Der Intendant der Berliner Festspiele, Thomas Oberender, eröffnete den Reigen mit einem bedächtig deklamierten Poptheoriefragment, in dem er darzulegen versuchte, warum David Bowie mit seiner Ästhetik der absoluten Freiheit und dauernden Selbstneuerschaffung gerade das Gegenmodell zu unserer neoliberalen Gegenwart bilde, in der alle Aspekte der individuellen Existenz produktförmig zugerichtet seien; was von Oberender natürlich insofern komplett undialektisch gedacht war, als sich ja gerade die von Bowie in den Siebzigerjahren etablierte Kunst der dauernden Selbst-Neuerschaffung als Blaupause für das neoliberale Subjektivitätsmodell der Ich-AG ansehen lässt, nur dass sich hier, was bei Bowie noch als Freiheit erschien, in Zwang verkehrt hat.
Mit Bowie aufgewachsen
Im Anschluss an Oberender hielt der Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier eine freundliche Rede auf den natürlich einmal wieder einmal durch Abwesenheit glänzenden Künstler, den er, so Steinmeier, schon immer verehrt habe: „Als Geburtsjahrgang 1956 bin ich mit Bowie ja aufgewachsen!“ Gern stellte man sich beim Zuhören vor, wie der halbstarke Frank-Walter Anfang der Siebzigerjahre mit seinem „Aladdin-Sane“-Zackenblitz-Make- up die Nachbarn im heimischen Schieder-Schwalenberg, Kreis Lippe, erschreckte. Interessant an den Steinmeier’schen Auslassungen war nicht zuletzt der Sound-Unterschied: Nachdem Thomas Oberender seine Kulturreflexionen in kulturreflexionstypischer Weise eher ins Mikrofon gehaucht und geflüstert als gesprochen hatte, brüllte der Bundesaußenminister seine Gedanken in derart brausender Wahlkampfredenlautstärke heraus, dass der Mann am Mischpult hektisch die Regler herunterziehen musste: Steinmeier plays at maximum volume!
Im Folgenden wurde von ihm dann besonders die „politische Dimension“ von David Bowie angerufen, wenn nicht angeschrien: Mit „Heroes“ habe er einerseits „den Titelsong für jeden Berlin-Soundtrack“ geschrieben; und als er andererseits 1987 sein legendäres Konzert am Brandenburger Tor gab und die Bowie-Fans auf der anderen Seite der Mauer von den Vopos am Zuhören gehindert werden sollten – da hätten eben diese ostdeutschen Bowie-Fans 1987 (und nicht erst 1989) zum ersten Mal „Wir sind das Volk“ gerufen und also dank Bowie alles vorweggenommen, was dann auf dem Prager Wenzelsplatz, der Danziger Leninwerft und schließlich auch in Leipzig und Berlin passierte. Donnerwetter, dachte man da, dieser Bowie! Wahrscheinlich haben wir ihm auch noch den arabischen Frühling zu danken.
Becker erstaunlich unpeinlich
Während Steinmeier sogleich hurtig zum nächsten Wahlkampfauftritt hinforthuschte, berichtete im Anschluss an seinen Vortrag der Volksschauspieler Ben Becker bei einem für seine Verhältnisse erstaunlich unpeinlichen Auftritt davon, wie er sich mit 15 Jahren wegen David Bowie dereinst ins SO36 schmuggelte, obgleich er kurz zuvor noch mit der Teeniegruppe The Teens vor dem Kudammkarree abgehangen habe. Martin Roth, der aus Stuttgart stammende Direktor des Londoner Victoria-&-Albert-Museums, von dem die Bowie-Schau ursprünglich kommt, pries abschließend in sehnigem Schwäbisch die deutsch-britische Freundschaft; danach konnte man sich die Ausstellung aussehen und anschließend bei milder Musikbeschallung einige der sich aus dieser Ausstellung ergebenden Fragen besprechen, zum Beispiel, ob es überhaupt jemals irgendeinen Punkt in der Geschichte der Popkultur gab, an dem das Tragen von Pierrotkostümen noch nicht peinlich war, sondern eventuell sogar cool.
Im Getümmel der Gäste gesichtet: Blixa Bargeld, Matthias Döpfner, Klaus Lemke mit einigen Unterwäschemodels, Claudia Skoda, Nina Hoss, Benno Führmann, der britische Botschafter und der Berliner Kulturstaatssekretär mit einem schönen neuen Tragebeutel in Blau; außerdem Marius Müller-Westernhagen mit Hut und Begleitung und irgendwelche offenbar berühmten Menschen, die trotz der erheblichen Hitze gewaltige Stiefel aus Fell an den Füßen trugen.
Die „David-Bowie“-Ausstellung läuft noch bis zum 10. August; drumherum gibt es David-Bowie-Filmreihen, David-Bowie-Gedächtnis-Bustouren sowie am Sonntag, dem 15. Juni, im Haus der Berliner Festspiele einen kompletten David-Bowie-Gedenktag zu erleben, bei dem unter anderem ein David-Bowie-Lookalike-Wettbewerb stattfindet und eine glamouröse David-Bowie-Gala, auf der beliebte Berliner Popkünstler und -bands wie Mary Ocher, Black Cracker, Chuckamuck, Emika und Erfolg Lieder von David Bowie zum Besten geben, moderiert von Martin Hossbach und mir. Das wird bestimmt super! Beginn ist um 16 Uhr.
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