Ein blonder Junge in Lederhosen steht vor einem Kaninchenstall im Garten seiner Eltern. Vier, fünf Jahre mag der Steppke alt sein, als sein Vater ihn so für das Familienalbum fotografiert. In dem Moment, in dem Paul Jähn auf den Auslöser der Kamera drückt, ahnt noch niemand, dass sein Sohn Sigmund eines Tages zu den Sternen greifen wird und fast vier Jahrzehnte später mit einer Rakete auch als erster Deutscher dorthin fliegt.
Sigmund Jähn wurde kurz vor Beginn des zweiten Weltkriegs geboren
In jener Zeit fliegen Bomben. Denn es herrscht Krieg, als Anfang der 40er-Jahre das Foto in dem vogtländischen Ort Morgenröthe-Rautenkranz entsteht. Dort erblickt Sigmund Werner Paul Jähn am 13. Februar 1937 das Licht der Welt. Vom Zweiten Weltkrieg, der zwei Jahre nach seiner Geburt beginnt, bekommt der kleine Sig (so wird er von den Eltern genannt) anfangs nichts mit.
Sigmund Jähn mit seiner Frau Erika. Das Paar hat zwei Töchter.
© Berliner Verlag
„Erst später, als ich sieben oder acht Jahre alt war, kam ich mit dem Krieg in Berührung“, erinnerte sich Jähn bei einem Gespräch mit der Berliner Zeitung vor einem Jahr. „Mein Vater hatte mich in das Sägewerk mitgenommen, in dem er arbeitete. Dort lernte ich zum ersten Mal in meinem Leben Russen kennen. Kriegsgefangene, die in dem Werk als Zwangsarbeiter schuften mussten. Einer von ihnen schnitze mir ein Holzgewehr. Dann sagte er einen Satz, den ich nie vergessen werde: ,Hitler kaputt, Stalin kaputt, Roosevelt kaputt – erst wenn das passiert, wird sich die Menschheit besser verstehen.’“
„Es war Krieg, als ich vom Fliegen träumte“ - sagte Sigmund Jähn
Ein anderes Erlebnis wird Jähns Leben bestimmen. „Im letzten Kriegsjahr fing ich als Junge an, vom Fliegen zu träumen“, sagte er. „Das war, als in meinem Heimatort plötzlich Bomber auftauchten, die nach Plauen flogen. Alle waren entsetzt. Nur ich war begeistert, wie faszinierend schön die Maschinen da am Himmel flogen.“
Nach dem Krieg steht daher für den jungen Sigmund Jähn fest: Er will nicht mehr Förster oder Lokführer werden, sondern Pilot. „Doch mein Vater verbot mir, die Oberschule zu besuchen, obwohl ich ein guter Schüler war. Ich sollte Buchdrucker werden.“ So geschieht es. Aber der Traum vom Fliegen lässt ihn nicht mehr los.
In der Biografie „Siegmund Jähn. Rückblick ins All“ (2008, Das Neue Berlin) schilderte er, wie er 1951 mit seiner Lehrlingsklasse zu den 3. Weltfestspielen der Jugend und Studenten nach Ost-Berlin fährt. „Damals war ich auch das erste mal in Schönefeld. Ich hatte irgendwo gehört, dass es dort einen Flugplatz mit Maschinen zu sehen gibt. Also setzte ich mich heimlich in die S-Bahn, fuhr raus und sah mir die Flugzeuge an. Wenn ich auch nicht nahe herankam, so faszinierten mich die silbernen Vögel doch.“
Erika war Sigmund Jähns große Liebe
Dank eines Zufalls beginnt sein Traum vom Fliegen wahr zu werden. Während der Lehre trifft Jähn einen Freund, der zur kasernierten Volkspolizei, dem Vorläufer der NVA, ging. „Er erzählte mir, dass man dort sogar Flugzeuge hätte. Also meldete ich mich 1955 auch dort an. Doch da sollte ich nur als Drucker arbeiten. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und setzte den Offizieren so lange zu, bis sie mir gestatteten, Pilot zu werden.“
In dieser Zeit ist Jähn, damals ein begeisterter Motorradfahrer, in Bautzen stationiert. Dort verliebt sich der junge Soldat in seine spätere Frau Erika. Seine Liebe zu ihr, bringt ihn sogar in den Knast. „Ausgang gab es selten“, erzählte Jähn in der Biografie. „Um mit Erika zusammen zu sein, habe ich auch ,unerlaubten Urlaub’ gemacht. Einmal wurde mein Fehlen in der Kaserne entdeckt und ich erhielt drei Tage Arrest.“
1978 flog Sigmund Jähn als erster Deutscher ins All
Doch dies war nicht der Grund, dass damals seine Piloten-Karriere fast nicht zustande gekommen wäre. „Bei der medizinischen Eignungsuntersuchung waren plötzlich meine Blutwerte schlecht“, erzählte Jähn einmal dem KURIER. „,Danach müssten sie schon längst tot sein', sagte der Arzt, ordnete eine neue Untersuchung an. Diese ergab zum Glück, dass die erste Messung falsch war.“
Am 4. Oktober 1957 beginnt das Raumfahrtzeitalter. Die Sowjets schießen mit „Sputnik 1“ den ersten künstlichen Erdsatelliten ins All. Ein Jahr später bekommt Jähn sein Patent als Unteroffizier und Pilot. Und er heiratet seine Erika, ihre Tochter Marina wird geboren.
1961 fliegt der Russe Juri Gagarin als erster Mensch ins All. Die sowjetische Militärakademie der Luftstreitkräfte bei Moskau wird nach ihm benannt, in der ab 1966 auch Jähn studiert. 1970 ist er mit dem Studium zum Diplom-Militärwissenschaftler fertig. Acht Jahre später wird Jähn als erster Deutscher ins All fliegen.
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