Folk

Der folkige Fiktionen-Flüsterer: So gut war Buck Meek in der Berghain-Kantine

Buck Meek ist nicht bloß Gitarrist der gefeierten Folk-Band Big Thief, sondern er wandelt auch auf Solo-Pfaden. Wie war sein einziger Deutschland-Auftritt der Tour?

Max Marin
4 Min
Der Natur verbunden: Buck Meek auf dem Cover seiner neuen Solo-Platte „Haunted Mountain“

Der Natur verbunden: Buck Meek auf dem Cover seiner neuen Solo-Platte „Haunted Mountain“

© 4AD/Beggars

Buck Meek betrat die rot beleuchtete Bühne der Kantine am Berghain und begann ohne große Einleitung mit seinen Liebesliedern. Und so sollte es auch während des gesamten Sets bleiben. Die Geschichten werden in den Liedern erzählt – und nicht im Geschwätz eines Texaners, der für eine Sommernacht in Berlin hier auf der Bühne steht.

Meek, der eher als virtuoser Gitarrist und Mitbegründer der beliebten amerikanischen Indie-Band Big Thief an der Seite von Adrienne Lenker bekannt ist, ist kein Songwriter, der allzu viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, auch nicht vor vollem Haus an dem 200 Personen fassenden Veranstaltungsort. Aber er ist auch nicht der typische Musiker aus der anderen, berühmteren Band, der sich für eine Solokarriere entschieden hat.

Sein Besuch in der deutschen Hauptstadt am Dienstag fand drei Tage vor der Veröffentlichung seines dritten Soloalbums „Haunted Mountain“ statt. Das Album markiert einen Wendepunkt für den 36-jährigen Songwriter, der als Folk-Rocker international auf Tournee ist, und es gehört zu seinem bisher reifsten Songwriting.

Meek hat „Haunted Mountain“ als Liebesalbum bezeichnet, und tatsächlich hatte man auch hier in der Berliner Berghain-Kantine das Gefühl, dass das Publikum im Laufe des Abends ein bisschen näher zusammenrückte, als die Songs die Kantine erfüllten. Wenn Meeks neues Album von Geschichten handelt, in denen es darum geht, „sich zu verirren und sich selbst zu finden“, wie Pitchfork es in einer Kritik formulierte, dann war der Auftritt im Schatten des kultigen Berliner Berghain-Clubs ein passender Veranstaltungsort.

Der Auftritt war auch ganz im Einklang mit dem Namen des Singer-Songwriters: „Meek“ bedeutet zu Deutsch „sanftmütig“. Momente plötzlicher Überschwänglichkeit, gefolgt von längeren Phasen sanfter Besinnung. Meek ist ein charmanter Erzähler, der eine Mischung aus dylanesken Geschichten, dem gedämpften Flüstern von Phil Elverum und den lieblichen, schwebenden Gesangsfluten des verstorbenen Arthur Russell bietet. Aber er lässt den Gesang nie die Instrumentierung überschatten. Seine Soloalben bieten einen traditionelleren, aber ausgefeilteren Folk-Sound als Big Thief.

Buck Meek in der Berghain-Kantine: Flickenteppich aus Fakt und Fiktion

Live lieferte die fünfköpfige Band von Buck Meek eine vertraute Rohheit, von kantigen Gitarrensoli über verspielte Rückkopplungen bis hin zu spritzigen Schlagzeugfills, die träge in die nächste Strophe abdriften. In diesem Outfit röhrte die Pedal-Steel-Gitarre! Gerade in den zarteren Momenten konnte man spüren, dass Meek das Publikum an der Stange hielt. In „Paradise“, einer Single aus dem neuen Album, sang Meek davon, das Göttliche in den Augen eines geliebten Gegenübers zu sehen, und bat auf eine etwas altkluge, aber doch auch liebenswerte Weise darum, ihm den Himmel zu beschreiben. Im Song heißt es: „Du kannst darüber reden/ ich sehe es in deinen Augen/ erzähl mir vom Leben im Jenseits“.

„Das ist ein Hit“, sagte ein Fan zu einem Freund in dem ruhigen Moment nach dem Ende des Songs. Meek ließ diese Momente für sich sprechen und bedankte sich nur einige Male bei der Menge. „Eure Anwesenheit bedeutet mir so viel“, sagte er vor dem vorletzten Song. Sechs Worte – das Maximum, das er an diesem Abend zum Publikum sagte, außerhalb der Songs.

Vielleicht war es dann passend, das erste Set mit „Cyclades“ zu beenden, einem der beeindruckendsten Stücke des neuen Albums. Es ist auch ein Liebeslied – wenn auch ein eher unauffälliges. Über rollenden, dicht geschichteten Gitarren erzählt Meek eine Geschichte über seinen Vater, der mit dem Motorrad in einen Elch krachte – und auch eine über Eltern, die wie durch ein Wunder einen Zusammenstoß mit einem Lkw überlebten, bevor Meek sich in der letzten Strophe laut fragt, ob all dies Besungene wohl wahr sei.

So gesehen ist der Song auch eine Ode an die Geschichten, die unser Leben ausmachen, an die Freude, unser Leben mit einer nach der anderen Story auszuschmücken – und sie wie einen absurden Flickenteppich übereinanderzulegen, bis wir nicht mehr zwischen Fakt und Fiktion unterscheiden können. „Es gibt zu viele Geschichten, die man sich merken muss“, heißt es im Refrain. „Es gibt zu viele Geschichten zu erzählen.“ Aber dann gibt es natürlich immer auch eine Zugabe.

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