Vor allem die Suppe fehlt mir. Inzwischen gibt es jede Menge vietnamesischer Restaurants in Berlin. In Läden wie Monsieur Vuong kann ich sie so wie in Vietnam aber nicht finden. Dort gibt es exotisches, leckeres Essen, keine Frage. Wie alle Deutschen will ich es aber gerne authentisch. Authentisch essen heißt aber nicht, dass es auch unbedingt nach unserem Geschmack ist.
Authentisch asiatische Restaurants sind meist ziemlich einfach, oft ein bisschen schäbig und nicht so sauber, wie es deutsche Lebensmittelkontrolleure gerne sehen. Vor allem aber sind sie ehrlich. Im Dong Xuan Center in Lichtenberg findet man sie.
Ein seelenloser gefliester Raum
Das Center ist der Großhandel für Vietnamesen in Berlin. In großen Wellblechhallen verkaufen über 700 Händler eingeschweißte Wasserkastanien, alle möglichen Arten von Fisch- und Sojasoßen, Gewürze, die ich noch nie gesehen habe. Daneben billige Handys, Plastikblumen und Leuchtreklame. Es gibt Nagelstudios, Massagesalons und drei Restaurants.
Ich frage einen Händler, der sehr bunte, billige Kleider verkauft, wo er am liebsten zu Mittag isst. Er zeigt mir den Weg, dabei will er meine Hand halten. Ich sage ihm, dass ich verheiratet bin, was zwar nicht ganz stimmt, aber er lässt los. Er klagt, er könne hier die richtige Frau einfach nicht finden und verabschiedet mich vorm „Linh Chi Minh“.
Das Restaurant ist, wie ich es mir erhofft hatte. Ein seelenloser gefliester Raum in Halle 1 mit vielen furnierten Tischen, an denen Plastiknummern stehen und asiatische Händler sitzen. Mein Tisch wackelt, nur in die Speisekarte hat Inhaber Tran Cong Binh kürzlich investiert. Sie ist modern gestaltet, schwarz und pink mit großformatigen Fotos auf den Seiten.
Natürlich will ich eine Pho probieren. Die Reisbandnudel-Suppe gibt es in neun Variationen, mit Hühnerfleisch und frischen Kräutern, mit Rindfleisch in hauchdünnen Scheiben, mit Rindfleisch-Bällchen und vegetarisch mit Tofu und Pak Choi. Ich nehme die Pho Nam Gau, Rinderbrustscheiben und frische Kräuter, und beschließe, das nächste Mal in größerer Gruppe anzurücken. Ab drei bis vier Personen kann man Gerichte mit Aal, Ziegenfleisch, Schnecken oder Froschschenkeln bestellen.
Dann entdecke ich auch Nuoc Chanh Da auf der Karte. Den Saft aus frischen Zuckerrohrstangen pressen Verkäufer an Vietnams Straßenkreuzungen in fahrbaren Maschinen aus, süß und schaumig läuft er zwischen den Walzen hervor, die das Zuckerrohr zermalmen. Er wird mit viel Limettensaft und Eiswürfeln getrunken. Hier ist es eher eine Limonade aus Rohrzucker und Zitronensaft angemischt, ich mag die süß-saure Mischung trotzdem, auch wenn sie dem frischen Zuckerrohrsaft nicht nahe kommt.
Nudeln, lang und glitschig
Meine Pho schmeckt aber so, wie ich sie aus Vietnam kenne. Die Rinderbrühe ist klar und nicht fettig, das Fleisch mit Zimt, Anis und Fenchelsamen gekocht, eine Geschmacksnote, bei der wir Deutschen an Weihnachten denken, die aber sehr gut zur salzigen Rindersuppe passt. Darüber sind Koriander, frischer Ingwer und Frühlingszwiebeln geschnitten.
Darin feine Streifen von der Rinderbrust, die sich in der heißen Suppe allmählich von rosa zu grau verfärben. Die Reisnudeln sind glitschig und mit Stäbchen nur schwer zu fassen. Ich habe lange geübt. Inzwischen gelingt es mir, die Bandnudeln um die Stäbchen zu wickeln. Ohne Suppe aufs Kleid zu spritzen, geht es aber nicht. Aber das gehört zum Erlebnis.
Vor den Toren des Dong Xuan Centers befindet sich übrigens ein typisch deutscher Kiosk. Er ist gewissermaßen der letzte Außenposten, bevor man die Bundesrepublik verlässt. Um einen Stehtisch haben sich drei vietnamesische Geschäftsleute versammelt. Sie essen Bockwurst mit einer Scheibe Toastbrot. Auch das ist authentisch.
LINH CHI MINH, Herzbergstraße 128-139, Mo-So 10–20 Uhr, Telefon: 6807-7845, Pho u.a. Gerichte ab 6 Euro
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