Ein nebliger Januarmorgen im Plänterwald: Feger und Moritz machen Frühstückpause. Mit weichen Lippen zupfen sie Heu aus ihren Futtersäcken. Rotbraune Kaltblüter im rotbraunen Buchenlaub. Es ist ein schönes Bild. So oder ähnlich standen Pferde schon vor Hunderten von Jahren in den Wäldern, bereit, den Menschen bei der schweren Forstarbeit zu helfen.
Eine halbe Stunde später ziehen die beiden Wallache den ersten von vielen Baumstämmen. Sie steigen dabei über liegende Äste, Zweige klatschen gegen Brust und Kopf, hin und wieder röhrt eine Kettensäge, die beiden stört das wenig. Und selbst, wenn sie mal etwas beunruhigt, wie ein mit Flatterband umwickelter, bizarr geformter Riesenbaumstumpf, drängen sie sich höchstens aneinander, setzen ihre muskulösen Beine ein bisschen energischer in den Boden.
Schräg hinter ihnen geht Forstwirtin Janine Birkholz. Mit leisen Kommandos und Zügelhilfen lenkt sie das Gespann. Wenn eine Kette hakt oder das Holz befestigt werden muss, steht oder hockt sie direkt hinter den mächtigen Hinterteilen und -hufen: Moritz ist um die 700 Kilogramm schwer, Feger wiegt noch 50 mehr.
„Ohne Vertrauen geht gar nichts“: Gefällte Baumstämme zum Forstweg zu befördern ist Teamarbeit zu dritt.ämme zum Forstweg zu befördern ist Teamarbeit zu dritt.
© Sabine Rohlf
„Gelassen bleiben ist die Devise, immer schön bestimmt und ruhig. Und ohne Vertrauen geht gar nichts“, erklärt sie die Arbeitsbeziehung zwischen Mensch und Tier. Wenn so ein Koloss nicht will, wird es schwierig. Janine Birkholz arbeitet bei der Revierförsterei Grünau. Bei der Arbeit nennen sie alle „Kutscher“, die korrekte Bezeichnung ist Forstwirtin mit der Zusatzausbildung Gespannführerin.
Sie arbeitet seit zehn Jahren mit Rückepferden, so heißen die tierischen Waldarbeiter. Ihr Kollege Robert Springer ist für Moritz zuständig, ein Schwarzwälder Kaltblut wie Feger. Tier und Mensch bilden ein Zweierteam, wenn nicht, wie an diesem nebligen Januartag, zwei Pferde für die starken Stämme zusammengespannt werden.
Maschinen machen vieles kaputt
In den Berliner Forsten gibt es sechs Rückepferde: Zwei sind in der Revierförsterei Dreilinden untergebracht, zwei in Spandau, zwei in Grünau. Die städtischen Wälder werden naturnah bewirtschaftet, nach den Regeln des Forest Stewardship Council (FSC) und des Naturland-Verbandes.
Schwere Maschinen dürfen nicht überall in den Wald, sie machen viel kaputt und verdichten den Boden sehr. Pferde sind da eine gute Alternative, ihre Hufe hinterlassen trotz des Gewichts, das auf jedem von ihnen lastet, kaum Schäden. Sie dürfen selbst Naturschutzgebiete betreten, etwa die Flächen um den Teufelssee oder der Krummen Lanke.
Feger und Moritz „rücken“ heute Buchenstämme an den Forstweg: aufräumen nach dem letzten Sturm. Ein oder zwei Stämme werden mit Eisenketten an ihrem Geschirr befestigt, dann ziehen sie sachte an. Birkholz sagt „Hü“, „Brr“, „Hot“ und „Wist“ oder auch „Zupp“, um die Pferde rechts, links oder rückwärts zwischen liegenden Ästen und Baumstämmen durchzulenken. Die Kommandos kommen aus Süddeutschland wie die beiden Schwarzwälder Kaltblüter. „Dort gibt es mehr Rückepferde als bei uns“, erzählt Birkholz. „Sie arbeiten in Hängen, in die keine Maschine kommt.“
Deutlich günstiger, aber ohne Aus-Knopf
Nachdem Mitte des 20. Jahrhunderts Pferde fast komplett aus dem Wald verschwanden, kommen sie seit einiger Zeit wieder mehr zu Einsatz. In Berlin ziehen sie Stämme und bei Pflanzarbeiten auch einen Pflug. Außerdem holen sie Traubenkirschbäume aus dem Boden. Statt Kraftstoff oder Schmieröl verlieren sie höchstens mal einen Pferdeapfel. Sie sind leise und brauchen keinen Diesel, sondern Heu.
In der Anschaffung deutlich günstiger als eine Maschine, sind sie etwa zehn Jahre im Einsatz. Der Nachteil: „Sie müssen auch am Wochenende versorgt werden, da braucht man schon Herzblut“, meint Kutscherin Birkholz, die sich diese Aufgabe mit Kollegen teilt. Anders als beim Traktor gibt es keinen Aus-Knopf. „Und wenn etwas schief läuft, ein Stamm doch einmal zu schwer ist oder fest hängt, wenn etwas wehtut oder die Kraft nachlässt, blinkt kein Lämpchen. Da müssen wir immer genau hinschauen, wie es dem Pferd gerade geht.“
Natürlich bewegt eine Vollerntemaschine, auch Harvester genannt, mehr Holz auf einmal. Die Alternative zum Rückepferd ist aber eher ein Traktor mit langen Ketten, der Stämme aus dem Wald herauszieht. Der wird nie müde, schafft auch die allerdicksten Stämme, beschädigt das Holz aber auch stärker, was den Verkaufswert senkt.
Pro Kaltblut rechnet man etwa 1,5 PS
Eine Diplomarbeit an der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg vergleicht diese Faktoren detailliert. Ihre Autorin Julia Wirth kommt zu dem Schluss, dass die landläufige Meinung, Pferdearbeit sei schön für die Umwelt aber unwirtschaftlich, differenzierteren Positionen Platz machen sollte.
Tatsächlich ist kaum einzusehen, warum alle über Wasser-, Wind- und Sonnenenergie sprechen, aber die tierische Muskelkraft ausklammern. Das Pferd versorgte den Menschen über Jahrtausende mit kinetischer Energie. Pro Kaltblut rechnet man etwa 1,5 PS, damit lässt sich einiges bewegen. Heute würde man ein Pferd zwar nicht mehr für Schwertransporte über lange Strecken einsetzen, wohl aber für filigrane Arbeit in sensiblen oder schwer zugänglichen Beständen.
Landesforstamt ist zufrieden
Das können die Tiere oft besser als schwere Fahrzeuge, und es ist auch nicht so beschwerlich. „Die Pferde können zwischen den Arbeitsgängen ausruhen, während sie zum nächsten Stamm geführt werden und warten, bis er an den Ketten befestigt ist“, erklärt Birkholz. Am sinnvollsten erscheint eine Kombination von Pferd und Maschine, die jeweiligen Vorteile sollten sich ergänzen.
Wie in Berlin. Das Landesforstamt jedenfalls ist mit seinen schnaubenden Mitarbeitern sehr zufrieden. Moritz und Feger ist das vermutlich egal, wenn sie nach Feierabend auf der Koppel hinter der Försterei entspannen und den letzten Sack ihrer täglichen 16 Kilogramm Heu verspeisen.
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