Band Gorillaz

Sie haben die Fake News erfunden

Damon Albarn, der Musiker hinter den Gorillaz, spricht über das neue Album „Humanz“.

Katja Schwemmers
7 Min
Heutzutage sei es kein Problem mehr, mit den Gorillaz-Charakteren ein Interview zu lancieren, sagt ihr Miterfinder Damon Albarn.

Heutzutage sei es kein Problem mehr, mit den Gorillaz-Charakteren ein Interview zu lancieren, sagt ihr Miterfinder Damon Albarn.

© warner bros. records

Fast wähnte man die Gorillaz im digitalen Nirwana. Doch Musiker Damon Albarn und Comiczeichner Jamie Hewlett haben sich noch mal zusammengerauft und hauchen der virtuellen Band mit dem Album „Humanz“ neues Leben in ungewissen Zeiten ein. Als Gäste luden sie sich Rapper (Vince Staples, Danny Brown), House-Musiker (Jamie Principle, Peven Everett), Poplegenden (Grace Jones, Jean-Michel Jarre), Britpop-Überlebende (Noel Gallagher, Graham Coxon) und Schauspieler (Steve Martin, Ben Hendelsohn) ein. Beim Interview in Berlin erzählt Damon Albarn, warum er sich eine Kristallkugel zulegen will.

Damon Albarn kann gut delegieren.

Damon Albarn kann gut delegieren.

© imago/Future Image

Mr. Albarn, das letzte Studioalbum der Gorillaz ist sechs Jahre her. Jamie Hewlett sagte, dass ihn „Plastic Beach“ an den Rande des Wahnsinns getrieben habe. War es für Sie ähnlich herausfordernd?

Ich glaube, damit es funktionieren kann, müssen wir beide an einem Strang ziehen, so wie bei der neuen Platte. Bei „Plastic Beach“ war das nicht immer so. Ich meditierte damals über Müllrecycling und Umweltverschmutzung, was kein wirklich sexy Thema für Popmusik ist. Aber Jamies Art zu Zeichnen hat Sexyness. Sein Stil ist immer leicht erotisch. Darauf steht er einfach. Recycling sexy aussehen zu lassen, bescherte ihm Kopfschmerzen. Bei „Humanz“ hat er es leichter.

Ganz offensichtlich: In dem 360-Grad-Virtual-Reality-Video zu „Saturnz Barz“, das binnen zwei Tagen fünf Millionen Mal auf Youtube angeklickt wurde, ist Gorillaz-Bassist Murdoc erstmals splitternackt zu sehen!

Ja, Murdoc ist nackt, und was er zu zeigen hat, ist wirklich beeindruckend. Vermutlich hat das Video deshalb den Rekord unter den VR-Videos gebrochen. Bedauerlicherweise blieb der Clip nur 20 Minuten unzensiert im Netz. Danach wurden seine prächtigen Genitalien unkenntlich gemacht. Dabei war es nicht mal ein erigierter Penis!

Sex sells also auch bei den Gorillaz?

Das wollen wir mal schwer hoffen! Ich bin mir sicher, dass es irgendwann für alle die Möglichkeit geben wird, die Version von einem durch den Weltraum schwebenden Murdoc zu sehen, an dem sein Teil runterbaumelt.

Sie und Jamie Hewlett waren eine Zeit lang nicht gut aufeinander zu sprechen.

Der eigentliche Grund für die lange Pause der Gorillaz war, dass Jamie sich in Paris in eine Schauspielerin verliebt hatte. Es gab eine Phase von 18 Monaten, wo wir uns kaum in die Augen gucken konnten. Aber dann haben wir wieder angefangen, uns in den Arm zu nehmen. Es wäre auch gar nicht anders gegangen. Unsere Kinder sind zusammen aufgewachsen. Es gab also nie einen Punkt, wo wir uns total voneinander entfremdet hätten.

Auch mit Ihrem ehemaligen Britpop-Widersacher Noel Gallagher machen Sie auf dem Album gemeinsame Sache. Sind Sie auf Kuschelkurs?

Noel und ich kommen aus derselben Ära und haben mit unseren Bands ganz ähnliche Erfahrungen gemacht. Wir pflegten den gleichen Lifestyle, hingen mit denselben Leuten ab. Da gibt es so viele Parallelen, dass sich eine Freundschaft geradezu aufdrängte.

Das Gorillaz-Debüt wurde von Noel Gallagher allerdings noch als Kinder-Musik abgetan.

So falsch lag er damit nicht. Denn ich wollte mit den Gorillaz-Platten immer meiner Tochter Missy imponieren. Sie ist jetzt 18 – und damit ein Jahr jünger als die Band. Sie hatte immer Mitspracherecht, wenn es darum geht, was cool ist und was nicht. Wenn ihr etwas gefällt, fühle ich mich jedenfalls merklich cooler.

Was bedeuten die Gorillaz für Sie?

Es ist sehr befreiend, für die Gorillaz tätig zu sein. Man kann sie auch mal allein lassen. Aber mit ihnen ist es immer gesellig, weil man viele Leute durch sie trifft.


Die Gorillaz

Die Gorillaz wurden 1998 vom Musiker Damon Albarn (u.a. Blur) und dem Comiczeichner Jamie Hewlett („Tank Girl“) als virtuelle Band gegründet – ursprünglich als Reaktion auf gecastete Musikgruppen. Die vier animierten, fiktionalen Mitglieder sind Sänger 2-D, Bassist Murdoc Niccals, Gitarristin Noodle und Schlagzeuger Russel Hobbs. Bereits das Debut-Album verkaufte sich sieben Millionen Mal.

Damon Albarn ist der musikalische Kopf der Gruppe, der häufig andere Musiker zu seinem Gorillaz-Projekt einlädt. Das hat zur Folge, dass die Musik ein Stilmix aus Pop, Elektro, HipHop, Trip-Hop, Soul, Rock und Reggae ist. Mit dem zweiten Album „Demon Days“ (2005) konnte die Grammy-dekorierte Gruppe den Erfolg auch in den USA noch toppen. Als virtuelle Band stehen sie um Guinnesbuch der Rekorde.

Ihr Treiben kann man über Videos, die Website und neuerdings auch über eine Mixed-Reality-App der Telekom verfolgen. Eine TV-Serie ist ebenfalls in Planung.

In Berlin gibt es zur Veröffentlichung von „Humanz“  (Warner) vom 28.-30.4. (jeweils 12-20 Uhr) im Kaufhaus Jandorf (Brunnenstr. 19-20) das von der Band kuratierte, multimediale Erlebnis „Gorillaz Spirit House“.


Allerdings nicht Morrissey, den Sie als Gast für die Platte angefragt hatten. Warum wollte er nicht?

Es ist einfach nicht passiert. Ich schrieb ihm, wie sehr ich ihn und The Smiths als Teenager geliebt habe. Aber er ist offenbar genauso wenig wie ich Fan von endloser E-Mail-Korrespondenz. Für mich spielt es keine Rolle, denn in meinem Kopf ist die Zusammenarbeit passiert. Ich habe ein Demo aufgenommen, auf dem ich singe wie Morrissey. Es existiert also ein Lied der Gorillaz, das klingt, als hätte Morrissey darauf gesungen.

Haben Sie es ihm geschickt?

Das habe ich. Vielleicht bekommt er eines Tages doch noch Lust?

Auf „Humanz“ sind mehr Künstler unterschiedlichster Couleur involviert als bei jedem anderen Gorillaz-Album. Ist es wichtig, ein multikulturelles Statement abzugeben?

Dafür gibt es eine Dringlichkeit. Es geht auf „Humanz“ eigentlich um Beziehungen zwischen Männern und Frauen – auf merkwürdige, abstrakte Gorillaz-Art und vor dem Hintergrund, dass in der Zukunft ein Reality-TV-Star Präsident der USA wird. Als wir Ende 2015 anfingen daran zu arbeiten, konnten wir noch gar nicht wissen, dass Trump Präsident wird.

Existiert noch eine Version des Albums, bei der Sie von einem erfreulicheren Ausgang der US-Wahl ausgingen?

Nein. Aber kurz nach der Entscheidung für den Brexit hatten wir das Gefühl, die Platte besser in die Tonne zu treten, weil das Imaginäre immer mehr zur Realität wurde. Meine Tochter sagt, ich solle mir ein kleines Häuschen mit Kristallkugel einrichten.

Der letzte Song heißt „We Got The Power“, gesungen von Savages-Sängerin Jehnny Beth. Ist die Tatsache, dass ein Teil der Bevölkerung gegen das, was gerade passiert, auf die Straße geht, die positive Seite?

Absolut. Die simple Message des Songs bringt auf den Punkt, was das Album ausmacht: Es steckt voll dunkler Vorahnung, aber es ist auch eine aufmunternde Party-Platte. So nach dem Motto: „Jetzt feiern wir uns den Frust weg!“

Bei den Gorillaz treffen Realität und Fiktion aufeinander. Ist diese Vermischung nicht das Problem der Zeit?

Ich würde sogar behaupten, dass die Gorillaz mit ihrem Konzept weit ihrer Zeit voraus waren. Und nun fügt es sich nahtlos in die moderne Welt ein. Man kann irgendwelchen Bullshit erzählen, es wird vervielfältigt, und es besteht die Chance, dass es zur weltweiten News wird. Als wir 2001 das Debüt veröffentlichten, war es noch schwierig, Interviews mit den Charakteren der Gorillaz in Zeitungen gedruckt zu bekommen. Heutzutage ist das kaum noch ein Problem. Wenn man so will, haben wir also die „Fake News“ erfunden.

Danke für die tolle Überschrift.

Sehr gern geschehen. Vermutlich glauben die Menschen das jetzt tatsächlich.

Haben Sie schon die sogenannte Mixed-Reality-App der Gorillaz ausprobiert?

Kann man auf dieses alte Handy die App runterladen? (zeigt auf sein Handy) Ich wüsste nicht, wie das gehen sollte.

Die Gorillaz sind 2017 mehr denn je auch ein digitales Ereignis. Interessiert Sie die technische Seite gar nicht?

Doch. Ich bin bloß kein Technikfreak. Aber ich kann sehr gut delegieren. Wir haben versierte Leute in unserem Digital-Team. So sind die Gorillaz immer innovativ und auf dem neusten Stand. Die Ehre dafür kann ich mir nicht auch noch einstreichen.

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