Kolumne Erziehung

Flüchtlingskinder: „So nah ist Schule manchmal am Weltgeschehen“

Oder: der Versuch einer Erklärung, warum Schulen und Schüler heute nicht mehr dasselbe leisten können wie vor zehn Jahren.

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Ein beschädigter Helm liegt auf dem Boden an einer Stelle, an der die Leichen von vier ukrainischen Soldaten gefunden wurden.

Ein beschädigter Helm liegt auf dem Boden an einer Stelle, an der die Leichen von vier ukrainischen Soldaten gefunden wurden.

© AP

Neulich war ich beim Elternabend meines Sohnes. Bei der Wahl des Gesamtelternsprechers für die Schule war auch der Schulleiter anwesend, ein sehr netter Mann. Er sagte, dass sein Gymnasium inzwischen 29 ukrainische Kinder und Jugendliche aufgenommen habe, die meisten klug und ungeheuer wissbegierig. Letzte Woche aber habe ein Junge die Nachricht erhalten, dass sein Vater als Soldat an der Front gefallen sei.

Die versammelten Eltern schwiegen, für ein paar Sekunden sah ich ein Schlachtfeld vor mir oder ein frisch ausgehobenes Massengrab in einem Wald.

„Ja, so nah ist Schule manchmal am Weltgeschehen“, sagte der Schulleiter. „Und was können wir jetzt tun, um den Jungen zu trösten?“

Der Schulleiter sprach auch von den 15 syrischen Mädchen und Jungen, die sie im Jahr 2015 aufgenommen hatten. Mit Stolz verkündete er, dass alle inzwischen einen Abschluss gemacht hätten. „Bis auf einen, der auf die schiefe Bahn geraten ist. Eigentlich ein intelligenter Junge, der …“ Leider habe ich den Rest des Satzes nicht verstanden, weil jemand in der Reihe vor mir so laut gehustet hat.

„Wir haben sehr engagierte Kollegen. Aber man muss sich auch klarmachen, was die alles auffangen müssen. Seit 2015 ist der Alltag an unseren Schulen deutlich anstrengender,“ sagte der Schulleiter.

Ich ging nach Hause durch den Herbstabend. Auf dem Asphalt glänzten die gelben Blätter, die von den nahen Bäumen herabgefallen waren. Ich dachte an ein Gespräch, das ich mit Gaby Plachy geführt hatte.

Gaby Plachy hat 18 Jahre lang die Havelmüller-Grundschule in Tegel geleitet, die gerade mit einem der Deutschen Schulpreise ausgezeichnet wurde. „Weil es schön ist, an dieser Schule Kind zu sein,“ so die Begründung eines Jurymitglieds.

Plachy erzählte, dass viele ihrer Schüler aus armen Familien stammen, sechzig Prozent Migrationshintergrund, viele Trennungen, viel Zeit allein vor irgendwelchen viereckigen Geräten: „Deshalb brauchen die Kinder heute von uns ganz viel Ruhe, Aufmerksamkeit und Fürsorge.“ Ich habe sie auch so verstanden, dass ihr Kollegium sehr viel Zeit und Mühe investieren muss, um die Kinder erst einmal in eine Art Bereitschaft zu versetzen für das Lernen. Deshalb, so Plachy, könnte man auch nicht mehr die gleichen Leistungsstände erwarten wie vor zehn Jahren.

Dazu passt, was der angesehene Bildungsökonom Ludger Wößmann vor ein paar Tagen in einem Interview gesagt hat. Dass nämlich die Schüler heute fast ein Drittel Schuljahr Rückstand haben im Vergleich zu den gleichaltrigen Schülern vor fünf Jahren. Und sogar ein halbes Schuljahr Rückstand verglichen mit den Schülern vor zehn Jahren.

Das ist eine schlimme Nachricht. Aber noch schlimmer ist, dass niemand sich darüber aufregt. Alle nehmen schulterzuckend zur Kenntnis, dass die Fähigkeiten der deutschen Schüler beim Lesen, Schreiben und Rechnen seit Jahren rückläufig sind. Und auch, dass die Corona-Krise zu schweren Einbußen geführt hat. Deshalb wünscht sich Wößmann eine Art zweiten „Pisa-Schock“. Denn der erste im Jahr 2000 war ja ein Weckruf für die deutsche Gesellschaft.

Wie damals müssen wir die Bildungsausgaben und Bildungsanstrengungen in diesem Land verdoppeln. Wir müssen die Belastungen der Kollegien anerkennen und mehr gute Leute aus allen Teilen der Gesellschaft in die Schulen holen, die ihnen unter die Arme greifen.

Die Kolumne
Susanne Schleyer

Die Kolumne

Eva Corino schreibt bei der Berliner Zeitung über ihre Herzensthemen Bildung und Familie. Ihre Kolumne handelt von Erziehungsthemen, die eine „subkutane Aktualität“ haben.
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