Slavoj Žižeks Gedanken zu Flucht und Terror

„Vielleicht ist globale Solidarität eine Utopie“

Ein Blick auf Slavoj Žižeks „Der neue Klassenkampf – Die wahren Gründe für Flucht und Terror“. Sein neuester Versuch, uns nicht nur unsere Geschichte, Gegenwart und Zukunft zu erklären, sondern uns auch dazu zu bringen, endlich das Richtige zu tun.

BLZ
8 Min
Ein berittener Poilzist führt eine Gruppe von Flüchtlingen nahe Dobova, Slowenien. 20. Oktober 2015. Inzwischen sollen auch deutsche Polizisten in Slowenien im Einsatz sein.

Ein berittener Poilzist führt eine Gruppe von Flüchtlingen nahe Dobova, Slowenien. 20. Oktober 2015. Inzwischen sollen auch deutsche Polizisten in Slowenien im Einsatz sein.

© Reuters Lizenz

Der 1949 im damals noch jugoslawischen Ljubljana geborene Slavoj Žižek ist einer der bekanntesten Philosophen der Welt. Er ist ein lacanistischer Klassenkämpfer, ein marxistischer Analytiker der Populärkultur von „King Kong“ bis Pussy Riot, ein Hegel-Exeget und Heidegger-Interpret.

Er denkt schneller, als er spricht, und er spricht schneller als Dieter Thomas Heck. Die Fragen eines Interviewers beantwortet er mit Überfällen von hundert Zitatenheckenschützen von Aristoteles bis zu den Simsons. Damit verglichen schreibt er mit ermüdender Langsamkeit. 2015 sind auf deutsch nur folgende Bücher erschienen: 13. März: „Blasphemische Gedanken – Islam und Moderne“ (Ullstein, 64 Seiten, 4,99 Euro), 1. Juli: „Psychoanalyse und die Philosophie des deutschen Idealismus“ (Turia +Kant, 479 Seiten, 29 Euro), 1. Oktober: „God in Pain – Inversionen der Apokalypse“ (Laika, 256 Seiten, 24 Euro), 22. Oktober: „Ärger im Paradies – Vom Ende der Geschichte zum Ende des Kapitalismus“ (S. Fischer, 368 Seiten, 24,99 Euro), 21. Dezember: „Der neue Klassenkampf – die wahren Gründe für Flucht und Terror“ (Ullstein, 96 Seiten, 8 Euro). Am 8. Dezember 2014 hatte Žižek als letztes Buch des Jahres bereits „Weniger als nichts: Hegel und der Schatten des dialektischen Materialismus“ (Suhrkamp, 1 408 Seiten, 49,95 Seiten) vorgelegt.

Widersprüche werden deutlich gemacht

Angesichts dieser Masse an bedruckten Seiten und angesichts der zu erwartenden Überfülle an Einfällen, Assoziationen, Ein- und Ansichten bleibt mir nur die massive Ungerechtigkeit der Beschränkung auf das kleine Pamphlet „Der neue Klassenkampf – Die wahren Gründe für Flucht und Terror“. Verglichen mit dem Tempo, mit dem Slavoj Žižek durch Weltgeschichte und Weltpolitik hetzt, ist Lützows wilde, verwegene Jagd eine Proust’sche Schlenderei durch den Bois de Boulogne. Natürlich geht dabei manches verloren. Womöglich auch dem Autor selbst.

Auf Seite 81 zum Beispiel wird der Klassenkämpfer für einen Augenblick lang zum Idylliker. Er schreibt: „Vor der Kolonialisierung bestanden die Länder der Dritten Welt meistens aus autonomen, relativ isolierten lokalen Gemeinschaften. Erst die kolonialen Besatzer brachten diese traditionellen Ordnungen und Lebensweisen völlig aus der Bahn und führten zu den großen Wanderungsbewegungen (nicht zuletzt durch den Sklavenhandel).“ Das ist kompletter Humbug. Der Sklavenhandel, das weiß Žižek, ist deutlich älter als der europäische Kolonialismus, und es bedurfte auch nicht dessen, um Völkermord und Ausbeutung in die Welt zu bringen. Eine halbe Seite weiter schreibt Žižek denn auch: „Was, wenn Nordsibirien bewohnbarer und landwirtschaftstauglicher wird, während große Regionen Afrikas südlich der Sahara zu sehr austrocknen, als dass dort noch eine nennenswerte Bevölkerung leben könnte. Wie wird man diesen Bevölkerungsaustausch organisieren? Als ähnliche Dinge in der Vergangenheit geschahen, vollzogen sich die sozialen Veränderungen in wilder, spontaner Weise, mit Gewalt und Zerstörung …“

Ein paar Zeilen zuvor noch hatte Slavoj Žižek uns davon überzeugen wollen, dass die Menschheit sich bis zum europäischen Kolonialismus in „autonomen, relativ isolierten, lokalen Gemeinschaften“ organisiert hatte, jetzt erzählt er uns das Gegenteil. Er tut das einfach nacheinander. Er bezieht die eine Behauptung nicht auf die andere.

Er entwickelt sie nicht, er macht ihren Widerspruch nicht deutlich. Das hat einen einfachen Grund: Slavoj Žižek ist ein Boxer. Er mag sich nicht abmühen und auf die Deckung des Gegners eindreschen. So würde sich ein Kritiker verhalten, der sich die stärksten Punkte des Kontrahenten aussuchte. Žižek dagegen versucht, seinen Gegner dort zu treffen, wo er ungeschützt ist. Er vernachlässigt darüber die eigene Deckung. Er kann das verbal problemlos tun. Niemand ist schnell genug, ihm mit einem Argument in seinen Redefluss hineinzugrätschen. Während man noch „Idylle“ ruft, zerstört er sie schon wieder, und man kommt sich – angesichts der eigenen Lahmarschigkeit – selbst wie ein Idylliker vor.

Žižeks Vision bringt das Problem auf den Punkt

Auch seinem Leser versucht Slavoj Žižek sein Tempo aufzuzwingen. Er weckt die Lust am Gedankensurfen, an der Geschwindigkeit und ihren Räuschen. Aber so mancher hält zwanzig, dreißig Seiten durch, dann geht ihm die Puste aus, und er muss sich setzen. Jetzt nimmt er einen Bleistift und macht Anmerkungen zu dem, was Slavoj Žižek schreibt. Ist das „Untersagen von jeglicher Kritik am Islam“ tatsächlich ein linkes Tabu, wie Žižek schreibt? Da setzt der Leser noch ein vorsichtiges Fragezeichen an den Rand. Aber ein paar Seiten später, als ein „Man kann sich gut vorstellen“ ein Argument ersetzt, da beginnt eine kritische Auseinandersetzung mit Slavoj Žižek. Mit vielen Strichen und Unterstreichungen, mit Frage- und Ausrufezeichen. Žižeks Art zu denken wird immer deutlicher. Nein, nein. Nur die Art, wie er hier, in dieser Kampfschrift, in diesem Pamphlet, denkt. Keine Ahnung, ob er in seinen großen Abhandlungen nicht vielleicht doch seine Gedanken ganz anders bewegt.

Hier jedenfalls killt er einen Popanz nach dem anderen. Jeden für sich. Will er den Europäern an den Leib, schlägt er sie mit allem, was ihm dazu gerade einfällt, will er „die Armut zu einer ontologischen Entität von eigenem Rang“ sehen, dann schreibt er, es gebe „keine Nullebene der Menschlichkeit mehr, auf der wir alle gleich sind“.

Möchte er uns unsere Illusionen über die Flüchtlinge austreiben, dann schreibt er ein paar Zeilen später: „Was, wenn sie kennenzulernen offenbart, dass sie mehr oder weniger genau so sind wie wir – ungeduldig und gewalttätig, fordernd …“ Auch diese Äußerungen folgen aufeinander wie das Trommelfeuer der Schläge eines Leichtgewichtlers in einer der ersten Runden. Die einzelnen Hiebe sind von sehr unterschiedlicher Güte, aber die Geschwindigkeit, mit der sie auf die Gegnern einprasseln, lässt die nach Luft ringen.

Geschwindigkeit ist aber ganz sicher nicht Slavoj Žižeks einzige Qualität. Erinnern Sie sich an „Nordsibirien“? Von der Austrocknung Zentralafrikas durch die globale Erwärmung ist überall die Rede, auch was das für Mitteleuropa bedeutet, wird in unseren Zeitungen angesprochen. Viel seltener schon ist die Rede von der immer wichtiger werdenden Nordostpassage. Und von Nordsibirien ist allenfalls im Zusammenhang mit der Suche nach Rohstoffen die Rede.

Aber Žižeks Vision bringt das Problem auf den Punkt. Völkerwanderungen waren immer auch Völkerverschiebungen. Die Pygmäen wurden von den Vorgängern der Bantus in die unwirtlichen Gefilde vertrieben, in denen sie heute leben. Die einen treiben die anderen vor sich her. Es sind eben nicht nur Wanderungen, sondern auch Druckwellen.

Es ist keineswegs gesagt, dass angesichts der Klimakatastrophe die aus der Subsahara geflohenen afrikanischen Stämme stracks an Mitteleuropa vorbei in die fruchtbar gewordenen Weiten Nordsibiriens ziehen und dort weiter Ackerbau und Viehzucht betreiben werden. Es wäre ein sehr eigentümlicher Geschichtsverlauf. Aber. Ein dickes Aber. Denn genau das ist die Stelle, an der Slavoj Žižeks Gedankengang einsetzt. Der Kommunismus, die bewusste Organisation des gesellschaftlichen Lebens, soll genau das möglich machen. Der Kommunismus ist auch bei Žižek wieder einmal der einzige Ausweg aus der Katastrophe, auf die die Menschheit zurast. Der Weg dorthin ist der des neuen, des globalisierten Klassenkampfs.

Von beneidenswerter Hellsichtigkeit

Das letzte Kapitel der Streitschrift heißt „Was tun?“, ist knapp 15 Seiten lang und endet mit den Sätzen: „Vielleicht ist eine solche globale Solidarität eine Utopie. Doch wenn wir nichts tun, dann sind wir wirklich verloren, – und verdienen es, verloren zu sein.“ Der letzte Satz zeigt Žižek als Moralisten. Das ist nämlich, streng genommen, nicht einer, der sich moralisch verhält, sondern einer, der das tut, weil er sich einbildet, nur so im Einklang mit dem Gang der Weltgeschichte zu stehen. So einer ist Žižek. Die Weltgeschichte ist aber nicht das Weltgericht. Es gibt keine Instanz, von der wir schuldig oder frei gesprochen werden. Es gibt keine Hölle und keinen Himmel. Und niemals gab es ein Paradies.

Slavoj Žižek ist großartig, wo er die Dinge beim Namen nennt, wo er uns den Kopf wäscht und uns klarmacht, dass Flüchtlinge keine besseren Menschen sind. Er ist von einer beneidenswerten Hellsichtigkeit, wenn er erklärt: „Um des Chaos’ Herr zu werden, braucht es eine gesamteuropäische Koordination und Organisation. Dazu gehört die Einrichtung von Aufnahmezentren in der Nähe der Krisengebiete (in der Türkei, in Libanon, an der syrischen und der nordafrikanischen Küste), wo Tausende registriert und digital erfasst werden müssen; dazu gehört die organisierte Weiterreise derjenigen, die sich in Europa registrieren dürfen, sowie die geordnete Verteilung auf potenzielle Orte, an denen sie bleiben können. Das Militär ist der einzige Akteur, der eine solche gewaltige Aufgabe in organisierter Weise leisten kann.“

Seine Hellsichtigkeit ist nicht kalt. Žižek ist begeistert. Diese Begeisterung hat auch mit der Freude an der Schärfe seines Blickes zu tun. In Wahrheit aber speist sie sich aus ganz anderen Quellen. Žižek kann auch das Schrecklichste in aller Deutlichkeit sagen, weil es nicht sein letztes Wort ist. Die Militarisierung zum Beispiel ist für ihn nicht der Untergang des demokratischen Europa, sondern die große, die einzige Chance zum Übergang in die vom ihm ersehnte kommunistische Gesellschaft. Žižeks Pathos ist nicht das des Kommunistischen Manifests. Es kommt eher von Nietzsche: „Im Gegensatz zum klassischen Marxismus, wo die ‚Geschichte auf unserer Seite ist‘, ist der große Andere in der gegenwärtigen Konstellation gegen uns. Auf sich allein gestellt führt der innere Schub unserer historischen Entwicklung in die Katastrophe, die Apokalypse; was diese Katastrophe aufhalten kann, ist daher purer Voluntarismus, das heißt, unsere freie Entscheidung, gegen die historische Notwendigkeit zu handeln.“

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