Wieder ein altes Bahngebäude im Land Brandenburg gerettet! Matthias Baxmann freut sich mit den Müller-Zetzsches, die sich nun einen Traum erfüllen. Aber er freut sich auch, weil seine Strategie wieder mal aufgegangen ist. Der Mitarbeiter des Brandenburgischen Landesamts für Denkmalpflege in Wünsdorf-Waldstadt weiß aus eigener Erfahrung, dass man Optimismus und langen Atem braucht, wenn es darum geht, historischen Bahnbauten eine Zukunft zu geben. Und dass sich die Geduld oft lohnt.
„Abriss? Nein!“
Baxmann kann es verstehen, wenn der Abbruch von alten Bahnhöfen gefordert wird. Doch er befürwortet ihn nicht. „Abriss? Nein! Als Denkmalpfleger bin ich der Substanz verpflichtet. Was weg ist, ist weg“, sagt der 59-Jährige. „Lieber das Bahngebäude gegen Feuchtigkeit sichern und auf bessere Zeiten warten. Das ist eine Strategie, die schon viele Male funktioniert hat.“
Der Historiker ist einer der wenigen Technischen Denkmalpfleger in Deutschland. „Dieser Bereich lag lange im Schatten, weil Kunsthistoriker den Denkmalschutz dominierten.“ Doch nicht nur Schlösser und Kirchen seien es wert, bewahrt zu werden. „Die klassische Industriegesellschaft erlebt einen gewaltigen Umbruch.“ Es sei wichtig, deren Zeugnisse zu schützen und zu pflegen. Und die gebe es reichlich: „Meine Kollegen aus anderen Bundesländern staunen oft, wie viele Technische Denkmale es hier gibt.“ Nicht nur alte Bahnhofs-Empfangsgebäude, auch Wassertürme, Brücken, Schleusen, Wasserstraßen – es ist ein Thema, bei dem Matthias Baxmann ins Schwärmen kommt. Umso mehr schmerzt es ihn, dass sich die Deutsche Bahn (DB) nur noch für eine Handvoll Immobilien interessiert. Früher waren Bahnhöfe auf dem Land Zentren des sozialen und wirtschaftlichen Lebens. Sie boten einen Service, von dem heutige Fahrgäste nur träumen können: beheizte Warteräume, Fahrkarten- und Gepäckschalter, Güterabfertigungen, Bahnhofsgaststätten und vieles mehr. Heute gibt es dort meist nur Leere, Verfall sowie den unangenehmen Geruch feuchter Wände. „Und für die Fahrgäste ein Wartehäuschen. Das war’s“, sagt Matthias Baxmann. „Die Bahn schätzt ihr großartiges Erbe nicht.“
Leider verhinderte sie viele Jahre lang auch, dass sich andere darum kümmern. „Für mehrere Bahnhöfe in Brandenburg, zum Beispiel in Neustadt/Dosse, gab es Interessenten, aber es wurde zu viel Geld gefordert. Dann wurde der Börsengang vorbereitet, und die Bahn wollte gar nichts mehr verkaufen, um ihr Bilanzvermögen nicht zu verkleinern.“ Währenddessen verfielen die Bahnhöfe immer weiter.
Erst nachdem die DB viele Bauten an Immobilienfirmen verkauft hatte, kamen Interessenten leichter zum Zuge. Nun erlebt Matthias Baxmann zu seiner Freude, dass immer mehr Bahngebäude in Brandenburg verkauft und dann saniert werden, von Kommunen und Privatleuten. Zum Beispiel in Luckenwalde: „Die Bahnhofshalle stand leer und wurde als Urinal genutzt. Heute ist dort die Stadtbibliothek, die dann auch noch einen modernen Anbau bekam. Ein Kulturbahnhof!“ Oder in Lübbenau, wo die Wohnungsbaugesellschaft den Bahnhof nach jahrelangen Bemühungen gekauft hat. „Dort gibt es jetzt sogar eine Pension im Bahnhof“, sagt Matthias Baxmann.
Reinhart Müller-Zetzsche gehört zu den Privatleuten, die das Wagnis auf sich nahmen. „Vielleicht ging ich deshalb entspannter an die Sache heran, weil ich mich mit alten Gebäuden auskenne – ich bin für 130 Kirchen in der Uckermark zuständig“, sagt der 56-Jährige. Weil das Grundbuch nicht stimmte, dauerte es anderthalb Jahre, bis er endlich wusste, mit wem er Kaufverhandlungen aufzunehmen hatte: der Mittenwalder Eisenbahnimmobiliengesellschaft bei Berlin.
Inzwischen wird im alten Bahnhof Prenzlau Vorstadt gebaut. „Immer wieder gibt es Überraschungen, nicht nur unangenehme. So kam im alten Fahrkarten-Verkaufsraum der Original-Fußboden aus kunstvoll verbautem Beton zum Vorschein.“ Wann wird der Wohnbahnhof fertig? „Meine Frau ist etwas skeptischer als ich. Sie sagt: 2016. Doch ich bin mir sicher, dass wir im Herbst 2015 einziehen.“
In der Serie „Bahnhöfe in Brandenburg“ stellen wir Stationen vor, die vor dem Verfall oder Niedergang gerettet wurden und jetzt wieder eine Zukunft haben. Nächste Folge: der Museumsbahnhof Gramzow
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