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Aktie oder Option: Ist Elon Musks SpaceX wirklich 1,75 Billionen Dollar wert?

Warum klassische Bewertungsmodelle beim US-Raumfahrtkonzern an ihre Grenzen stoßen – und Anleger am Ende vielleicht vor allem einen Traum kaufen.

4 Min
Elon Musk hat sein Weltraumunternehmen an die Börse gebracht.

Elon Musk hat sein Weltraumunternehmen an die Börse gebracht.

© Xavier Collin/Imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


SpaceX ist mit einer Bewertung von rund 1,75 Billionen Dollar an die Börse gegangen. Selbst erfahrene Marktteilnehmer fragen sich: Ist das noch der Preis eines Unternehmens – oder schon der Preis eines Traums?

Um diese Frage zu beantworten, hilft eine fiktive Geschichte. Ein junger Finanzprofessor steht vor dem Dilemma: Seine Freundin schlägt vor, bei ihm einzuziehen. Er überlegt: Wenn wir zusammenziehen, sparen wir die Miete für die zweite Wohnung. Aber falls die Beziehung scheitert, müssten wir eine neue Wohnung suchen, was Kosten verursacht. Also argumentiert er nüchtern: Das Beibehalten der zweiten Wohnung sei wie eine Option: Man zahlt heute dafür, später nicht gezwungen zu sein, unter Zeitdruck eine neue Wohnung zu suchen. Er rechnet vor, dass diese Flexibilität einen gewissen Preis wert ist.

Was ist eine Option?

Auf den Finanzmärkten versteht man unter einer Option einen Vertrag, der dem Käufer das Recht, aber nicht die Pflicht gibt, einen bestimmten Vermögenswert (z.B. Aktien oder Anleihen) zu einem festgelegten Preis innerhalb einer bestimmten Frist zu kaufen oder zu verkaufen. Der Käufer einer Option zahlt eine Prämie. Dafür erhält er die Möglichkeit, von einer günstigen Entwicklung zu profitieren, ohne in gleicher Weise an einer ungünstigen Entwicklung teilnehmen zu müssen.

Ein wichtiger Punkt: Volatilität – ein Maß für Unsicherheit – beeinflusst den Optionspreis stark. Theoretisch gilt: Je größer die Volatilität, desto höher der Optionspreis. Denn große Schwankungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Option am Ende lohnt. Vereinfacht ausgedrückt: Unsicherheit schafft Wert.

Eine SpaceX-Falcon-Heavy-Rakete startet vom Kennedy Space Center in Florida.

Eine SpaceX-Falcon-Heavy-Rakete startet vom Kennedy Space Center in Florida.

© Joe Marino/Imago

SpaceX als Option auf die Zukunft

Was ist der Zusammenhang zwischen einer Option und SpaceX-Aktien? Beim SpaceX-Börsengang kommen keine Anteile an einem Unternehmen an den Markt, dessen künftige Gewinne sich exakt prognostizieren ließen. SpaceX ist vielmehr eine Wette auf Zukunftstechnologien: von satellitengestütztem Internet über private Raumfahrt bis hin zur Kolonisierung des Mars.

Das Besondere ist: Weder die künftigen Einnahmequellen noch der Zeitraum, in dem sich diese Zukunftswette erfüllen müsste, lassen sich gegenwärtig zuverlässig bestimmen. Niemand kann seriös abschätzen, welche Märkte in zehn oder zwanzig Jahren tatsächlich entscheidend sein werden. Klassische Bewertungsmethoden, die zukünftige Finanzströme abschätzen und abzinsen, greifen hier nur begrenzt. Sie müssen um eine Optionslogik ergänzt werden. So könnte man SpaceX als Option auf ein noch nicht bekanntes Geschäftsmodell ansehen.

Grob vereinfacht gilt: Je bekannter die Zukunft, desto weniger zahlt man für Optionalität. Gerade wegen – und nicht trotz – der Unsicherheit hat eine SpaceX-Aktie einen hohen Optionswert. Mit völliger Sicherheit über die Zukunft wäre SpaceX heute hingegen deutlich weniger wert.

Was die Optionslogik übersieht

Wie endet die einleitend erzählte Geschichte über die zweite Wohnung? Die Freundin antwortet: „Wenn du nicht genug Vertrauen in unsere Beziehung hast, können wir es gleich beenden.“ Kaum ausgesprochen, bricht sie die Beziehung ab.

Das Beispiel veranschaulicht die Grenzen eines reinen Optionskalküls. Indem er der Beibehaltung der zweiten Wohnung einen hohen Optionswert beimisst, signalisiert der junge Finanzprofessor damit sein mangelndes Vertrauen in den Fortbestand der Beziehung. Ironischerweise erzeugt er so genau das Worst-Case-Szenario, das er eigentlich durch die Option absichern wollte.

Genau darin liegt die Lehre für SpaceX. Optionslogik kann erklären, warum Unsicherheit wertvoll sein kann. Sie beweist aber nicht, dass jeder Preis vernünftig ist. Vielleicht kaufen Investoren keine Raketenfirma, sondern eine Option auf unbekannte Märkte. Vielleicht kaufen sie aber auch ein Signal: den Glauben an Elon Musk als Erzähler künftiger Welten.

Fidelio Tata ist Professor für Finanzwissenschaft an der International School of Management.

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