In einem halben Jahr erst erscheint das neue Fifa 18, aber schon jetzt diskutieren die Computerspielfreudigen unter uns, welcher Fußballer wohl das Cover der deutschen Version zieren wird. Wird es, wie die Daily Sun berichtet, Dele Alli sein? Wird der Mittelfeldspieler von Tottenham Hotspur den Dortmunder Marco Reus ablösen? Das ist eine durchaus wichtige Frage, die sich nicht nur in Kinderzimmern stellt. Seit 1994 gibt es den Konsolenklassiker von EA Sports. Kurzer Pass X, Steilpass Dreieck, Finte L1 + R2, Flanke Viereck, und Schuss mit Kreis – daddeln bis die Daumen schmerzen. Die aktuelle Profigeneration kennt das. Erst kommt das Duell auf dem Rasen, später hocken sie vor der Glotze und zocken mit dem FC Bayern gegen Real Madrid.
Ein Spieler von Hertha BSC wird eher nicht der nächste Coverboy sein. Aber mit Interesse darf man schon verfolgen, wie die Spielentwickler auf den Heimsieg (2:1) der Berliner gegen Dortmund reagieren. Ob sie nämlich dem bislang nur als gut eingeschätzten Freistoßschützen Marvin Plattenhardt (85 von 100 Punkten) nicht mal ein Upgrade in die Top Ten gönnen, die im Konsolenjahr 2017 von Andrea Pirlo und Hakan Calhanoglu (je 93) angeführt werden. Dieser Text ist eine dringende Empfehlung, dies zu tun.
Plattenhardt, 25, hat in seiner Bundesligakarriere inzwischen sieben Tore geschossen, alle per direktem Freistoß, bereits drei in dieser Saison, und das stramme Ding gegen Dortmund war der letzte Beweis für seine – lieber nicht nachmachen – außergewöhnliche Technik: weite Ausholbewegung, Oberkörper fast rechtwinklig über das sehr schräg abgekippte Standbein gebeugt, Blick fest auf den Ball geheftet – und dann bäääm ab in den Winkel zum Siegtreffer zwanzig Zitterminuten vor dem Ende.
Ein wunderbares Spiel
Am Sonnabend und angeblich auf Anraten seines Trainers Pal Dardai hat Plattenhardt zur Abwechslung mal das Torwarteck gewählt. Und eigentlich, wenn ein Torwart seine Ecke nicht vor Einschlägen schützen kann, spricht man da von einem Fehler. In diesem Fall hat niemand Roman Bürki vorgeworfen, zu spät reagiert zu haben. Er war ja dran. Aber einen Schuss aus siebzehn Metern Entfernung und mit einer Geschwindigkeit von 93 km/h getreten, den Niklas Stark noch verdeckt hatte, darf man mit dem Etikett unhaltbar versehen. Plattenhardt sagte gewohnt bescheiden: „Ich versuche, immer das Tor zu treffen, dass der dann so reingegangen ist, freut mich natürlich.“
Bekenntnis
Der Plan: Hertha BSC hat offensichtlich Pläne für einen Stadionneubau außerhalb der Hauptstadt verworfen. „Wir wollen ein neues Stadion in Berlin. Definitiv − und nicht woanders“, sagte Manager Michael Preetz der Welt am Sonntag. Für den Bau einer neuen Arena plant Hertha mit Kosten von rund 150 Millionen Euro.
Der Wunsch: Der Traditionsklub hat eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, die spätestens im April vorgestellt werden soll. „Der Wunsch nach einem neuen, reinen Fußballstadion ist da − daran gibt es keinen Zweifel“, betonte Preetz. Ob der Berliner Senat allerdings die Pläne der Hertha unterstützt, erscheint ungewiss.
Der Schnitt: Nach dem Spiel gegen Dortmund ist Hertha in der Zuschauertabelle der Bundesliga übrigens auf Platz sechs platziert, mit einem Schnitt von 50 687 Besuchern pro Ligaspiel. Hier ist Dortmund (78 722) das Maß aller Dinge, vor dem FC Bayern (75 000), der mit der Münchner Arena aber auch gewisse Grenzen hat.
Es war ein wirklich wunderbares Spiel, bei wunderbarem Wetter und vor einer wunderbaren Kulisse. Es fehlte an keiner Zutat. Ein Mix für Feinstschmecker. Schon nach vier Minuten hätten die Dortmunder zwei Tore erzielen können. Aber auch Hertha erspielte sich so viele Großchancen wie noch nie in dieser Saison. Genki – Junge, lauf doch noch weiter! – Haraguchi und Per – Alter, warum denn mit dem Außenrist? – vergaben die größten. Den Führungstreffer nach elf Minuten erzielte Salomon Kalou.
Wenn es jemanden gibt, der sich nur ungern an diesen Nachmittag erinnert, dann hat er den Fußball nie geliebt oder heißt Matthias Ginter. Der in den Sandwichwochen zwischen Champions League und Pokal ins Team rotierte Innenverteidiger verlor erst den Ball gegen Vedad Ibisevic, ließ sich dann von Herthas Kapitän – L1 + R2 – auch noch mit einem simplen Übersteiger narren, den Querpass drückte Kalou entspannt über die Linie. „Wir wussten“, sagte der Stürmer später, „dass wir zwei Tore schießen müssen, wenn wir gewinnen wollen.“ Und recht hatten sie damit.
Weiser tut alles weh
Diese Dortmunder sind ja tatsächlich zu gut, zu talentiert, zu umtriebig, um sie dauerhaft bei null zu halten. Irgendwann musste es so kommen, wie es kam. Zehn Minuten nach der Pause schoben sich Pierre-Emerick Aubameyang, Raphaël Guerreiro und Shinji Kagawa den Ball hin und der her, Hacke, Spitze, 1:1. Torwart Rune Jarstein ging bei Aubameyangs Schuss vielleicht etwas zu früh in die Knie. Etikett: nicht ganz unhaltbar.
Es folgte eine Viertelstunde, in der Herthas Plan, die Dortmunder Angriffe nach außen zu lenken, wo sie bei geschicktem und vielfüßigem Verschieben sicherer zu verteidigen sind, nicht mehr so gut aufging wie noch in der ersten Halbzeit. „Sie haben es gecheckt“, musste Dardai zugeben. Plötzlich kamen sie mit steilen Pässen durch die Mitte, aber dann versperrte ihnen doch immer wieder ein Schien- oder Wadenbein den finalen Zutritt in die Berliner Box. Dardai war sehr zufrieden damit: „Wir sind eine unangenehme Mannschaft.“ Er grinste.
Sie können aber auch anders, zumindest daheim. Und dieses Können konnten sie in der Schlussphase sogar noch steigern, als Mitchell Weiser nach vier Monaten Verletzungspause endlich mal wieder Mitchell-Weiser-Dinge tun durfte: sich einfach mal den Ball schnappen und angstfrei losrennen. Mehrmals wurde der Sololäufer dabei unfair gebremst, was erstens zu Plattenhardts Freistoßtor führte (siehe Ginter). Hertha zweitens viele wertvolle Spielatempausen verschaffte. Und leider gibt es auch ein drittens.
Weiser hat so viele fiese Tritte eingesteckt, dass er – wie Ondrej Duda, Muskelfaserriss im Abschlusstraining, vier Wochen Pause – wieder in den Krankenstand versetzt werden musste. Der Fuß tut weh, die Schulter und noch ein paar andere Körperteile. Weiser ist eher ein Coverboy für Fifa 2019. Seine aktuelle Dribbelstärke liegt noch bei 84.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de