Als „Agententhriller par excellence“ preist der ARD-Programmdirektor Volker Herres die RBB-Produktion „Wendezeit“ an. Tatsächlich ist der zweistündige Film ein rasanter, spannender und wendungsreicher Thriller über die Stasi-Agentin Saskia Starke, die seit Jahren in der Auswertungsabteilung der West-Berliner CIA-Mission, also quasi im Herzen des Feindes, arbeitet.
Drehbuchautorin Silke Steiner und Regisseur Sven Bohse haben einen Film gemacht, der auf Ost-Klischees weitgehend verzichtet und ein starres Gut-Böse-Schema vermieden, so dass der Zuschauer am Ende der Stasi-Agentin fast mehr zugeneigt ist als den Agentenjägern der CIA. Das wird nicht jedem Zuschauer schmecken. Aber vielleicht ist es eine Anregung für die sich dem Film anschließende Diskussionsrunde bei „Maischberger“, über die Notwendigkeit einer künftig differenzierteren Aufarbeitung der politischen Systeme im kalten Krieg nachzudenken.
Der Film „Wendezeit“ geht von Beginn an in die Vollen. Auf einer Gartenparty Anfang Oktober 1989 in West-Berlin erfährt Saskia Starke, dass die Amerikaner an diesem Tag einen Überläufer der Stasi-Auslandsaufklärung HVA aus Ost-Berlin ausschleusen wollen. Dieser Überläufer könne angeblich einen HVA-Maulwurf – einen „mole“, wie die Amis sagen – in der CIA-Mission der Frontstadt enttarnen.
Agententhriller „Wendezeit“ von der US-Serie „The Americans“ inspiriert?
Für Saskia Starke, die sich im Stasi-Auftrag seit den 60er-Jahren ein falsches Leben mit Mann und zwei Kindern im Westen aufgebaut hat, ist die Nachricht ein Schock. Sie täuscht auf der Party einen Migräneanfall vor, reist verkleidet nach Ost-Berlin und killt den potenziellen Überläufer, bevor ihn sich die CIA holen kann.
Doppelagentin Saskia Starke (Petra Schmidt-Schaller) gerät in einen emotionalen Ausnahmezustand, als sich das Ende der DDR ankündigt.
© rbb/ARD/Volker Roloff
Das alles passiert in den ersten zehn Minuten des Films. Dass die Geschichte dann noch eine Stunde und 50 Minuten durchaus rasant weitergeht, hat mit der Historie zu tun. In Ost-Berlin fängt ein paar Tage nach der Gartenparty das SED-System an zu erodieren, die Mauer fällt, die Stasi springt über die Klinge. Offiziere des DDR-Geheimdienstes sitzen plötzlich zuhauf im Warteraum der West-Berliner CIA-Mission, um ihre Kenntnisse und Akten zu verkaufen.
Saskia Starke muss nun verhindern, dass die Agentenkartei der HVA – die später unter dem Begriff „Rosenholz“ berühmt wurde – vollständig an die Amerikaner geht. Misstrauisch beäugt von dem aus Langley eingeflogenen „Mole“-Jäger Jeremy Redman, der sie schon bald im Visier hat, beginnt Saskia Starke ein raffiniertes Spiel, um ihre Agentenidentität aus der „Rosenholz“-Datei zu tilgen.
Das ist der vordergründige Plot des Films, der sich in einer zweiten Ebene an dem Psychogramm einer zwischen Identitäten und Gefühlswelten gespaltenen Agentin versucht – und damit scheitert. Dabei ist den Machern von „Wendezeit“ ihre Begeisterung für die ausgezeichnete US-Serie „The Americans“ durchaus anzumerken, die in sechs Staffeln die Geschichte eines KGB-Ehepaares mit zwei ahnungslosen Kindern erzählt, das als amerikanische Durchschnittsfamilie getarnt in Washington lebt und spioniert.
Während die US-Serie aber meisterhaft von den Selbstzweifeln der Agenten erzählt und ihrer inneren Annäherung an ein freiheitliches System, das sie eigentlich – buchstäblich bis aufs Messer – bekämpfen sollen, wird diese Komplexität in „Wendezeit“ nur behauptet.
Ein Agententhriller, der nicht ganz „par excellence“ ist
Die Hauptdarsteller hingegen können durchweg überzeugen, allen voran Petra Schmidt-Schaller, die mit ihrer Mimik und Körpersprache der Handlung mehr Tiefe verleiht als es das Skript vermag. Ähnlich lebenswirklich auch Ulrich Thomsen als CIA-Agentenjäger Jeremy Redman. Harald Schrott als Saskia Starkes Ehemann Richard bleibt zwar über weite Strecken der Handlung blass, hat am Ende des Films aber zwei große, berührende Szenen.
Richtig ärgerlich sind allerdings die manchmal aberwitzigen Schnitzer und Ungenauigkeiten, die sich der Film leistet: Ein CIA-Kommando wäre nie mit einem auffälligen amerikanischen Straßenkreuzer durch Ost-Berlin gekurvt, um einen Überläufer einzusammeln; Markus Wolf – von Robert Hunger-Bühler als lebloser Dunkelmann gespielt – wäre 1990 wohl kaum für einen Agententreff nach West-Berlin gefahren, da ihm dort die umgehende Festnahme gedroht hätte; der Checkpoint Charlie durfte nie von Zivilisten passiert werden. Agententhriller also ja, aber „par excellence“ nicht ganz.
Themenabend Wendezeit – Mi, 2. Oktober, Film 20.15 Uhr, Maischberger 22.45 Uhr, ARD
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