Ob er gut damit zurechtkommen würde, dass vor dem Slopestyle-Finale am Sonnabend auch das Training in der Halfpipe ansteht, wurde Shaun White gefragt. Nach kurzem Nachdenken senkte er seine Stimme und sprach langsam, jedes Wort betonend, in Superman-Diktion: „Ich verlasse mich auf meine Superkräfte.“ Sein langhaariger und vollbärtiger Teamkollege Danny Davis, der neben ihm saß, schaute verwirrt. Dann lachten beide. Und White fuhr mit gewohnter Stimme fort: „Einen Tag Training zu verlieren, ist hart, speziell auf einer neuen Strecke.“
Wenige Stunden nach der Pressekonferenz twitterte der US-Verband eine Nachricht, die Whites schräge Schauspieleinlage erklärte. Das Slopestyle-Finale findet ohne den 27-Jährigen statt. Einen Tag vor den Qualifikationsläufen verkündete er seinen Rückzug aus dem Wettbewerb, der in Sotschi zum ersten Mal olympisch ist.
Ikone einer Sportart
Vielleicht hat White der Kurs abgeschreckt. Nach einem Trainingssturz zu Beginn der Woche hatte er sich bereits leicht am Handgelenk verletzt. Vermutlich aber hat der Halfpipe-Olympiasieger der beiden vergangenen Winterspiele einfach keine Lust, den Ruf des Unbesiegbaren beim Slopestyle leichtfertig zu riskieren. Er wolle sich ganz auf seinen dritten Titel in der Halfpipe konzentrieren, ließ er auf der Verbandshomepage wissen.
Shaun White ist eben nicht mehr „The Flying Tomato“, die fliegende Tomate, wie man ihn bei seinem Einstieg in die Profiszene wegen seines Rotschopfs und seines jungenhaften Charmes nannte. Spätestens seit 2006, als er sich mit dem Olympiasieg in Turin ins öffentliche Bewusstsein schraubte, ist er die globale Ikone seiner Sportart, das Gesicht in den Werbekampagnen von Weltkonzernen. Er ist das Zugpferd einer Wachstumsbranche und der Repräsentant für den frischen Wind, den sich die Olympier wünschen. Einer, von dem alle nicht nur Siege erwarten, sondern die besten Tricks, den besten Style.
Aber der Druck auf ihn ist größer geworden. Er hängt nicht mehr ständig mit den Leuten aus der Snowboardszene ab. Zuletzt war er oft mit dem israelischen Model Bar Refaeli zu sehen. Die Haare trägt er jetzt kurz, und auf vielen Bildern ist seine Wandlung zum seriösen Krawattenträger zu bestaunen. „Was ist mit Ihren langen Haaren passiert?“, fragte ein Reporter.
White lachte. „Ich nehme die Dinge ernster. Das passiert, wenn man älter wird. Aber ich bin immer noch der Gleiche“, sagte White. „Schließlich war es rebellisch, meine Haare abzuschneiden. Alle dachten, das würde ich nie tun.“
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