Skisprung

Kleeblatt im Stiefel

Nach zweijähriger Pause kam der Finne Janne Ahonen in den Sport zurück, den er geprägt hat, wie kaum ein anderer. In Klingenthal machte er die ersten Sprünge beim zweiten Comeback.

Karin Bühler
4 Min
Zurück auf der Schanze: Janne Ahonen, Skisprung-Ikone aus Finnland.

Zurück auf der Schanze: Janne Ahonen, Skisprung-Ikone aus Finnland.

© AP/dpa/Jens Meyer Lizenz

Dass der Finne, der jahrelang so sehr darum bemüht war, seine Emotionen für sich zu behalten, in Klingenthal von Aufregung sprach, lag an den zwei Jahren Pause, die er eingelegt hat. Zwei Jahre ohne den Sport, den er in den vergangenen 20 Jahren geprägt hat wie kaum ein anderer. Es waren zwei Jahre, in denen sich Ahonen mehr Zeit als sonst für seine Söhne nahm. Mico, 11, trainiert in Lahti bereits auf der großen Schanze. Den Nervenkitzel der Skisprung-Wettbewerbe substituierte Ahonen durch Dragster-Rennen – in Boliden mit Motoren, die mehrere tausend PS stark sind.

"Ich liebe diesen Sport"

Aber um die zweite Jahreswende herum fing er an, das Skispringen zu vermissen. Er rang mit sich, wog die Risiken und Vorteile ab, sah, wie sich die finnischen Springer im Weltcup und auch bei der Vierschanzentournee überaus erfolglos mühten. Er fühlte: „Die Motivation ist zurück. Ich liebe diesen Sport. Es hilft vielleicht ein bisschen, wenn ich zurückkomme.“

Seitdem er 1992 im Weltcup debütierte, hatte Ahonen fünf WM-Titel gewonnen und zwei Mal den Gesamtweltcup. Niemand außer ihm erreichte fünf Mal den Gesamtsieg bei der Vierschanzentournee. Von fünf Olympischen Spielen kam er zwar mit Mannschafts-, aber bisher ohne Einzelmedaillen zurück. Bei seinem letzten Versuch, 2010 in Vancouver, musste er sich im Einzelspringen mit Platz vier begnügen. „Dieses Mal bin ich in besserer Form als bei meinem ersten Comeback vor zwei Jahren“, sagte Ahonen. „Und ich bin motivierter.“ Er wurde in der Öffentlichkeit und bei den Sponsoren auf Anhieb wieder zum Zugpferd der Mannschaft.

Dass die Anzüge der Springer in der vorigen Saison nach dem Reglement des Ski-Weltverbandes (Fis) noch einmal enger gemacht worden sind, kommt Ahonen zudem entgegen. „Es ging noch mal Tragfläche weg vom Körper. Da muss der Körper alleine besser fliegen. Sportler wie Janne Ahonen, Noriaki Kasai oder Jakub Janda sind noch aus der Generation, in der das Material weniger eine Rolle gespielt hat“, sagt der deutsche Bundestrainer Werner Schuster.

Olympia als Ziel

Ahonen trainierte wieder mit Ari Saukko, dem Mann, der ihn schon als Achtjähriger angeleitet hatte und der seine Alkoholprobleme offenbar überwunden hat. Sogar am Sommer-Grand-Prix, den er früher verächtlich Mickey-Maus-Wettbewerb genannt hatte, nahm Ahonen teil. Sein Gewicht, sagte er, habe er während der Skisprung-Pause „auf einem Okay-Level“ gehalten. Die vier überschüssigen Kilos habe er mit Beginn des Trainings ohne Hungerei und ohne krasse Diät verloren. „Ich kann ganz normal essen.“

In Klingenthal blieb Ahonen in der Mixed Zone immer wieder stehen, um die Fragen der Reporter zu beantworten, geduldig, freundlich und so ausführlich, wie es sein Englisch eben zuließ. Die Winterspiele in Sotschi im Februar 2014, sagte er, seien natürlich eines seiner größten Ziele. „Aber ich wäre auch ohne Olympische Spiele zurückgekommen. Ich wollte wieder auf ein Toplevel kommen, egal, ob bei einer WM, der Vierschanzentournee oder bei Olympia.“

Ahonen hat sich auf die ersten Sprünge beim zweiten Comeback auch deshalb gut vorbereitet, weil er weiß, dass seine Rückkehr das Risiko des Scheiterns birgt. Finnlands Olympiasieger von 1992, Toni Nieminen, fürchtet gar, dass Ahonen mit seinem Ruf spielt: „Der Druck auf ihn wird unvorstellbar sein. Es geht um seine Glaubwürdigkeit.“

Das vierblättrige Kleeblatt klebte er in seinen Stiefel

Für Ahonen ist bei der Vorbereitung vieles Routine gewesen: das Gewichtestemmen, das Hürdenlaufen, die Einheiten im Windkanal, aber auch die Fahrt nach Vääksy, einem Dörfchen im Norden seiner Heimatstadt Lahti, auf den Hof seiner Großmutter im Sommer. Dort suchte er die grüne Wiese ab. „Es hat einige Minuten gedauert, aber dann habe ich ein vierblättriges Kleeblatt gefunden.“ Ahonen klebte es als Talisman unter den Innenschuh seines Skistiefels. Als übergeordnete Macht für den Flug durch die Luft. „An irrationale Dinge zu glauben, ist eigentlich nicht meine Art. Ich weiß auch nicht, warum ich das mache“, sagte Ahonen. „Aber ich habe das in den vergangenen 20 Jahren so gemacht. Ich muss es weiter tun.“

Bereits im Sommer-Grand-Prix hatte Ahonen einen sehr durchtrainierten Eindruck gemacht. „Er ist richtig bissig“, findet Bundestrainer Schuster. „Er hat sich gut überlegt, ob er noch mal zurück kommt. Eine Olympiamedaille zu gewinnen, wird für ihn sicher sehr schwer. Aber dass er jederzeit unter den besten zehn oder drei auftaucht, glaube ich sofort.“ In Klingenthal wurde Ahonen vom Wind auf Platz 16 gepustet.

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