Spanische Fußball-Meisterschaft

Für Luis! Oder für Tito?

Weil Spaniens Meister im Spiel zwischen Barça und Atlético ermittelt wird, beschwören beide Klubs ihre Toten.

Martin Henkel
5 Min
Sieht aus wie Feueralarm, ist aber nur das Aufwärmtraining der Fußballprofis des FC Barcelona. Für Luis! Oder für Tito?Weil Spaniens Meister im Spiel zwischen Barça und Atlético ermittelt wird, beschwören beide Klubs ihre Toten.

Sieht aus wie Feueralarm, ist aber nur das Aufwärmtraining der Fußballprofis des FC Barcelona. Für Luis! Oder für Tito?Weil Spaniens Meister im Spiel zwischen Barça und Atlético ermittelt wird, beschwören beide Klubs ihre Toten.

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Vorbei. Nichts ist mehr vonnöten, die Entscheidung um die spanische Meisterschaft mit Sinn und Verstand zu begleiten: kein Rechnen, kein Ohr am Radio, kein Blick auf die Anzeigetafel. In einem Spiel wird der Meister dieses Jahr ermittelt.

Sonnabend, 18 Uhr – entweder wird es der FC Barcelona, Hausherr und momentan Zweiter. Oder Atlético Madrid. Barça braucht dafür einen Sieg, Atlético reicht ein Remis. Vorteil Madrid suggeriert die Konstellation, weil Barça schon mal ein Tor hinten ist, und weil die Katalanen von fünf Partien gegen Atlético in dieser Saison nicht eines gewinnen konnten. Aber was heißt das schon?

Den Meister in nur einer Partie zu ermitteln, das ist wie Pokalfinale oder Champions-League-Endspiel – da entscheiden die kleinen Dinge. Auch die auf den Tribünen, was im Kopf schnell ermittelt war, also gab kein Barcelona-Mitglied seine Ansprüche auf einen festen Ligaspielsitz für dieses entscheidende Spiel frei. Und jetzt fahren die Madrilenen nicht einmal mehr zu einem Auswärtsspiel, sondern wie auf eine fremde Feier. 477 Plätze für die eigenen Fans – mehr waren für Atlético nicht drin. 477 von 98.787.

Die Colchoneros sind wieder die Underdogs

Das ist nicht mal mehr verschwindend wenig, das ist so gut wie nichts. Doch wie so vieles in dieser Saison spielt auch das Atlético in die Karten. Die Colchoneros waren schließlich von Anfang an nicht eingeladen zum ewigen innerspanischen Meisterschaftsduell zwischen Barça und dem Stadtrivalen Real Madrid, und sie haben sich wenig darum geschert. Waren oft die Underdogs und nutzten das mit nervenstarkem Konterfußball aus. Sie können bei zwei Punkten Vorsprung also auch gegen Barça tief stehen und warten. Und sollte die Geschichte eines Klubs Einfluss haben auf jeden Spieler, der an ihr teilhat, so stehen die Chancen auf den ersten Meistertitel seit 18 Jahren bestens. Atléticos Mannschaften sind berüchtigt für ihre Contenance an letzten Spieltagen. Acht ihrer neun Meisterschaften gewannen sie erst mit der finalen Partie.

Eine davon 1973. Ein Jahr später stand Atlético im Finale des Europapokals der Landesmeister, die Augen der Spieler schon auf den Pokal geheftet, als der Münchener Georg Schwarzenbeck mit einem 40-Meter-Gewaltschuss ein Wiederholungsspiel erzwang, das die Bayern 4:0 gewannen. Eine Legende war geboren, die „de el Pupas“, des großen Wehwehs, das Atlético seither ebenso verfolgt wie die Legende der acht gewonnenen Meisterschaftsendspiele. Plötzlich war sie wieder präsent. Vorigen Sonntag hätten die Madrilenen gegen den FC Málaga nur gewinnen müssen, und sie wären Meister gewesen. Daheim wohlgemerkt gegen den Tabellen-13. Sie spielten 1:1. Und jetzt warten gleich zwei Finals in sieben Tagen: das erste am Sonnabend, das zweite in der Champions League in einer Woche gegen Real Madrid. Keiner weiß, ob das aufs Gemüt drückt, oder es beflügelt.

Die Antwort freilich gibt es erst gegen acht Uhr abends, was auch für die anderen Fragen gilt, die das Vorspiel in dieser Woche prägten. Wirklich sinnhaltig waren sie nicht, und doch ließ sich niemand davon abbringen, nach Gründen zu suchen, die dazu dienen könnten, Herz und Knie zu stärken. Selbst die Toten wurden beschworen. Bei Atlético Luis Aragonés. Aragonés war als Spieler von mythischer Gestalt, gewann vier Meisterschaften, schoss das 1:0 im berüchtigten Europapokalendspiel gegen die Deutschen. Und war als Trainer eine Legende, vier Mal trainierte er Atlético und gewann 1977 die achte Meisterschaft, die einzige übrigens, die vor dem letzten Spieltag entschieden war. Er verstarb am 1. Februar dieses Jahres, also sagte Kapitän Gabi: „Ich möchte, dass wir auch für Luis diese Meisterschaft gewinnen.“

Messi kostet Barcelona viel

Noch so eine Stärkung für den Tabellenführer, die der FC Barcelona bei allen miserablen Vorzeichen allerdings kurz vor dem Anstoß ausgleichen konnte. Auf seiner letzten Pressekonferenz als Spieler des FC Barcelona erinnerte Carles Puyol am Donnerstag an den jüngst seinem Krebsleiden erlegenen Trainer Tito Vilanova. Jahrelang war Puyol Barças Kapitän, jetzt soll es vorbei sein mit dem Amt und mit Einsätzen für seinen Jugendverein, er kann vor Schmerzen in den Knien kaum noch gehen. Ein Spiel als Teil der erfolgreichsten Mannschaft des vorigen Jahrzehnts bleibt ihm aber noch, wenn auch nur als Zuschauer. Und das will er gewinnen „auch für Tito, das sind wir ihm schuldig“.

Die Toten also, dazu die Geschichte, die Flüche, Legenden – kaum mehr kann in einer Partie stecken, dachten alle bis Freitagmittag, als Barcelona noch zwei Vorspiel-trümpfe zog. Erst die Botschaft, wie viele Plätze des Camp Nou für die Fans des Gegners reserviert seien. Dann die Meldung, dass Lionel Messi einen Grund weniger hat, seine schlechte Spielzeit mit einem schlechten Auftritt abzuschließen. Einer der Motive für seinen Talentverfall: angeblich sein niedriger dotierter Vertrag im Vergleich zu dem des Sommerzugangs Neymar. Wenn, dann ist das jetzt vorbei. Barcelona meldete, man habe über eine sechste Gehaltserhöhung erfolgreich verhandelt. Messis Lohn bis Freitag: 13 Millionen Euro netto. Jetzt sind es knapp 20 Millionen.

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