HAVANNA. Ein großer Davidstern prangt über den beiden schweren Eingangstüren aus Metall. Nirgends ist ein bewaffneter Wachmann zu sehen. Es gibt keine Absperrgitter und keine Videokameras. Das mächtige Gebäude mit seinen Pastellfarben und seinen strengen geometrischen Formen könnte in Tel Aviv stehen. Doch diese Synagoge befindet sich in Havanna im Stadtviertel Vedado, sie ist die größte in Kuba. Hier kann jeder einfach hereinspazieren. Eine kurze Treppe führt ins Foyer im Untergeschoss. An einer Wand hängen zwei große Bilder von Albert Einstein, dem Nobelpreisträger für Physik, und Moses ben Maimon, dem bedeutenden jüdischen Gelehrten aus dem Mittelalter.Adela Dworin, die Präsidentin der jüdischen Gemeinschaft auf Kuba, empfängt in einem winzigen Büro ohne Fenster. Stolz zählt sie auf, was ihre Gemeinde zu bieten hat: eine große und eine kleine Synagoge, eine Bibliothek, eine Jugendorganisation, einen Frauenverein, eine Volkstanzgruppe, eine Sonntagsschule für Kinder zwischen vier und achtzehn Jahren, Computerkurse, Hebräischunterricht und eine eigene Apotheke. "Alles gratis", sagt Dworin, "auch die Medikamente." Und nach jedem Gottesdienst am Freitagabend und Samstagvormittag wird im großen Saal eine warme Mahlzeit mit Vorspeise, Hauptgang und Nachtisch aufgetragen. "Wir sind eine kleine, aber kämpferische Gemeinde", sagt Dworin. An hohen Feiertagen sitzen über 200 Frauen, Männer und Kinder auf den roten Stühlen in der großen Synagoge.Die Gemeinschaft wächstDie jüdische Gemeinschaft auf Kuba prosperiert. Die Mitgliederzahl wächst, obwohl im Schnitt jedes Jahr einige Dutzend die Karibikinsel verlassen und nach Israel emigrieren. Heute leben gut 1 500 Juden auf Kuba. Es gibt fünf Synagogen, drei in der Hauptstadt und zwei im Osten des Landes, eine in Santiago de Cuba und eine in Camaguey. Bald soll eine sechste in Santa Clara öffnen. Das Geld für den Kauf ist beisammen, doch die lokale Gemeinde sucht noch nach dem richtigen Gebäude.Es grenzt an ein Wunder, dass es überhaupt noch Juden auf Kuba gibt. Um ein Haar hätte sie Fidel Castro mit seiner Revolution vertrieben. Dabei hatten die meisten Juden viel übrig für den bärtigen Guerillero und begrüßten die Machtübernahme im Januar 1959. "Wer war denn nicht für mehr Gerechtigkeit und weniger Armut", sagt Dworin. Doch offen beteiligten sich die Juden nicht an dem Aufstand. "Die Geschichte hat uns gelehrt, dass der Jude immer ein Ausländer ist. Er soll sich nicht in die Politik des Landes einmischen, das ihn aufgenommen hat", sagt die 1938 geborene Frau.Die Begeisterung für Castro schwand rasch, das Regime verstaatlichte sämtliche Unternehmen. Privatschulen wurden geschlossen. Die Maßnahmen trafen die Juden besonders hart. Viele waren wohlhabend und wohnten in stattlichen Häusern in den vornehmen Vierteln Vedado und Miramar. Sie besaßen eigene Geschäfte und Fabriken und schickten ihre Kinder auf jüdische Schulen. 15 000 Juden lebten vor der Revolution auf Kuba, Mitte der 60er-Jahre waren noch etwa 2 000 übrig. Eine Familie nach der anderen emigrierte in die USA. Zu den wenigen, die blieben, gehörten die Dworins.Adelas Vater war in den 20er-Jahren aus Polen nach Kuba gekommen (Siehe Kasten). Wie die meisten "Polen" ließ er sich in der Altstadt von Havanna zwischen Bahnhof und Hafen nieder. Rasch entwickelte sich in den schmalen Gassen ein emsiges jüdisches Leben. Koschere Metzger und Händler boten ihre Waren feil, Restaurants und Cafés öffneten, es gab Buchhändler und Trödler, Schneider und Schuhmacher. Jiddische Zeitungen erschienen. 1925 gründeten die "Polen" ihre eigene Synagoge.Wie die meisten Neuankömmlinge begann auch Adela Dworins Vater als fliegender Händler. Dann gründete er ein kleines Geschäft in Alquizar, einem Dorf südlich von Havanna. 1931 heiratete er eine junge Jüdin, die aus derselben Stadt in Polen stammte wie er. Später machte Jossif Dworin einen Hemdenladen in der Altstadt von Havanna auf. Das Geschäft blühte. Als die Revolution triumphierte, besaß Dworin eine Textilfabrik, die große Läden in der Hauptstadt und Dutzende von kleinen Händlern in den Provinzen belieferte.Dann wurde sein Betrieb nationalisiert, für die beschlagnahmte Ware zahlte ihm das Regime 10 000 Pesos. Trotzdem der Vater sein Lebenswerk verlor, blieb die Tochter zuversichtlich. Es sei ihr ungebrochener Optimismus gewesen, der ihren Vater davon abhielt, Kuba zu verlassen, sagt Adela Dworin.Sie sollte sich täuschen. Für die jüdische Gemeinschaft begannen apokalyptische Zeiten. Die Rabbiner gingen, die Vorstandsmitglieder gingen. Von denen, die blieben, entschieden sich die meisten, nicht mehr am religiösen Leben teilzunehmen. Im Reich Fidel Castros hatte Gott einen schweren Stand.Am Ende besuchte nur noch ein halbes Dutzend ältere Juden die Synagoge, was nach religiösem Gesetz nicht ausreicht, um einen Gottesdienst zu feiern; es müssen mindestens zehn Männer anwesend sein. "Um auf die vorgeschriebene Zahl zu kommen, zählten wir auch die Frauen und die Tora-Rollen. Das reichte immer", erinnert sich Adela Dworin.Als einziger Faden zur Welt blieb der kleine Container mit koscheren Speisen, die Juden in Kanada jedes Jahr seit 1961 nach Havanna schickten, damit ihre Glaubensgenossen ein ordentliches Pessach-Fest mit Matze und gefiltem Fisch feiern konnten. Um finanziell über die Runden zu kommen, verkaufte die Gemeinde 1981 die Hälfte des in den 50er-Jahren errichteten Zentrums an das Kulturministerium.Ihre Wiedergeburt hat die kubanisch-jüdische Gemeinschaft den amerikanischen Juden zu verdanken - und Fidel Castro. Als Ende der 80er-Jahre die Sowjetunion zusammenbrach, die Kuba wirtschaftlich am Leben erhalten hatte, bewegte sich auch das Regime in Havanna. 1992 ließ Castro wieder Religionsfreiheit zu. Die Kommunistische Partei nahm praktizierende Christen und Juden als Mitglieder auf. Die jüdische Gemeinschaft nutzte die neue Freiheit, um verschollene Mitglieder auf der ganzen Insel aufzuspüren. "Wir starteten ein Programm, um diese Leute in die Synagoge zu locken", sagt Adela Dworin. Zugleich begann das amerikanisch-jüdische Hilfswerk JDC, die kubanischen Juden zu unterstützen. Es schickte nicht nur Geld, sondern auch einen Vorbeter, der die Jungen in die Rituale des Gottesdienstes einführte. Das JDC sorgt dafür, dass bis heute regelmäßig ein Rabbiner aus Argentinien die Gemeinde besucht.Nahrung für Geist und KörperZulauf brachte auch die wirtschaftliche Not der 90er-Jahre. Denn das jüdische Zentrum hatte nicht nur Nahrung für den Geist zu bieten, sondern auch für den Körper. "Wir mussten immer wieder Leute abweisen", sagt Dworin, "viele wussten nicht, dass man jüdische Wurzeln haben muss, um aufgenommen zu werden."Obwohl Kuba und Israel seit über 40 Jahren keine diplomatischen Beziehungen mehr pflegen, erlaubt das kubanische Regime seit 1995 die Emigration nach Israel. Die israelische Regierung unterhält ein Verbindungsbüro in der kanadischen Botschaft in Havanna. Wie viele in den vergangenen 13 Jahren die Chance auf ein neues Leben ergriffen haben, kann niemand genau sagen. Es sind sicher Dutzende, vielleicht Hunderte gewesen.Adela Dworin will bleiben. "Ich fühle mich als Jüdin, aber auch als Kubanerin", sagt sie. "Ich bin froh, dass meine Eltern in Kuba aufgenommen wurden. Ich habe viele Verwandte in den Konzentrationslagern der Nazis verloren."Im Vergleich zur übrigen Bevölkerung genießt die jüdische Gemeinschaft viele kleine Privilegien, die den Alltag etwas erleichtern. Sorgen machen Dworin denn auch nicht die Beziehungen zur Regierung. Die seien ausgezeichnet, sagt sie, auch nach dem Machtwechsel von Fidel zu dessen Bruder Raúl. Sie hofft, dass der zarte wirtschaftliche Frühling, den Kuba erlebt, nicht durch die weltweite Finanzkrise vernichtet wird. "Wir haben endlich wieder einige junge Leute, die aktiv in der Gemeinde mitmachen. Doch viele von ihnen spielen mit dem Gedanken, das Land zu verlassen", sagt Dworin. "Wenn sich die Lage verbessert, werden sie wohl eher bleiben."------------------------------Turcos und PolacosEinwanderung: In den 1920er-Jahren verließen Zehntausende von Juden ihre Dörfer in Osteuropa aus Angst vor Pogromen und aus wirtschaftlicher Not. Die meisten wollten in die USA und betrachteten Kuba als Zwischenstopp. Doch als die USA ihre Einwanderungsgesetze 1924 drastisch verschärften, blieben viele Juden in Kuba.Polen und Türken: Um die neu angekommenen Juden von jenen zu unterscheiden, die bereits Anfang des 20. Jahrhunderts aus dem Osmanischen Reich eingewandert waren, nannten die Kubaner die einen "polacos" und die anderen "turcos". Letztere hatten sich im ganzen Land angesiedelt, die Neuzugänge zogen überwiegend nach Havanna.------------------------------Foto: Jugendliche singen im Kinder-Gottesdienst in der Synagoge Beth Shalom in Havanna.
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