BELGRAD. Ist der Typ ein Tierschützer? Oder geht es gegen globale Erwärmung? Der junge Mann, der auf der Belgrader Knez-Mihajlo-Straße steht und Flugblätter verteilt, würde auch auf dem Alex oder dem Ku-Damm nicht auffallen: Kaum achtzehn, lange, blonde Haare, weiche Gesichtszüge. Gar nicht zu seiner Erscheinung passen die finsteren, von Wappen umrahmten Kriegshelden, die von seinen Flugblättern blicken. "Kosovo ist Serbien", steht in altertümlicher Schrift gleich zweimal auf jedem Zettel. Im Text kriegen "Zionisten", "Ustascha", "muslimische Extremisten", "falsche Friedensstifter", "Sektierer", "Perverse", Drogensüchtige und Schmuggler ihr Fett weg. Gutmenschen pflegen eine andere Sprache.Doch Serbiens rechte Szene, die vor einer Woche erst eine Schwulen-Parade überfiel und dann in Genua den Abbruch eines Fußball-Länderspiels erzwang, besteht längst nicht nur aus geistig Minderbegabten, die schon von weitem als Schläger zu erkennen sind. Nach zwanzig Jahren Isolation, Krieg und nationalen Kämpfen hat das Land Fronten ausgebildet, die im Rest Europas kaum noch einer versteht.Das erste Mal geregt hat sich die rechte Szene, wo niemand sie vermuten würde: auf dem "Plateau", einem kleinen Platz in der Belgrader Fußgängerzone, wo die Studenten der Philosophischen Fakultät Kaffee trinken, schwatzen und manchmal auch protestieren. In den 90er Jahren hasste hier jeder, der etwas im Kopf hatte und nicht bloß hinter Geld und Beziehungen her war, Slobodan Milosevic, den alles beherrschenden Präsidenten. Die Studenten trugen Jeans und Che-Guevara-T-Shirts. Die Professoren trugen graue Bärte und ließen in den Vorlesungen sarkastische Bemerkungen über die sture postkommunistische Verwaltung fallen. Lustig, entspannt und originell ging es zu auf dem Plateau.Deshalb wunderte sich auch niemand, als bei einer Demonstration 1996 zwei junge Leute ein Transparent in uralten Lettern hochhielten und für Serbien wieder das "Gesetz des Zaren Dusan" forderten. Das waren eben die Juristen, dachte man, die hatten sich was ganz Besonderes einfallen lassen. Dass es durchaus nicht spaßig gemeint war, wer hätte es ahnen mögen."Links" hieß damals: für Milosevic sein, "rechts" war, wer gegen ihn eintrat - einschließlich der Demokraten, die heute Teil der Sozialistischen Internationalen sind. Anderthalb Jahrzehnte später sind die Fronten weniger übersichtlich. Viele der Protestierer von einst sind heute bei den Demokraten, wollen in die EU und verehren den smarten Zoran Djindjic, der Ministerpräsident ihres Landes war und vor sieben Jahren von Anhängern des alten Regimes ermordet wurde. Aber viele stehen auch auf der anderen Seite und wettern gegen die "Feinde des serbischen Volkes" wie die "jüdisch-freimaurerischen Nato-Mörder". Ihre Helden sind Radovan Karadzic, der bosnische Serbenführer, der heute in Den Haag sitzt, und der flüchtige Massenmörder Ratko Mladic. Als "kritische Professoren" schätzen sie Leute wie den Orientalisten Rade Bozovic, der immer viel Sympathie für protestierende Studenten hatte und über die Serben als "stolzestes Volk" schrieb, oder den rechtsradikalen Historiker Rados Ljusic.An der Haarlänge oder der Kleidung lässt sich die eine Szene von der anderen nicht unterscheiden. Merkwürdige Allianzen haben sich gebildet. Da ist zum Beispiel Ivica Dacic, ein etwas dicklicher Mann von 44 Jahren, der schon mit dreißig immer Schlips und Kragen trug und seinerzeit mit geölten Sprüchen die Politik Milosevics verteidigte. Heute ist er Polizeiminister und bekämpft entschlossen wie keiner seiner Vorgänger die hippen nationalistischen Hasser. Er tut es gemeinsam mit den Demokraten von Präsident Boris Tadic, einem feschen Psychologen aus einem Dissidenten-Elternhaus, der einst als Student eine "Offene Universität" organisierte und Bekanntschaft mit der politischen Polizei machte. Tadics Vater Ljubo allerdings, einst ein kritischer Marxist, liebäugelt heute mit den Nationalisten. Erst ganz langsam lichtet sich der Nebel, der die Konturen vieler serbischer Geistesgrößen so lange unkenntlich gemacht hat.Die Kirche sekundiertNicht weniger als vierzehn Organisationen droht das Verbot durch das Verfassungsgericht. Unter ihnen sind offen neonazistische wie die "Nationale Linie", die sich dem internationalen Netzwerk "Stormfront" zugehörig fühlt. Auch bei den "Rasonalisti", den "Rasse-Nationalisten", verrät schon der Name, wo sie hingehören. Eine "Serbische Front" verbreitet gehässigen Antisemitismus. Wie viele Mitglieder die Vereine haben, weiß nur der Staatsschutz. Aber allein "Krv i cast", der serbische Ableger von "Blood and honour", der unter dem Hakenkreuz "Victory für Walhalla" verheißt, hat auf Facebook 634Freunde.In Serbien lässt sich eine Grenze, wo die vermeintliche politische Korrektheit aufhört, kaum noch ziehen. Worte sind Schall und Rauch, Propaganda wird nicht mehr ernst genommen - friedfertige so wenig wie kriegerische. Szenen-Ideologe Rados Ljusic war unter dem vorletzten Premier Vojislav Kostunica sogar Vorsitzender einer Schulbuchkommission.Philosophie-Studenten verehren den "Heiligen Justin", einen Mönch, der in den 30er Jahren gegen westliche Dekadenz und für eine Wiedergeburt christlichen Serbentums predigte. Rechte Bewegungen wie "Srpske Dveri" (Serbische Tore) dienen sich erfolgreich der orthodoxen Kirche an, kämpfen außer für das serbische Kosovo auch "für das Leben" und gegen Abtreibung. Die Gruppe "Obraz" führt das Christus-Zeichen PX im Wappen und belehrt die Anhänger darüber, was christlich und was unchristlich sei. Ihr Anführer Mladen Obradovic war es auch, der vor einer Woche den Angriff auf die Gay-Parade in Belgrad organisierte. Die Kirche sekundierte ihm mit einem Hirtenbrief, in dem sie darauf hinwies, dass "weder die Unzüchtigen noch die Ehebrecher ins Himmelreich eingehen". Bischof Amfilohije sprang den Extremisten selbst dann noch bei, als sie Polizisten mit Steinen bewarfen.Sein Amtskollege Atanasije hatte einst öffentlich erklärt, Muslime stänken, während Serben einen "feinen Duft" ausströmten. Welchen Geruch solche Sprüche absondern, merken im modernen Serbien nur noch wenige.------------------------------Mit der rechten GesinnungSerbische Rechtsextreme haben in den vergangenen Tagen mehrfach international für Schlagzeilen gesorgt.In Belgrad kam es am Sonntag vergangener Woche zu Straßenschlachten, als Randalierer eine Schwulen-Parade aufzuhalten versuchten. Mehr als 120Personen wurden verletzt, die meisten von ihnen waren Polizisten.Schon am Vorabend hatten rund 8000 Menschen gegen die "widernatürliche Versammlung" der Homosexuellen und für die "Verteidigung der Familie" demonstriert.In Genua wurde vor einer Woche das Fußball-Länderspiel Italien gegen Serbien abgebrochen, weil rechte Hooligans auf den Gästetribünen Randale angezettelt hatten.------------------------------Foto: Mit der Gottesmutter gegen die Schwulen: Belgrad im Oktober.
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