Die Welt verbessern“ – das hört sich groß an, ist aber, wenn Till Rothmund davon spricht, eine entspannte Sache. Denn verbessern will der Social Muscle Club, den er zusammen mit der Performerin Jill Emerson nun ins Leben gerufen hat, zwar alles gründlich, aber nicht mit spitzem Lineal und Systemkritik, sondern klein, spielerisch, menschlich. Mit schriller Neonhaarperücke auf dem Kopf und viel Fantasie und Lebensfreude darin. Jeder Teilnehmer – und das sind alle, die kommen – muss hier sein eigenes Maß formulieren, was er brauchen, was er geben kann, doch bleibt niemand dabei nur auf sich fixiert, denn auf das Mit-Teilen kommt es an. Schließlich wird durch die fröhlichen Club-Gemeinschaft dann das Zuviele verteilt und das Zuwenige aufgefüllt.
So jedenfalls, in schönster Zwitterhaftigkeit aus Kunst und Unkunst, Spiel und Nützlichkeit präsentierte sich am vergangenen Mittwoch der Eröffnungsabend des Social Muscle Club (SMC). Die Kantine der Sophiensaele ist in warmes Licht getaucht, man sitzt an runden Tischen, Brot und Schokolade wird gereicht, Musik spielt, und schnell kommt man mit den Nachbarn ins Gespräch. Läppische Wohlfühlperformance aber wird nicht daraus, denn arg in Anspruch genommen werden die „sozialen Muskeln“ schon bald. Spätestens, wenn jeder zwei Zettelchen erhält, auf die zu notieren ist, was er nun zu vergeben habe, was er bräuchte.
Grenzbereiche
Das scheint einfach, ist tatsächlich aber ungeheuer schwer. Denn, den leeren Zettel vor Augen, schießen plötzlich die wildesten Kalkulationen, Tauschregeln und moralischen Wertwaagen durch den Kopf. Was kann man denn „geben“, ohne hier lächerlich zu wirken und was „brauchen“, das nicht Größenwahnsinn verrät? Darf man schreiben: „ein festes Einkommen“? Man darf. Lächerlich ist gar nichts in diesem Club, der gerade mit solchen Fragen ein herrliches Trainingsfeld entwirft auf der Grenze zwischen sozialem Handeln und freiem Spielen. Der SMC ist keine Börse, kein Tauschhandel, sondern er will eine „Feier“ sein, in der Begriffe wie „reich“ und „arm“ aktiv aus ihren Angeln gehoben und immer neu bestimmt werden. Und augenblicklang sprengt die Vieldeutigkeit dessen, was etwas „wert“ ist, auch alle Knoten im Kopf, werden die Auseinandersetzungen an jedem Tisch über das konkrete Geben- und Nehmenkönnen zur Einübung in Offenheit. Und über allem schwebt kabarettistische Leichtigkeit.
Auf der Bühne produzieren drei Musiker kauzig schönen Jazz. Dann stöckelt eine Frau mit strohblonder Langhaarperücke dazu und haucht eine ölige Schnulze ins Mikro. Plötzlich stockt sie, röchelt und hustet. Jemand reicht ihr Wasser, und sie beginnt von Neuem. Es ist Jill Emerson selbst und ihre kleine Röchelnummer bestes Ermutigungstheater für alle, die noch verkrampft über ihren Zetteln grübeln. Dass innerhalb der kurzweiligen drei Club-Stunden schließlich nicht nur geistreiche Unterhaltung, sondern beste Ratschläge und Hilfen ausgetauscht wurden, ist bezeugt: Das klapprige Fahrrad der Chronistin, das alle Werkstätten längst aufgegeben haben, wird bald eine helfende Hand bekommen.
Nicht auf Kriegsfuß stehen mit seiner Umwelt, sondern im Gegenteil sich ihr zuwenden, sie verstehen und was falsch läuft, im Kleinen und vor allem durch Gemeinschaft, ändern: Das ist der optimistische, tatkräftige Ansatz des SMC. Ob naiv oder nicht: An diesem Abend wirkt er prächtig. Alle zwei Monate wird der Social Muscle Club ab jetzt seine Tore öffnen und die „sozialen Muskeln“ seiner interessierten Teilnehmer trainieren: nicht zum Kampf, sondern zur kreativen Lockerung, zum mutigen Aus-sich-selbst-Heraustreten.
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