Doch vor zwei Jahren verlängerten die Österreicher plötzlich Pointners Vertrag nicht und ersetzten ihn in der Phase eines Generationswechsels ihrer Erfolgsgarde durch Heinz Kuttin. Dem geht das Siegen ohne die Stars nicht mehr so leicht von der Hand. Es gab Achtungserfolge, aber keine Kontinuität. Stattdessen gilt als gesichert, dass der Beste des Teams, Gregor Schlierenzauer, in seinem derzeitigen Tief nicht nur die Skiflug-WM am Kulm in Österreich auslässt, sondern wohl auch den Rest der Saison. Es könnte also der Zeitpunkt gekommen sein, zu dem ein ehrgeiziger Österreicher denkt: Mein Land braucht mich jetzt.
Nur kommt das für Werner Schuster nicht infrage. „Das ist geklärt“, sagt er, „den Heinz schätze ich sehr, der macht einen Topjob. Und ich habe letztes Jahr ein klares Bekenntnis zum deutschen Verband abgegeben.“ Im November 2014 hat er seinen Vertrag beim DSV bis 2019 verlängert. Er will die Früchte seiner Arbeit ernten, schließlich hatte er das deutsche Skispringen am Tiefpunkt übernommen mit berühmten Springern wie Martin Schmitt, die über ihrem Leistungszenit waren, aber zu ihren Erfolgszeiten den Aufbau einer jungen Generation blockiert hatten.
Neue Strukturen, neue Denkweisen
Schuster half, neue Strukturen, Arbeits- und Denkweisen einzuführen. Statt Stützpunkte autonom vor sich hin werkeln zu lassen, folgen nun alle einer gemeinsamen Lehre. „Ich habe viel investiert“, sagt Schuster, „und ich habe diesen Generationswechsel hinter mir. Ich habe Leute übernommen die im Herbst ihrer Karriere waren und wir haben das Maximale herausgeholt.“
Seit vergangenem Jahr sammelt Schuster die Belohnung seiner Aufbauarbeit: Das Team gewann in Sotschi die olympische Goldmedaille, Topspringer Severin Freund räumte ganz groß ab. Er gewann die Weltmeistertitel im Skisprung und Skiflug und den Gesamtweltcup. Bei der Vierschanzentournee sicherte sich das Team um Freund, Richard Freitag, Andreas Wank und Andreas Wellinger das beste Ergebnis seit 13 Jahren. „Jetzt haben wir eine Mannschaft, die so wie der Sevi am Zenit ist, und manche sind noch vor ihrem Zenit“, schwärmt Schuster, „mit den Leuten möchte ich schon noch weiterarbeiten.“
Womöglich liegt es auch daran, dass er besondere Beziehungen zu Deutschland pflegt. Schließlich ist er als Kleinwalsertaler in Oberstdorf im Allgäu geboren. Von da liegen München und Stuttgart näher als Österreichs 600 Kilometer entfernte Hauptstadt. „Wenn du in der Gegend aufwächst, dann ist dir der Wiener irgendwie fremd“, sagt Schuster, „ich bin mit der D-Mark groß geworden.“
Harte Entscheidungen
In Österreich hatte er selbst vergeblich an einer großen Skispringerkarriere gearbeitet und sich deshalb aufs Studieren verlegt: neben Sport auch Psychologie. Er lernte das breite Spektrum von der Kunst des Zuhörens bis zur Intonation der unmissverständlichen Bestimmtheit. „Leistungssport ist Leistungssport“, sagt er, „und manchmal kommt man an einer knallharten Entscheidung nicht vorbei.“ Weil Landsmann Kuttin als Stützpunkttrainer in Oberhof nach Schusters Amtsantritt zu große Ambitionen auf den Nationaltrainerposten in Deutschland hatte, sorgte er auch dafür, dass der DSV und Kuttin sich trennten. Und als Marc Nölke unter Alkohol ausfallend wurde, ließ Schuster 2010 nach einem halben Jahr den von den Österreichern abgeworbenen Trainer feuern.
Sein Einfühlungsvermögen bewies er, als Martin Schmitt mehr seiner Meriten als seines Leistungsvermögens wegen Startplätze bekam. „Ich habe immer so einen ganzheitlichen Ansatz gehabt. Man darf den Menschen hinter der ganzen Fassade nicht vergessen“, sagt Schuster, „ich habe mir viele Gedanken gemacht, wie man Martin Schmitt begleitet, dass der einen ordentlichen Abgang hat. Ich hab ihn immer verteidigt, dass er so lang gesprungen ist, weil das für ihn emotional brutal wichtig war, sich langsam von diesem Sport zu lösen. Wir haben das in Anbetracht der Umstände, dass das Leistungsvermögen nicht mehr am obersten Level war, ganz gut über die Bühne gebracht.“
Wichtiger noch war Schusters Bereitschaft, den Nachwuchs in den Weltcup einzuführen. Er integrierte junge Springer wie Freitag oder Wellinger, während er darauf achtete, dass an den Stützpunkten neue junge Leute ausgebildet wurden. „Wenn man ein Loch aufreißt, wird’s schwierig, fragen sie mal nach bei den Finnen“, sagt er. Mit den Erfolgen des vergangenen Jahres und bei der Tournee nun hat er „gewissen inneren Frieden gefunden: Das Projekt Deutschland anzugehen war mutig, hat sich aber jetzt schon rentiert, und ich glaube, die Geschichte ist noch nicht zu Ende geschrieben.“
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