Eine kulturhistorische Recherche aus Gesprächen mit Freundinnen an Bartheken fördert etwas zutage, nämlich: Wird das weiße Unterhemd (fast immer ist es weiß) als Oberbekleidung getragen, kann es den Mann männlicher, ja gar sexy aussehen lassen. Es sei an die Coca-Cola-Light-Kampagnen erinnert, insbesondere die der Neunzigerjahre. Beim Stichwort „Unterhemd“ habe ich oft gehört: „Oh ja, so wie in der Coke-Light-Werbung!“ Baustelle, Bluejeans, Unterhemd oder gleich oberkörperfrei: So präsentierten sich Männer in den Coke-Spots Ende der Neunziger. Frauen sahen ihnen aus Büros oder Wartezimmern beim Schwitzen und Trinken zu, anmutig, eine Fortführung der italienischen Hochrenaissance – nur eben im Unterhemd. „Just for the taste of it!“
Eindeutige Botschaft: "Ich packe zu!"
Freilich, das Unterhemd bringt seinen Träger nicht immer in eine römisch-skulpturhafte Form. In meiner Familie etwa soll es stattdessen bequem sein und darüber hinaus eine Botschaft vermitteln: Ich bin bereit, ich packe zu.
Vermutlich ist dies ein osteuropäisches Phänomen. Ich habe mir von Freunden aus Serbien oder Russland bestätigen lassen, dass das Unterhemd für sie eine völlig normale Oberbekleidung sei. Meine Familie stammt aus Polen. Mein Vater, meine Großväter, auch der Bruder meiner Mutter, alle tragen gerne das enge Weiße; kombiniert wird es mit Trainingshosen oder Shorts, ob im Alltag oder im Urlaub.
Allein oder drunter - das ist die entscheidene Frage
Dabei verhält es sich in etwa wie mit John McClane, gespielt von Bruce Willis, in dem Action-Streifen „Stirb langsam“ aus dem Jahr 1988. McClane ist ohne Unterhemd nicht vorstellbar. Das Kleidungsstück drückt aus: Das Leben nimmt mich mit, vielleicht bin ich etwas besoffen, aber wenn es drauf ankommt, lege ich die ganze Stadt in Schutt und Asche. Männern verzeiht man vieles, wenn sie im entscheidenden Moment einsatzbereit sind.
Anders ist es, wenn das Unterhemd tatsächlich auch als Unterbekleidung getragen wird. Keine Spur mehr von überbordender Männlichkeit, dafür umso mehr Unverständnis von Frauen. Eine Kollegin kann beim besten Willen nicht begreifen, warum ihr Mann zweimal im Jahr ins KaDeWe geht und sich dort Unterhemden von Schiesser kauft, die er dann unter seinen Oberhemden trägt. Achselschweiß halte das Ding doch gar nicht ab, sagt sie.
Meine Argumentation für das Männerleibchen verfängt nicht. Gerade im Herbst, sage ich, ist ein Unterhemd kommod, schließlich fahre ich Rad, es sei schon recht kalt, nicht sehr kalt, weswegen eine dicke Jacke zu viel wäre. Ein Unterhemd, damit die Nieren nicht verkühlen. Ich muss an meine Oma denken, die mich, als ich noch ein kleiner Springer war, sorgenvoll ermahnt hat, mein Hemdchen doch in die Hose zu stecken. Eine andere Kollegin sagt dazu nur: Alles Weicheier in deiner Generation.
Der Body - das weibliche Gegenstück
Als Weicheier können zumindest die Frauen nicht gelten, die im Herbst auf der Straße immer noch einen Body, also einen Bodysuit, in Kombination zum Beispiel mit einem Rock tragen, was in Berlin keine Seltenheit ist. Der Body ist als Frauenbekleidung die Entsprechung des Unterhemds und sorgt bei Männern für Stirnrunzeln.
Passen zu allen Lebenslagen: Franziska Balzer bewirbt mitten in Berlin, was sie selbst vertreibt – Bodys.
© Simon Hoehne
Die Trägerin zeigt nicht wirklich viel Haut, wie sie es tut, wenn sie einen Bikini anhat, bedeckt ist sie aber auch nicht, weder Fleisch noch Fisch. Was soll das Ganze? „Genau das ist es doch“, sagt Franziska Balzer, Fachfrau in Sachen Body. Mit ihrem in diesem Jahr gegründeten Berliner Unternehmen Honey & Milk vertreibt sie die elastischen Körperanzüge. „Wenn ich einen Body anhabe, ziehe ich die Blicke auf mich, zeige aber eben nicht zu viel, mein Bauch ist nicht zu sehen.“
Mut zur Weiblichkeit
Für Balzer ist ein Body etwas für verschiedene Lebenslagen, er könne zu Hause getragen werden, auf der Straße oder im Club, unter der Kleidung oder eben nicht. Natürlich ist ein Body aufreizend, er gibt zumeist den Blick auf den Rücken frei, betont Brüste und Taille. Das gibt Body-Unternehmerin Balzer dann auch gern zu: „Mut zur Weiblichkeit!“, sagt sie. „Der Body ist figurbetont und etwas für selbstbewusste Frauen.“
In Berlin ist der Body tatsächlich ein Alltagskleidungsstück und praktisch auch für Clubs, hier wird ausgelassener gefeiert als etwa in Wanne-Eickel. Auch wenn der Body in anderen Städten nicht so häufig anzutreffen sein mag, drückt er, ähnlich dem Unterhemd für den Mann, doch eine allgemeinverbindliche Sehnsucht aus: In jeder Frau steckt eine Ballerina. Eigentlich ist der Body Sport- und Tanzbekleidung. Er hält zusammen, was andernfalls aus der Form geraten könnte, und verleiht der Trägerin Strenge und mehr Anmut. Wer würde das nicht wollen? Der Mann also möchte ein Draufgänger sein wie John McClane und die Frau eine Primaballerina. Ganz einfach.
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