Moderne Zeitmessung lässt im Sport nicht viele Möglichkeiten für identische Leistung. Schon gar nicht bei einem Weltereignis wie Olympia, wo die Organisatoren alles doppelt und dreifach prüfen, um vor Milliarden Fernsehzuschauern weltweit mit größtmöglicher Präzision zu glänzen. Wenn es um Hundertstelsekunden geht, ist das weniger als ein Wimpernschlag. Insofern darf der Verlauf des Frauenabfahrtsrennens in Sotschi getrost als kleines Wunder in die Sportgeschichte eingehen: Die Schweizerin Dominique Gisin und Tina Maze aus Slowenien fuhren alle Rennabschnitte mit unterschiedlichen Zwischenzeiten, aber insgesamt brauchten beide bis zur Ziellinie exakt dieselben 1:41,57 Minuten, eine Zehntelsekunde weniger als die Schweizerin Lara Gut auf Platz drei.
Um die Auswirkungen der Leistungen der deutschen Teilnehmerinnen auf die Medaillenvergabe zu bemessen, hätte auch eine Kuckucksuhr genügt. Als Beste ihres Landes landete Maria Höfl-Riesch 1,07 Sekunden zurück auf dem 13. Rang. Etwas entsetzt registrierte sie später das Ausmaß von Olympias eigenen Gesetzen: Sogar die Ungarin Edit Miklós, 80. im Gesamtweltcup, rauschte auf der Alpinpiste von Rosa Chutor noch an ihr vorbei auf Rang sieben.
Höfl-Riesch jammert
„Zu den absoluten Favoriten hab’ ich vielleicht nicht mehr gezählt, nachdem es nicht so gelaufen ist im Training. Ich hab’ versucht, alles aus mir rauszuholen, aber es ist nicht so gelaufen. Viele Kurven waren nicht gut. Ich bin nicht gescheit über den Ski gestanden an einigen Toren“, jammerte Höfl-Riesch zwei Tage nach ihrer Goldmedaille in der Kombination, „meine Beine sind auch nicht mehr ganz so frisch. Es ist das erste Mal in der ganzen Saison, dass ich mich müde fühl’.“
Sieben Doubles: Bei Olympia in Sotschi wurden von Dominique Gisin und Tina Maze in der Frauen-Abfahrt erst zum siebten Mal bei Winterspielen zwei Goldmedaillen in einer Entscheidung gewonnen. Außerdem verlieh das IOC nach Skategate, dem Eislaufskandal von Salt Lake City 2002, auf massiven Mediendruck hin nachträglich zusätzliche Goldmedaillen an das angeblich durch ein Preisrichter-Komplott benachteiligte Eiskunstlaufpaar Jamie Sale/David Pelletier. Die Kanadier hatten zuvor Silber hinter dem russischen Paar Jelena Bereschnaja/Anton Sicharulidse gewonnen.
Schnelles Eis: Gleich zwei Mal schaffte Eisschnellläufer Jewgeni Grischin aus der UdSSR das Double. 1956 in Cortina d'Ampezzo über 1 500 Meter mit seinem Landsmann Juri Michailow, vier Jahre später in Squaw Valley mit dem Norweger Roald Aas. Schon 1928 in St. Moritz hatten Clas Thunberg (Finnland) und Bernt Evensen (Norwegen) 500-Meter-Gold geteilt.
Röhre und Spur: Die Rodel-Doppelsitzer Horst Hörnlein/Reinhard Bredow (DDR) und Paul Hildgartner/Walter Plaikner (Italien) siegten 1972 in Sapporo; im Zweierbob triumphierten 1998 in Nagano Pierre Lueders/David MacEachern (Kanada) und Günther Huber/Antonio Tartaglia (Italien); beim Skilanglauf- Jagdrennen kamen 2002 Frode Estil und Thomas Aalsgaard (beide Norwegen) zeitgleich ins Ziel,
Die beiden Siegerinnen verbindet mehr als die Zeitgleichheit. Sowohl Gisin, 28, als auch Maze, 30, haben eine schwere Phase durchstehen müssen. Die Schweizerin, die mit der Startnummer acht als erste eine Bestzeit vorlegte, hat ein typisches Rennfahrerinnenschicksal hinter sich: Wie Maria Höfl-Riesch nach ihren Kreuzbandrissen in beiden Knien, sammelte auch Gisin Erfahrungen damit, wie schwer es fällt, schnell zu fahren, wenn Angst die Courage erst einmal aufgefressen hat.
Gisin hat sich in den vergangenen Jahren hartnäckig mit Verletzungen herumgeplagt. Als sie sich im Februar 2007 im Training zur Abfahrt in Tarvisio bei einem Sturz Kreuz- und Innenband im linken Knie zerfetzte sowie das Knie-Innenband auf der anderen Seite anriss, erlebte sie schon ihre insgesamt siebte Knieoperation. Im Januar 2010 riss sie sich in der Abfahrt von Haus im Ennstal einen Innenmeniskus. In der Abfahrt der Vancouver-Spiele 2010 erlitt Gisin bei einem Sturz im Zielhang eine Gehirnerschütterung. Und im Januar 2012 verletzte sie sich im Abfahrtstraining in Cortina d'Ampezzo an Meniskus und Knorpel so schwer, dass sie danach die Saison vorzeitig beenden musste.
„Nach dem Vorfall hatte ich große Mühe, im Rennen alles zu geben: Ich habe lieber ein bisschen zu früh geöffnet vor den Sprüngen und mir lieber einen halben Meter mehr Platz in den Kurven genommen“, sagte die Schweizerin, „es war eine harte Zeit für mich – ich habe mich nicht mehr als Athletin gefühlt.“
Neuer Trainer zur rechten Zeit
Dann musste sie sich teamintern für Olympia qualifizieren. Und der Druck hat dafür gesorgt, dass sich die Blockade gelöst hat. Sie hat gewusst, dass nur alles oder nichts geht, weil sie sonst gar nicht mehr die Chance bekommt. Dann hat sie eine saubere Fahrt hingelegt. Und im Ziel gezittert bei jeder nachfolgenden Fahrerin. Als Maze, die Startnummer 21, oben glänzende Zwischenzeiten vorgelegt hatte, bessere als sie, hat sie sich sogar abgewendet, bis die Slowenin unten war. Dann hat sie es zwar grün blinken sehen auf der Tafel, was eigentlich heißt, dass es eine neue Bestzeit gibt. Aber der Unterschied hat gereicht: 0.00. „Die Hundertstel waren heute auf meiner Seite. Ich hab’ sehr viel Glück gehabt“, sagt Gisin, „jetzt fühle ich mich wieder als Athletin.“
Bei Tina Maze verhält sich alles weit weniger dramatisch. Die Slowenin hatte im vergangenen Winter alles in Grund und Boden gefahren und den Gesamtweltcup mit einer Rekordpunktzahl gewonnen. Danach war der Faden gerissen. In dieser Saison wollte nichts gelingen. So dass sie sich erst vor einigen Wochen zu einem überraschenden Schritt entschloss: Sie engagierte den von Lara Gut aussortierten Schweizer Trainer Mauro Pini. Der hat ihr natürlich nicht das Skirennlaufen neu beibringen können, aber offenkundig hat er ihr gerade rechtzeitig zu den Olympischen Spielen das Selbstvertrauen zurückgegeben.
„Olympia ist eine andere Welt. Ich hab’ meine ganze Konzentration auf diesen Wettbewerb gerichtet“, sagte Tina Maze, „viele Sachen hatten vorher nicht so funktioniert. Wir mussten etwas ändern; das war risikoreich, aber wenn du kein Risiko eingehst, gewinnst du nicht.“
Dass sie sich den Olympiasieg einträchtig teilen müssen, störte keine der beiden glücklichen Gewinnerinnen, schließlich bekommt jede ihre eigene Goldmedaille. Erfahrungen mit der Kuriosität haben sie ebenso gleichmäßig gefeiert, so dass ihr Olympiasieg wohl zwangsläufig so verlaufen musste. Beide hatten ausgerechnet ihren ersten Weltcupsieg auf dieselbe Weise erlebt. Tina Maze war 2002 sogar zeitgleich mit zwei Kolleginnen, der Norwegerin Andrine Flemmin und der Österreicherin Nicole Hosp, im Riesenslalom von Sölden angekommen. Dominique Gisin musste bei ihrem Debütsieg im Weltcup im Januar 2009 auf der Abfahrt in Altenmarkt-Zauchensee die Schwedin Anja Paerson mit auf die höchste Podeststufe nehmen. „Natürlich teile ich diesen Sieg gern mit Tina“, sagte Gisin in Sotschi, „sie ist eine der großartigsten Fahrerinnen, die wir haben.“
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