Er schoss heraus, wie ein Krokodil, das nach seiner Beute schnappt. „Die ersten 45 Sekunden sind für mich entscheidend. Dort gibt es diese aggressiven, scharfkantigen Kurven.“ In die will sich der Amerikaner werfen, mit äußerstem Risiko die perfekt geschliffenen Kanten seiner Carver auf die Piste drücken, Geschwindigkeit entwickeln. Er kann das wie kein anderer Fahrer.
Als Miller am Donnerstag über die Ziellinie in Krasnaja Poljana schoss, hatte er 2:07,75 Minuten für den Kurs gebraucht. Kein anderer Fahrer war schneller an diesem Morgen. „Unglücklicherweise vergeben Sie keine Medaillen für Trainingsläufe, sonst würde ich heute ausflippen“, sagte er direkt nach dem Training. Wenig später erschien er mit dem US-Speed-Team im großen Pressekonferenzsaal in den Bergen über Sotschi. Und während er zum Podium lief, tippte er noch schnell ein paar Sätze auf das Display in seinem Mobiltelefon.
Für einen, der als Sohn eines Hippie-Paares ohne Strom aufwuchs und der statt in die Schule zu gehen von seiner Mutter Jo unterrichtet wurde, haben die Errungenschaften der modernen Technik mittlerweile immense Bedeutung. Denn alles, was zuletzt über das durchaus turbulente Privatleben von Bode Miller und den Sorgerechtsstreit um seinen Sohn an die Öffentlichkeit drang, basierte auf Kurznachrichten, die er an seine frühere Freundin oder an seine aktuelle Frau geschickt oder die er von ihnen bekommen hatte.
Unglaubliche Balance
Erst kürzlich hat Miller einem Stern-Reporter erzählt, wie froh er darüber sei, nach eineinhalb Jahren Verletzungspause endlich wieder zurück zu sein im alpinen Sport. Auf dem Terrain, das er beherrscht, seit er als Dreijähriger auf dem Cannon Mountain in den Weißen Bergen von New Hampshire zum ersten Mal einen Abhang hinuntersauste. „Es ist meine Art, mich auszudrücken, mich der Welt mitzuteilen. Nicht Ski fahren zu dürfen ist schrecklich. Es ist, als wäre ich stumm“, sagte er.
Nun kann die Welt wieder Anteil nehmen an den sportlichen Auftritten von Bode Miller, an seiner unglaublichen Körperbalance und seinen atemberaubenden Ritten ins Tal. Neben dem Snowboarder Shaun White gilt er als einer der großen Wintersporthelden der USA.
In Sotschi nimmt er zum fünften Mal an Olympischen Spielen teil. 2010 gewann er in Vancouver die Goldmedaille in der Super-Kombination, er wurde Zweiter im Super-G und Dritter in der Abfahrt. Und zuletzt hat er Ende Januar beim Weltcup in Kitzbühel im Super-G gezeigt, dass mit ihm zu rechnen ist.
Seine Frau Morgan, die ihr Geld als Model und Beachvolleyballprofi verdient, twitterte zu diesem Rennen: „Ein weißer Spandex-Ganzkörperanzug ist der Alptraum einer Frau. Aber Mr. Miller sieht guuuuut aus und schnell.“ Mr. Miller wurde dann Zweiter hinter dem Schweizer Didier Defago. Und Mrs. Miller ließ übers Internet wissen, wie stolz sie auf ihren Ehemann ist: „So proud of my hubby.“
Der Hubby von Mrs. Miller saß also am Donnerstag vor der Weltpresse und sagte, der Abfahrtskurs in Rosa Chutor sei wirklich eine Herausforderung. „Es ist der schwierigste, den wir in dieser Saison gesehen haben. Und die Chance ist sehr hoch, hier einen Fehler zu machen.“
Natürlich hat er sich vorbereitet auf seine alpinen Rennen hier, von denen das erste, die Abfahrt, am Sonntag um 11 Uhr beginnt. Um mit mittlerweile 36 Jahren noch konkurrenzfähig zu sein, hat Miller von seinen ursprünglich 100 Kilo nun etwa 13 abgenommen. Er glaubt, dass es für ihn darauf ankommen wird, die Kurven technisch sauber zu fahren, weil er weiß, dass es bessere Gleiter gibt. Es gebe kaum noch Rennen, bei denen das Gleitvermögen und damit das Gewicht entscheidet.
Der Erfolg im ersten Training war ein schöner Auftakt für Bode Miller, dennoch wirkte er angespannter als seine Teamkollegen – so, wie er da saß, die Sonnenbrille über seine blaue Mütze geschoben. Was er bisher von den Spielen und ihren Begleitumständen halte, wurde Miller gefragt. „Vieles hier ist noch nicht fertig gebaut. Manches wirkt eilig hingeschludert“, sagt er. „Aber sogar damals bei den Spielen in Salt Lake waren noch ein paar Dinge zu tun.“
Und die Terrorgefahr? Die Homophobie-Debatte? „Ich bin jetzt bei meinen fünften Olympischen Spielen“, antwortete Miller, „es war jedes Mal so, das vorher Sorgen und Bedenken eine große Rolle gespielt haben. Aber wenn die Wettkämpfe beginnen, wird sich der Fokus verschieben. So ist das heute, wo es so viele Medien gibt und sich Nachrichten so schnell verbreiten.“
Der Mann, der ohne Strom aufwuchs, hat sich der neuen Zeit angepasst. Auf der Piste und daneben. Vermutlich sind nicht nur die knapp 38 000 Follower auf seinem Twitter-Account darauf gespannt, ob Mrs. Miller in Sotschi erneut stolz auf ihren Hubby sein kann.
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