Der deutsche Wettbewerbsbeitrag „Kreuzweg“ erhielt den Silbernen Bären für das beste Drehbuch. Wir sprachen nach der Preisgala mit den beiden Autoren des Films, den Geschwistern Dietrich und Anna Brüggemann.
Ihr Film gehörte zu den großen Bären-Favoriten. Insofern konnten Sie doch bei der Preisverleihung schon mit einer Auszeichnung rechnen?
Anna Brüggemann: Es hieß, wir sollen kommen, und ich dachte, wenn wir beide eingeladen werden, dann könnte es der Drehbuchpreis werden. Ich wusste aber auch, dass es bei der Berlinale lobende Erwähnungen gibt, in diesem Jahr übrigens nicht, und das hätte es auch sein können. Innerlich war ich auf alles eingerichtet.
Dietrich Brüggemann: Und man gilt ja bei einer lobenden Erwähnung als schrecklich undankbar, wenn man sich nicht ganz toll freut…
Warum steigert sich Ihre Heldin, die 14-jährige Maria, in den religiösen Wahn hinein? Warum geht sie den selbst gewählten Kreuzweg ohne jeden Zweifel bis zur Opferung?
Dietrich Brüggemann: Maria wächst in einer streng katholischen Familie auf. Das Seelenheil ist wichtiger als alles andere. Die Mutter ist zudem sehr um ihre Kinder besorgt und fürchtet, sie könnten irgendwann in der Hölle landen. Maria sieht keinen Ausweg als genau das zu tun, was von ihr verlangt wird. Ihr wird ständig gesagt: Du musst die Nachfolge Christi antreten und Opfer bringen, dann wirst du heilig. Das tut sie mit einer radikalen Konsequenz, die selbst ihre Familie überrascht.
Anna Brüggemann: Maria hat kein seelisches Polster. Sie lebt in einer Familie, in die man nicht gern hineinwachsen möchte, die auch kein Vorbild ist, der sie aber trotzdem gefallen möchte. Sie glaubt, dass sie das, was in dieser Familie am wichtigsten ist – die Religion – sehr ernst nehmen muss. Gleichzeitig versucht sie, sich dieser Familie zu entziehen, aber eben genau mit den Regeln der Familie.
Was war der Auslöser für Sie? Welche Erfahrungen, vielleicht aus der Kindheit sind hier eingeflossen?
Dietrich Brüggemann: Die Idee war plötzlich da. Man schöpft aus allem, was man im Leben gehört, gesehen, erfahren, gelesen hat. Wir sind mit Religion aufgewachsen, aber längst nicht so radikal. Es war stinknormaler Alltagskatholizismus. Wir haben aber auch kurz bei den Pius-Brüdern reingeschaut, wir fanden das damals interessant. Irgendetwas springt heute in mir an, wenn ich sehe, dass da Leute Macht ausüben über andere, das man auf einen jungen Menschen, der sich erst bilden muss, einschlägt, um ihn klein zu machen. Was ein Baum werden sollte, wird zum Bonsai gemacht.
Anna Brüggemann: Religion hat für jeden eine Bedeutung, ob in der Nähe oder aus der Distanz dazu – man verhält sich zu ihr. Und sie ist ja wahrlich nicht auf dem Rückzug, ob islamisch, katholisch oder evangelisch. Überall gibt es diesen Hang zu extremen Strömungen, darum lag es in der Luft, davon zu erzählen.
Könnte der Film auch religiöse Gefühle verletzen?
Anna Brüggemann: Ja, das denke ich schon. Aber uns ging es darum, über eine fundamentalistische Ausprägung der Religion zu reden. Wir wollen nicht die Religion an sich angreifen. Unser Thema ist, was geschieht, wenn man eine Ideologie über den Menschen stellt. Das könnte auch eine Partei sein, eine evangelikale Freikirche oder ein Banker.
Wie arbeiteten Sie beim Schreiben?
Anna Brüggemann: Eigentlich ist das immer die gleiche Methode. Wir errichten zunächst so etwas wie ein Haus, machen uns klar, wie alles abläuft, bauen erst mal die Welt um die Figuren herum auf. Aber die Dialoge schreibt Dietrich.
Marias Geschichte richtet sich nach den 14 Stationen des Kreuzwegs, die in ungeschnittenen Einzelszenen präsentiert werden. Die Kamera steht fest. Die Schauspieler agieren im Grunde wie im Theater.
Dietrich Brüggemann: Nur dass man im Theater keine Großaufnahmen hat, ein entscheidender Unterschied, und dass man einen großen Raum bespielt und keinen intimen Kino-Raum wie bei uns. Es war schnell klar, dass es ein Film in festen Tableaus sein sollte. Diese Arbeitsweise habe ich öfter erprobt. Was nicht heißt, dass ich nur solche Filme machen möchte. Hier hatte es viele Vorteile, gerade für die Schauspieler wie unsere großartige Lea van Acken als Maria, die die ganze Szene ohne Unterbrechungen durchspielen konnte. Die uralte Form, dass man als Betrachter von Bild zu Bild gehend, sich in den Leidensweg Jesu hineinmeditiert, bringt etwas in den Menschen zum Klingen, sonst gäbe es diese Form nicht.
Das Gespräch führte Knut Elstermann.
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