Ukraine-Krieg

Lateinamerikaner kämpfen für Kiew – Rekrutierer locken mit hohen Zahlungen

Argentiniens Justiz zerschlägt ein Netzwerk, das Kämpfer für die Ukraine angeworben haben soll. Auch in anderen Ländern läuft die Anwerbung über soziale Medien.

5 Min
Ein Militärseelsorger zündet während eines Gottesdienstes mit ausländischen Soldaten des Chartija-Korps eine Kerze an.

Ein Militärseelsorger zündet während eines Gottesdienstes mit ausländischen Soldaten des Chartija-Korps eine Kerze an.

© Viacheslav Madiievskyi/imago

Die argentinische Bundesstaatsanwaltschaft hat nach eigenen Angaben eine Organisation zerschlagen, die Menschen über soziale Netzwerke für den Kriegseinsatz aufseiten der Ukraine anwarb.

Wie die Behörde am Montag mitteilte, wurde in der Ortschaft Tigre in der Provinz Buenos Aires eine Frau festgenommen. Ihr Partner, der ebenfalls Teil der Gruppe gewesen sein soll, setzte sich wenige Tage vor dem Zugriff nach Brasilien ab und gilt als flüchtig. Gegen die Frau wird wegen Menschenhandels ermittelt.

Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft sprachen die Beschuldigten Zivilisten sowie ehemalige Angehörige von Militär und Sicherheitskräften über soziale Netzwerke an. Diesen sei angeboten worden, für sechs Monate bis drei Jahre in die ukrainische Armee einzutreten – gegen einen Lohn von rund 3000 US-Dollar monatlich.

Die genauen Vertragsbedingungen hätten die Werber aus angeblichen Sicherheitsgründen nicht offengelegt. Stattdessen erhielten die Angeworbenen einen auf Ukrainisch verfassten Vertrag für Tätigkeiten außerhalb des militärischen Bereichs.

Falsche Angaben am Flughafen

Aufgeflogen war der Fall bereits im März 2026, als der argentinischen Flughafenpolizei am internationalen Flughafen Ezeiza vier Männer auffielen, deren Angaben sich widersprachen. Den Behörden zufolge wollte keiner der vier gewusst haben, wer die Tickets gekauft hatte, wer sie in Europa in Empfang nehmen würde oder welche Aufgaben auf sie warteten. Sie besaßen keine Rückflugtickets und hatten kaum Geld für den Aufenthalt.

Laut Staatsanwaltschaft hatten die Werber die Reisenden angewiesen, gegenüber Flughafenpersonal und Fluggesellschaft eine erfundene Version zu erzählen: Sie sollten behaupten, für Arbeiten im Baugewerbe zu reisen. Die Ermittler sehen darin Merkmale einer organisierten, international agierenden Gruppe mit lokalen Anwerbern, die gezielt Menschen mit militärischem oder polizeilichem Hintergrund auswählten und für Gruppen Flüge ohne Rückkehr in Nachbarländer des Kriegsgebiets buchten.

Die Staatsanwälte warnen zudem, dass durch die Kosten für Reise, Ausrüstung oder Vertragsauflösung wirtschaftliche Abhängigkeiten entstehen könnten. Damit ließen sich die Betroffenen faktisch festhalten, was auf Zwangsarbeit hinauslaufen könne.

Im Juli 2026 veröffentlichte die internationale Polizeiorganisation Interpol eine sogenannte violette Ausschreibung, die dem Austausch von Erkenntnissen über die Vorgehensweise von Tätern dient. Eine Ermittlungsgruppe in Bogotá hatte dort ein ähnliches Schema in Bezug auf kolumbianische frühere Sicherheitskräfte beschrieben.

Anwerbung über soziale Netzwerke

Dass die Rekrutierung über soziale Netzwerke läuft, schildert auch die mexikanische Zeitung Milenio. In einer aktuellen Reportage kommt ein mexikanischer Kämpfer zu Wort, der sich Comando CM nennt und in der Brigade Chartija dient, einer 2022 in der Region Charkiw gegründeten Einheit der ukrainischen Nationalgarde, die ausländische Freiwillige rekrutiert. Er sei über TikTok auf die Einheit gestoßen und habe dann über den Messengerdienst WhatsApp Kontakt aufgenommen.

Der Mann, der im Jahr 2025 aus den USA abgeschoben worden sei, schildert in dem Bericht den Alltag an einem der härtesten Frontabschnitte. Am meisten hätten ihn nicht die Explosionen erschüttert, sondern die Geräusche. Umherliegende, verstümmelte und tote Körper habe er ständig gesehen. Nach seinen Angaben zahlte er nur den Flug von Mexiko nach Bogotá selbst, alles Weitere bis an die Front habe die Einheit übernommen.

Laut Milenio zeigen von der ukrainischen Kampagne veröffentlichte Videos Freiwillige aus Peru, Kolumbien, Brasilien, Mexiko, Argentinien und weiteren Ländern. Die meisten hätten zuvor als Soldaten, Marineangehörige oder Polizisten gedient, hinzu kämen etwa Ärzte, Pflegekräfte und Köche. Ein weiterer mexikanischer Kämpfer, der sich als früheres Marinemitglied bezeichnet, hebt in einem Video die Ausbildung im Umgang mit Drohnen hervor.

Die Ukraine wirbt seit 2022 über ein offizielles Rekrutierungszentrum für Ausländer sowie über Kanäle wie TikTok, Facebook und Instagram um Freiwillige. Nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums zählt Lateinamerika zu den wichtigsten Herkunftsregionen. Auf der Plattform JoinUArmy nennt die Brigade Chartija Zahlungen von 1100 US-Dollar für die Ausbildungszeit und 2800 US-Dollar für Einsätze, dazu 1670 US-Dollar für je 30 Tage an der Front.

Kolumbien als größtes Herkunftsland

Wie groß die Dimension der Anwerbung von Söldnern inzwischen ist, zeigen Zahlen aus Kolumbien, das zu den wichtigsten Herkunftsländern zählt. Nach Zahlen, die das Außenministerium der Zeitung El Tiempo mitteilte, kamen seit Beginn des russischen Angriffs im Februar 2022 mindestens 140 Kolumbianer in der Ukraine ums Leben, gut 500 gelten als vermisst.

Laut einer Untersuchung der ukrainischen Zeitung NV dienten seit 2022 bis zu 7000 Kolumbianer in der Ukraine – ukrainischen Militärquellen zufolge stellen sie rund 40 Prozent aller ausländischen Soldaten.

Kolumbien verfügt über die zweitgrößte Armee Lateinamerikas, jährlich scheiden mehr als 10.000 Soldaten aus dem aktiven Dienst aus. Während ein pensionierter Offizier auf eine Rente von etwa 700 US-Dollar im Monat kommt, liegt der Sold an der Front in der Ukraine zwischen 3000 und 5000 US-Dollar. Dazu kommen mögliche Prämien und Zahlungen im Todesfall.

Auch auf russischer Seite kämpfen Lateinamerikaner: Ein Ende April in Kiew vorgestellter Bericht mehrerer Menschenrechtsorganisationen schätzt deren Zahl auf 1000 bis 8000, viele davon durch Täuschung angeworben.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema