Simon-Paul Wagner aus "Marienhof"

Warum ein Schauspieler einen Juwelierladen in Berlin eröffnet

Als „Marienhof“ eingestellt wurde, gab das Schicksal ihm einen Wink: Schauspieler Simon-Paul Wagner hat nach dem Ende der Serie einen Juwelierladen in Berlin-Wilmersdorf eröffnet. Zusammen mit Mama.

Andreas Kurtz
5 Min
Simon-Paul Wagner und Mary Muhsal als Marlon und Lilli in „Marienhof“

Simon-Paul Wagner und Mary Muhsal als Marlon und Lilli in „Marienhof“

© ard Lizenz

Man kennt sein Gegenüber, kommt aber partout nicht auf den Namen. Das kann einen in den Wahnsinn treiben. Im Juwelierladen in der Blissestraße 17 in Wilmersdorf ist die Gefahr besonders groß. Diesen sehr blonden jungen Mann hat man doch schon mal irgendwo gesehen…

Solchen fragenden Blicken hält Simon-Paul Wagner hinter seinem Tresen ohne Probleme stand. Die Leute erinnern sich an Marlon Berger. In seiner Hauptrolle im ARD-„Marienhof“ trug er elf Jahre diesen Namen: „Von mir aus hätte das noch 100 Jahre weitergehen können, denn gelangweilt habe ich mich nie.“ Als das Ende in Sicht war, hatte er noch ungefähr vier Jahrzehnte Berufsleben vor sich. „Damals bin ich in mich gegangen.“

Der Schauspieler dachte über die Chancen nach, die ihm sein Beruf bot. Und entschied sich, etwas dazuzulernen. „Ich habe sechs Monate Praktikum bei einem Juwelier gemacht, Goldschmiede- und Buchhaltungskurse besucht.“ Womit Wagner in den Schoß der Familie zurückkehrte. „Ich war von Klein auf in jeder freien Minute im Juwelierladen meines Vaters, den schon mein Großvater Paul Wagner 1921 in der Altstadt Spandau gegründet hatte und den heute meine Schwester führt. Der kleine Simon-Paul brauchte keinen Stabilbaukasten: „Wenn im Laden ein Wecker aussortiert wurde, durfte ich den auseinandernehmen und wieder zusammenbauen.“

Als „Marienhof“ eingestellt wurde, gab das Schicksal ihm einen Wink. Mutters Juwelierladen am Fehrbelliner Platz musste schließen, weil das Haus, in dem er sich befand, abgerissen wurde. „Ich kam gerade aus München zurück und wusste: Das ist meine Chance! Schlag zu, pack die Mutter mit ein, mach es!“ Die Stammkunden seiner Mutter sind mit umgezogen und halten ihr auch im neuen Laden des Sohnes die Treue. Die Leute mögen den Service vom Juniorchef, der eine Wanduhr nicht einfach bloß einpackt und über den Ladentisch schiebt, sondern nach Hause liefert und aufhängt. Er denkt da praktisch: „Wenn die Uhr auf dem Weg nach Hause kaputt gehen würde, wären wir ja die Blamierten.“

Auch in seinem ersten Beruf hat Wagner nie darauf gewartet, dass jemand etwas für ihn erledigt. So ging das schon los. „Ich habe mit zehn Jahren das Telefon in die Hand genommen, die Auskunft angerufen, mir die Nummern von Schauspielagenturen geben lassen und dort angerufen. Die Hälfte hat aufgelegt. Die hielten das wohl für einen Kinderstreich.“ Eine Agentin, Jacqueline Rietz, war von diesem aufgeweckten Kerlchen beeindruckt: „Sie hat gesagt: Komm’ doch mal mit deiner Mutter vorbei.“ Und wurde seine erste Agentin.

Heute sitzt Mutter im Geschäft des Sohnes. Simon-Paul ist der Chef, sie seine Angestellte. Die Frage, ob er ihr 2014 ein Weihnachtsgeld gezahlt habe, verneint sie. Und fügt lächelnd hinzu: „Rechnen kann er.“ Der Sohn zeigt stolz eigene Entwürfe für Schmuckstücke und erzählt von einem besonders ausgefallenen Kundenwunsch: „Wir haben den Zahn einer toten Katze in Gold nachgegossen und daraus einen mit Brillanten besetzten Anhänger gemacht.“

Auch wenn er der Chef ist, greift Simon-Paul Wagner täglich selbst zum Staubsauger und wischt anschließend feucht durch. Das gehört einfach dazu. Wie auch Überfälle in unregelmäßigen Abständen. „Wir hatten schon alles, inklusive Pistole am Kopf.“ Allerdings versuchen es bei ihnen nur die besonders dämlichen Räuber. „Wir haben hier in der Straße viel Zivilpolizei. Es dauert nie länger als eine Minute, bis die da sind.“ Und dann gibt es da noch eine Regel bei den Wagners: „Bei uns kommt keiner mit Beute raus.“ Falls es einer bis auf den Fußweg vor dem Laden schafft, lernt er die Mama kennen, die sich mit Anlauf in die Rucksackposition beim Kriminellen bringt. Den Rest erledigen die Zivilpolizisten.

Vom Mond aus zu sehen

Auch wenn Wagner Inhaber eines Juweliergeschäfts ist, hat er sich nicht von der Schauspielerei verabschiedet. Jedes halbe Jahr schickt er Fotos an die Castingagenturen. Die letzten Aufträge waren Werbespots für eine Schuhfirma, ein US-Pharmaunternehmen und Whisky. Seit er nicht mehr auf die Schauspielerei angewiesen ist, geht Wagner viel entspannter zu Castings und kann seinen ersten Beruf, der jetzt sein zweiter ist, wieder genießen.

Wagner fühlt sich in seiner neuen Hauptrolle als Unternehmer wohl. Und hat schon Ideen für den nächsten Laden: „Der wird süß und ungesund.“ Wagner will mit Süßigkeiten aus aller Welt handeln, die er selbst lecker findet und im Angebot hiesiger Geschäfte vermisst. „Die Möbel für den Laden sind fertig, Lieferanten habe ich auch schon. Nur die passende Immobilie fehlt noch.“ Aber eines steht schon fest. Wagner grinst breit: „Dieser Laden wird dermaßen bunt, dass man ihn vom Mond aus sehen kann!“

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