zusätzlich zum geografischen Aspekt gebe es aber auch noch einen konzeptionellen. In diesem Punkt bestimme das Schicksal der Ukraine, wo die östliche Grenze Europas verlaufe, so Selenskyj. „Hält die Ukraine nicht stand, wird diese Grenze Polen oder sogar Deutschland sein. Früher war Europa auf diese Weise geteilt. Die östliche Grenze Westdeutschlands war die Grenze der westlichen Welt.“
Die geografische Ostgrenze Europas ist nicht eindeutig festgelegt. Laut der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg gelten zwar das Uralgebirge, der Uralfluss, das Kaspische Meer, das Schwarze Meer sowie das Marmarameer als geografische Ostgrenze Europas, doch wirkten sie nie als eine feste Kultur- und Siedlungsgrenze.
Selenskyj weist Forderungen nach Abtritt von Gebieten an Russland zurück
Weiterhin wies Selenskyj Forderungen zurück, dass die Ukraine im Rahmen von Friedensverhandlungen bereit sein soll, Gebiete an Russland abzutreten. Für einen Frieden forderte Russland die Ukraine mehrfach dazu auf, die von Moskau annektierten Gebiete aufzugeben. „Einige Medien behaupten, der Frieden würde wiederhergestellt, wenn die ukrainischen Soldaten die östlichen Regionen unseres Landes verließen. Das stimmt nicht“, so Selenskyj. Putin habe im Jahr 2014 die Krim erobert, um die Einnahme weiterer Regionen vorzubereiten. „Wenn es Putin gelingen sollte, unser gesamtes Land zu übernehmen, würde er es auf die gleiche Weise als Sprungbrett nutzen. Ob ihm das gelingt oder nicht, wird von der Entschlossenheit Europas abhängen“, so Selenskyj.
Der Ukrainekrieg begünstige demnach die technologische Entwicklung von Waffen sowohl in Europa als auch in Russland. Selenskyj sagte weiter: „Zwischen Moskau und Paris liegen weniger als 3000 Kilometer. Die Raketen, die Russland heute gegen die Ukraine einsetzt, haben eine Reichweite von 2500 Kilometern. Wir selbst verfügen über Raketen mit einer Reichweite von 3000 Kilometern.“ Damit meinte er offenbar die neuen Marschflugkörper FP-5 „Flamingo“. Mit dieser technologischen Entwicklung gebe es „keine fernen Kriege mehr“. Für eine langanhaltende Sicherheit in Europa brauche es ein Bündnis zwischen europäischen Ländern und den Vereinigten Staaten.
Putin äußerte sich offen für Treffen mit Selenskyj
Der russische Präsident Wladimir Putin hatte zuvor Äußerungen europäischer Politiker, Russland könne in Zukunft weitere europäische Länder angreifen, während eines mehrtätigen Besuchs in China als „Hysterie” und „Horrorgeschichten” bezeichnet. Er äußerte sich zudem offen für einen Besuchs Selenskyjs in Moskau, wenn es Aussichten auf ein gutes Ergebnis gebe. Selenskyj hatte in der Vergangenheit ein Treffen mit Putin gefordert, um direkt über einen Waffenstillstand im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zu verhandeln.
Ein solches Treffen gilt jedoch aus Sicherheitsgründen als unwahrscheinlich. Zudem hatte Putin mehrfach Zweifel daran geäußert, dass Selenskyj berechtigt sei, mit ihm Verhandlungen zu führen, da seine reguläre Amtszeit im vergangenen Jahr abgelaufen sei. Die Ukraine beruft sich in diesem Zusammenhang auf die Verfassung, nach der die Amtsbefugnisse des Präsidenten wegen des Kriegsrechts weiter gelten.
In Europa wird währenddessen erneut über Sicherheitsgarantien im Falle eines Waffenstillstands in der Ukraine verhandelt. Gut 30 überwiegend europäische Staats- und Regierungschefs der sogenannten Koalition der Willigen werden am Donnerstag teils in Paris, teils per Videoschalte dazu beraten.
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