Sozialprojekt in Schöneweide

Auszeichnung für Obdachlosen-Uni

Der Brückenladen, eine Anlaufstelle für Wohnungslose und Suchtkranke, wird für sein Engagement geehrt. Wohnungslose können dort philosophische Fragen diskutieren oder an Koch- oder PC-Kursen teilnehmen.

Andrea Beyerlein
3 Min
Auch Tontöpfe bemalen können die Besucher des Brückenladens.

Auch Tontöpfe bemalen können die Besucher des Brückenladens.

© Christian Schulz Lizenz

Seilwinder ist Stammgast im Brückenladen und Gründungsmitglied der Obdachlosen-Uni, die dort ihren Sitz hat. Wohnungslose können dort philosophische Fragen diskutieren oder an Koch- oder PC-Kursen teilnehmen. Neuerdings gibt es auch eine Theater- und eine Trommel-Gruppe. Gelegentlich hält Seilwinder, gelernter Chemiefacharbeiter, selbst einen Vortrag. Der Titel: „Wie ich von der Straße kam.“

An diesem Vormittag halten sich rund ein Dutzend Frauen und Männer in dem gut 40 Quadratmeter großen Ladenraum auf. An dem einen Tisch wird lebhaft diskutiert, wie Moral- und Wertevorstellungen entstehen. An dem anderen Tisch glasieren einige Männer Töpferware. Dieter Friedrich malt gerade ein Bild. Tulpen. Sehr farbenfroh. Friedrich wohnt im „Haus Schöneweide“ gleich um die Ecke. Das ist ein Wohnheim für suchtkranke Männer, betrieben von der gemeinnützigen Gebewo GmbH. Sie ist auch Träger des Brückenladens.

Hemmschwellen werden abgebaut

Friedrich ist ein fröhlicher Mann. Er macht gerne Späße und lacht viel. Früher war er Hydraulikschlosser im Kabelwerk Oberspree, sein Traumberuf. Nach dem Mauerfall verlor er seine Arbeit, die Familie zerbrach. An vieles kann sich der 62-Jährige nicht mehr so genau erinnern. Der Alkohol hat seinem Gedächtnis geschadet. Im Brückenladen findet er Beschäftigung und trifft auf bekannte Gesichter. Die Atmosphäre ist sehr herzlich.

Das liegt auch an Sabine Hahn. Die 47-jährige gelernte Altenpflegerin und hat auch Kunst- und Gestalttherapie studiert. Sie leitet diese Anlaufstelle für Wohnungslose und Suchtkranke. Die meisten Besucher kommen aus dem „Haus Schöneweide“, aber danach fragt Hahn nicht. „Wir wollten uns öffnen, und das klappt inzwischen ganz gut.“ Manchmal komme eine Gruppe aus einer nahe gelegenen Kita vorbei und es gebe jetzt auch eine Töpfergruppe aus der Nachbarschaft. Immer öfter verschwinden die Hemmschwellen zwischen jenen Menschen, die ein ganz normales Leben führen und jenen, die irgendwann den Boden unter den Füßen verloren haben.

Eröffnet wurde der Brückenladen 2004, nachdem ein Antrag bei der Glücksspirale positiv beschieden wurde. Anfangs hat Sabine Hahn Jahr für Jahr gebangt, ob die Förderung weiter läuft. Mit der Zeit ist sie gelassener geworden. Das für das Arbeitsmaterial benötigte Geld bekommt sie inzwischen meist durch einen Verkaufsstand für Töpferwaren auf dem Rixdorfer Weihnachtsmarkt und durch Spenden zusammen. Acht Ehrenamtliche helfen mit. Als Hahn vor einiger Zeit einen Anruf von der Ike-und-Berthold-Roland-Stiftung aus Mannheim bekam und ein ihr unbekannter Mann die Auszeichnung des Brückenladens und der Obdachlosen-Uni ankündigte, glaubte sie an einen Scherz: „Ich dachte, das ist so ein Radio-Spiel wo die Leute veräppelt werden.“

Es war ernst gemeint: Am Freitag sind beide Einrichtungen für herausragende sozial-gesellschaftliche Tätigkeit ausgezeichnet worden.

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