BERLIN, 5. Juni. Als sie ihr Kind zum ersten Mal sah, war es so klein wie ein Hemdenknopf. "Ich war fast 39 Jahre alt und wollte wissen, ob das Baby das Down-Syndrom haben könnte", sagt Nori Möding. Sie entschloss sich zu einem Eingriff, der Chorionzottenbiopsie heißt. Sie ließ Gewebeproben des Mutterkuchens entnehmen und genetisch analysieren. "Auf dem Ultraschall-Bildschirm konnte ich alles genau verfolgen. Das kleine Wesen ist regelrecht geflohen vor der Kanüle, wie ein Fisch schwamm es weg. Das war ganz klar: Es lebt und es hat durchaus den Willen, dieses Leben zu erhalten."Nori Möding sieht ihre Tochter an. "Selbst wenn sich herausgestellt hätte, dass Amira das Down-Syndrom gehabt hätte: Ich glaube, ich hätte das Kind nicht abtreiben können." Das war 1990. Amira ist heute zehn Jahre alt.Am 6. Juni 1971 war Nori Möding eine jener 374 Frauen, die sich öffentlich zu einer Straftat bekannten. "Wir haben abgetrieben!" stand in dicken Buchstaben auf der Titelseite des "Stern". Dahinter die Fotos von 28 Frauen. Eines ist das Bild der zwanzig Jahre alten Eleonore Möding. Als "Hausfrau" hat sie den Appell zur ersatzlosen Streichung des Paragrafen 218 unterschrieben.Die Aktion erregt damals, vor dreißig Jahren, ungeheures Aufsehen. Das kollektive Geständnis der Frauen, initiiert von der Feministin Alice Schwarzer, ist ein Tabubruch. Mit ihrem Bekenntnis wagen sie sich aus der Illegalität. Sie machen Sexualität und Schwangerschaft zum Politikum - bis dahin war es ihr privates Problem. Nun wird gestritten über Mutterschaft, den Beginn des Lebens und um die Würde des Ungeborenen. "Millionen Frauen treiben ab - unter erniedrigenden und lebensgefährlichen Umständen", schreiben die 374 Frauen in ihrem Appell, "ich bin gegen den Paragrafen und für Wunschkinder." Viele Argumente von damals tauchen heute in der Auseinandersetzung um die Gentechnik wieder auf. Die Tolerierung der Abtreibung gilt manchen nun als der erste Dammbruch, anderen als Sündenfall.Alles nur ein Bluff?Unter den Frauen, die sich 1971 mit Nori Möding selbst anzeigen, sind bekannte Schauspielerinnen: Romy Schneider, Senta Berger, Sabine Sinjen, ebenso die Publizistin Carola Stern und das Fotomodell Veruschka Gräfin von Lehndorff. Und schließlich unterschreiben viele Unbekannte - Studentinnen, Sekretärinnen, Hausfrauen, die meisten zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt. "Selbstverständlich hatte ich nicht abgetrieben, so jung wie ich damals war", sagt Nori Möding, "die meisten von uns hatten keinen Abbruch hinter sich. Und ich war auch nicht Hausfrau. Ich habe hier in Berlin am Otto-Suhr-Institut studiert und lebte in einer Wohngemeinschaft. Als Hausfrau habe ich mich nur ausgegeben, damit nicht nur Studentinnen dabei waren."Die große Kampagne der Alice Schwarzer ein Bluff, ein gelungener Verkaufsschlager des "Stern"? Schwarzer selbst bestätigt, dass sie - "wie einige wenige" - nicht abgetrieben hatte. "Aber das spielte keine Rolle", sagt sie, "wir hätten es getan, wenn wir ungewollt schwanger geworden wären. Das Selbstbekenntnis war kein moralischer, sondern ein politischer Akt." Ein Stück GeschichteNori Möding kommt damals durch eine Bekannte zur Aktion. Wie viele Frauen hat sie sich mit den Problemen eines Schwangerschaftsabbruchs auseinandergesetzt. "Wir hatten für den Sozialistischen Frauenbund in der Beratung für Schwangere gearbeitet", erinnert sie sich. Die Geschichten, die sie dort hört, beeindrucken die Zwanzigjährige, die gerade erst von einer Kleinstadt im Harz nach Berlin umgezogen ist. Sie trifft Frauen, die in einem Alter sind, in dem sie auf keinen Fall mehr ein Kind bekommen möchten, sie trifft Frauen aus einfachen Verhältnissen, eine Mutter von fünf Kindern fragt um Rat. Die Studentinnen vermitteln die ungewollt Schwangeren an Ärzte, die seriös arbeiten und keine Wucherpreise für einen Abbruch kassieren. All das ist illegal. Nachdem der "Stern" erschienen ist, unterschreiben 3 000 Frauen bundesweit Selbstanzeigen, binnen weniger Wochen gehen mehr als 86 000 Solidaritätserklärungen ein. Nori Möding und ihre Freundinnen sammeln in jenem Sommer auf Berliner Straßen, in Cafés und an der Universität viele Unterschriften. Kaum eine der Frauen rechnet damit, dass die Gruppe mit ihrer Selbstbezichtigung ein Stück Geschichte schreiben wird, dass dies die Initialzündung für die zweite deutsche Frauenbewegung ist.Nori Möding sagt, eine Aktivistin der Bewegung sei sie in den folgenden Jahren nicht geworden. "Ich hab mich auch nie als Feministin bezeichnet, ich hab was gegen -ismen. Die werden schnell orthodox und bringen Denkverbote. Ich denke da viel einfacher: Alle menschlichen Wesen - ja, auch die Männer - haben die gleichen Rechte und Verantwortungen." Nori Möding hat als Soziologin promoviert. Viele Jahre hat sie wissenschaftlich gearbeitet und sich dabei immer wieder mit dem Verhältnis der Geschlechter befasst. So hat sie die Rolle des Bundes Deutscher Mädchen im Nationalsozialismus untersucht.Heute arbeitet Nori Möding in einer Berliner Service- und Qualifizierungsgesellschaft im Bereich Frauenförderung. "Ich würde mich immer für Gleichberechtigung einsetzen", sagt sie. "Das Thema ist doch nach wie vor akut. Man muss sich nur die Zahlen ansehen: die schlechtere Bezahlung oder die wenigen Aufstiegschancen zum Beispiel." Dass Kinder die berufliche Entwicklung der Frauen hemmen, hat sie selbst erfahren. Sie hatte eigentlich kein Kind geplant, auch wenn sie heute froh ist, dass es anders gekommen ist. "Ich war voll auf der wissenschaftlichen Schiene in den Achtzigern", doch ein weiterer akademischer Aufstieg war für Nori Möding nach der Geburt ihrer Tochter Amira nicht mehr machbar; sie ist allein erziehend. "Wenn Kinder da sind, hören viele sogar ganz auf zu arbeiten, vor allem weil die guten Betreuungsangebote für Kinder fehlen. Kinderförderung wäre in dieser Gesellschaft Frauenförderung. Da ändert sich erst jetzt langsam etwas." Die Bilanz nach dreißig Jahren Frauenbewegung? Alice Schwarzer, die mit der 218-Kampagne berühmt geworden ist, blickt stolz zurück. "Ich finde, dass wir Frauen in dreißig Jahren mehr erreicht haben als jemals zuvor in 4 000 Jahren Männerherrschaft", sagt die Herausgeberin der Zeitschrift "Emma". "Das, wofür wir feministischen Pionierinnen noch ausgelacht wurden, ist heute für 99 Prozent aller jungen Frauen selbstverständlich. Wenigstens theoretisch." Auch Nori Möding ist überzeugt, dass die Frauen viel erreicht haben, worauf die Jüngeren aufbauen können. "Wir haben Meilensteine gesetzt. Und unsere Ideen sind durchgesickert." Der Paragraf 218 wurde im Jahr 1975 reformiert und später einige Male überarbeitet. Ein Recht auf Abtreibung haben die Frauen nicht erreicht, nur Straffreiheit. Alice Schwarzer nennt das "einen fortwährenden Skandal". Inzwischen dient die Tolerierung des Schwangerschaftsabbruchs als Argument dafür, verbrauchende Embryonenforschung zuzulassen. Das stimmt Nori Möding nachdenklich. "Damals hat mich die Verfügung über meinen Körper empört. Die Parole ,Mein Bauch gehört mir , die war für mich schlagend. Das bedeutet, mein Leben gehört mir und ich habe darüber zu entscheiden - und wenn es dann zwei Leben sind, eben mit ganz besonderer Sorgfalt und Verantwortung. Es ist mein Konflikt und meine Entscheidung. Und dafür muss es eine gesetzliche Form geben." Niemals aber ist Nori Möding davon ausgegangen, dass es sich bei dem Embryo nur um einen Zellhaufen handelt, um etwas, über das Erwachsene verfügen können und das kein Lebensrecht hat - auch wenn es sich andere so leicht gemacht haben. Manche Frau von damals hat gemerkt: Kinder verändern die Sicht auf die Welt. Ob eine befruchtete Eizelle zu Experimenten benutzt werden darf? Muss, wer ja sagt zur Abtreibung, auch ja sagen zur Embryonenforschung? Nori Möding überlegt lange. Sie zögert. "Ich bin mir unsicher. Es ist allerdings ein großer Luxus, dass wir hier auf diese Art darüber nachdenken können. In den ärmeren Ländern sterben geborene Kinder - einfach so. Und auch bei uns geht es den Kindern manchmal so schlecht, dass ich mich frage, warum man dann so einen riesigen Krawall um das Ungeborene macht."Eine Frage der VernunftEmbryonenforschung, wenn sie denn erlaubt werde, dürfe auf keinen Fall wirtschaftlichen Interessen unterworfen werden, sagt Nori Möding. "Heilung und Vernichtung von Leben für Geld? Das kann es nicht sein." Der Schwangerschaftsabbruch ist ein Konflikt zwischen zwei Individuen, sagt die Wissenschaftlerin. Das Lebensrecht des Embryos steht gegen das Selbstbestimmungsrecht der Frau. Um zwei Individuen geht es auch beim Einsatz von Embryonen für die Heilung von Kranken. "Für diesen Konflikt müsste der Gesetzgeber eine Bewegungsform schaffen. Dafür muss es ethische Orientierungen geben. Schließlich geht es um Leben - um das von schwer Kranken, und um das winzige Leben im Reagenzglas. Und immer ist dieses Leben von Erwachsenen abhängig. Ich hoffe nur, sie sind erwachsen, also vernünftig genug."BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER Nori Möding mit ihrer Tochter Amira in ihrer Wohnung in Berlin-Charlottenburg. An der Kampagne des "Stern" im Juni 1971 beteiligte sich Möding aus politischen Gründen, abgetrieben hatte sie nicht.
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