DRESDEN. Ein Gefühl für den richtigen Auftritt hat Simone Henneck. Resolut stürmt die groß gewachsene Frau mit der blonden Kurzhaarfrisur in den Anhörungssaal des sächsischen Landtags, wo gleich ihre Befragung durch den Untersuchungsausschuss zum sogenannten Sachsen-Sumpf beginnen wird. Demonstrativ knallt die ehemalige Mitarbeiterin des sächsischen Verfassungsschutzes, zuständig für organisierte Kriminalität, das dicke Buch mit der Strafprozessordnung auf den Tisch und lässt sich seelenruhig von den Fotografen und Kameraleuten ablichten.Der Auftritt soll demonstrieren, dass sie ein ruhiges Gewissen hat, dass sie um ihre Ehre kämpfen will. Erst später, wenn die Fotografen weg sind, wird sie still eine kleine Plüschfigur mit goldenen Flügeln aus der Tasche holen und auf das Buch vor sich legen. "Dein Schutzengel" steht auf dem Jäckchen, das die Figur trägt.Simone Henneck ahnt wohl, dass mit der Strafprozessordnung allein dieser Kampf, den sie führt, nicht gewonnen werden kann. Sie ist selbst Staatsanwältin gewesen in Sachsen, und sie hat ein paar Jahre lang als Verfassungsschützerin die Wucherungen der organisierten Kriminalität im Freistaat unter die Lupe genommen. Da weiß man, wie das läuft, wenn man wie sie die Staatsregierung herausgefordert hat. Einer mächtigen Gegnerschaft steht man da plötzlich gegenüber - Politikern, Juristen, Journalisten, einstigen Kollegen.Drei Jahre lang, von 2003 bis 2006, hatte Simone Henneck im Dresdner Landesamt für Verfassungsschutz das Referat für Organisierte Kriminalität (OK) geleitet. Sie und ihre zwölf Mitarbeiter trugen zusammen, was sie von V-Leuten mit Decknamen wie "Jaguar", "Asterix" oder "Gemag" über die Machenschaften osteuropäischer und italienischer Mafiabanden und deren Verbindungen in Politik und Wirtschaft in Sachsen erfahren hatten. Diese Informationen füllten Hunderte von Aktenordnern mit mehr als 15 000 Seiten. Als im Mai 2007 Auszüge dieser geheimen Akten öffentlich wurden, bebte der Freistaat.Das Wort vom "Sachsen-Sumpf" war in aller Munde, bundesweit berichteten die Medien über Netzwerke aus Kriminellen, Politikern, Juristen, Polizisten und Verwaltungsangestellten in sächsischen Großstädten wie Leipzig und Dresden.Nach kurzer Zeit aber schon nannte die Staatsregierung den Sachsen-Sumpf das Hirngespinst einer durchgeknallten Verfassungsschützerin: Simone Henneck habe ein Gebräu aus Gerüchten und Halbwahrheiten aufgebauscht, um sich wichtig zu machen, erklärten Innenministerium und der neu eingesetzte Verfassungsschutzchef. Am 3. Juli 2007, zwei Monate nach den ersten Schlagzeilen über den Sachsen-Sumpf, wurde Simone Henneck von Rettungssanitätern aus dem Landesamt getragen - Nervenzusammenbruch. Noch auf der Trage, kaum bei Sinnen, erfuhr sie vom herangeeilten Verfassungsschutzchef, dass man ein Disziplinarverfahren gegen sie einleiten werde.Inzwischen laufen fünf Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft gegen sie, bei einem davon kennt sie noch nicht einmal den Straftatbestand, den man ihr vorwirft. Das Disziplinarverfahren des Landesamtes ist in den letzten zwanzig Monaten dreimal um neue Vorwürfe erweitert wurde. Eine Hexenjagd nennt Simone Henneck das vor dem Untersuchungsausschuss, und sie spricht von Mobbing und Psychoterror. Schwer krank sei sie darüber geworden, und nicht vernehmungsfähig, sagt sie. Einen notwendig gewordenen Klinikaufenthalt habe sie verschoben, um am Dienstag ein zweites Mal innerhalb von vier Wochen Fragen im Ausschuss zu beantworten.Die 50-Jährige ist beherrscht und spricht mit fester Stimme. Von der CDU-Fraktion und dem Vertreter der Staatsregierung, die sie in Widersprüche verwickeln wollen, lässt sie sich nicht beirren.Sie überzeugt mit ihren Aussagen. Der immer wieder kolportierten Version, die Vorwürfe beruhten auf den Aussagen einer einzigen Quelle, eines inzwischen auch suspendierten Kriminalhauptkommissars aus Leipzig, hält sie die Akten entgegen. Daraus gehe hervor, dass es eine Vielzahl von V-Leuten und Auskunftspersonen gegeben habe, deren Informationen man ausgewertet habe. Simone Henneck argumentiert klar und kann jede noch so detaillierte Nachfrage beantworten. Ein Arbeitstier war diese Frau, das wird klar, eine, die jeden Vermerk ihrer Mitarbeiter nachprüfte und sich noch am Abend von ihren Leuten berichten ließ, wenn die gerade vom Treff mit einem V-Mann zurückkehrten. Ihr Eifer war unter dem alten Verfassungsschutzchef wohl gelitten. Noch im September 2006 wurde sie von ihm mit einer Prämie für "eine herausragende besondere Leistung" geehrt: 2 383,25 Euro betrug diese Prämie.Diskrete GesprächeAls der Chef krank wurde und der Stellvertreter die Geschäfte über Monate hinweg führte, wurde es schwieriger. Im November 2006 etwa bekam sie Ärger, weil sie in der Parlamentarischen Kontrollkommission des Landtags, so sagt sie, nicht die "linientreuen Antworten" gab, die der Vize ihr vorher aufgeschrieben hatte.Für noch mehr Aufregung im Untersuchungsausschuss sorgte eine andere Aussage von ihr: Demnach habe der damalige Verfassungsschutzchef im Januar und Februar 2006 drei Abgeordnete von SPD und CDU in diskreten Gesprächen über Erkenntnisse des OK-Referats informiert. Auch Namen seien dabei gefallen, insbesondere von Personen, die in dem Netzwerk von Kriminellen, Richtern und Politikern in Leipzig eine Rolle spielen sollen.------------------------------Foto: Ex-Staatsanwältin Simone Henneck trat vor dem Untersuchungsausschuss auf. Sie fühlt sich gemobbt.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de