Hören wir mal bei Urs Fischer rein, beim Trainer des 1. FC Union Berlin, der am Donnerstagabend beim Europa-League-Gastauftritt seiner Mannschaft in Malmö mit ansehen musste, wie törichte „Fans“ aus einem Spiel ein Skandalspiel machten. Der Schweizer Fußballlehrer, der trotz einer 45-minütigen Unterzahlsituation mit seiner Elf beziehungsweise seiner Zehn zu einem 1:0-Erfolg gekommen war, sagte im Nachgang: „Dass eine Minderheit es einfach immer wieder hinbekommt, dass man nicht über das Spiel spricht. Da fehlen mir die Worte. Das finde ich beschämend.“ Wobei einem am Donnerstagabend als Journalist Ähnliches durch den Kopf ging. Ja, dass es eine Minderheit immer wieder hinbekommt, dass man nicht nur über das Spiel und über den Fußball schreiben kann, sondern sich auch mit dem düsteren Rahmenprogramm auseinandersetzen muss, ist vor allen Dingen eins: ärgerlich.
Schweizer Riegel 2.0: Wie Union-Coach Fischer die Gegner zur Verzweiflung bringt
Es war jedenfalls so, dass die Begegnung zwischen dem schwedischen Rekordmeister und dem Tabellenführer der Bundesliga nach etwa einer Stunde Spielzeit durch Schiedsrichter Halil Umut Meler unterbrochen werden musste. Dass zu diesem Zeitpunkt ein Abbruch wahrscheinlicher als eine Fortsetzung war, weil es auf den Tribünen urplötzlich zu einer Eskalation der Dummheit gekommen war.
Grüße vom Stadtrivalen
Feuerwerkskörper flogen dabei in hohem Bogen auf das Spielfeld, aber auch von Fanblock zu Fanblock. Ein schwerer Böller detonierte in der Nähe der Gäste-Kurve, Bengalos wurden da wie dort entzündet, Polizei marschierte auf, schaffte einen Puffer zwischen den Fangruppen. Und in Anbetracht der großen Menge an Pyrotechnik, die da zum Vorschein kam, war schnell klar, dass es sich hier nicht etwa um einen spontanen, sondern um einen geplanten Clash zwischen den Anhängern beider Mannschaften handelte. Dazu muss man wissen, dass die Fans von Malmö FF eine Fanfreundschaft mit den Fans von Hertha BSC verbindet. Ja, womöglich waren es sogar Fans des Stadtrivalen des 1. FC Union, die am Donnerstag im Eleda-Stadion zugegen waren und ein großes Transparent mit der Aufschrift „Berlin ist blau weiß“ präsentierten.
Auf der anderen Seite waren unter den eisernen Anhängern allerlei Vermummte zu sehen, gewaltbereite Sturmhaubenträger, die auf so einen Moment der Provokation letztendlich wohl nur gewartet hatten. Die schließlich mit ihrer kriminellen Reaktion das Image der Union-Fangemeinde doch heftig beschädigten. Von wegen alles edle Ritter, von wegen alles im Griff.
Am Sonntag in Stuttgart
Union-Präsident Dirk Zingler gab unter dem Eindruck der Vorkommnisse Folgendes zum Besten: „Natürlich ist es auch ein bisschen ein getrübter Sieg. Es ist nicht zu akzeptieren, nichts und niemand hat etwas auf dem Rasen und in anderen Blöcken zu suchen. Die Malmöer laden sich Leute aus der Hauptstadt ein, wir laden uns Leute vom Dorf ein – und dann haben wir gegenseitig unsere Gäste nicht im Griff. Das ärgert mich total. Das kennen wir nicht, das machen wir nicht – und hier machen wir es plötzlich. Da bin ich stinksauer drüber.“ Und: „Das werden wir auswerten mit der Szene, das ist ganz klar. Am Ende sind es immer wenige. Das hört sich zwar an wie eine Floskel, aber es ist die Wahrheit.“
Man darf gespannt sein, zu welchen Ergebnissen und Konsequenzen dieses „Auswerten“ führt. Vielleicht braucht es dann doch eher eine strafrechtliche Verfolgung, um die Urheber des Eklats ausfindig zu machen und entsprechend zu sanktionieren.
Ach ja, der Fußball. Durch den ersten Sieg im dritten Europa-League-Spiel wahrten sich die Köpenicker die Chance auf den Einzug ins Achtelfinale. Als Siegtorschütze wurde Sheraldo Becker gefeiert. Er traf nach einem Gegenangriff, der von Robin Knoche maßgeblich geführt wurde, in der 68. Minute mit einem platzierten Schuss in die lange Ecke. Zum Glück im Besonderen für András Schäfer, der kurz vor der Pause nach einem schweren Stockfehler und einer folglich notwendig gewordenen Notbremse die Rote Karte gesehen hatte. Mehr Fußball und das hoffentlich ohne negative Begleiterscheinungen gibt es im Zusammenhang mit den Eisernen wieder am Sonntag: Bundesliga, 19.30 Uhr, Auswärtsspiel beim VfB Stuttgart, das Ziel: Tabellenführer bleiben.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de