Spendenbereitschaft Ukraine

„Allein die Nachricht über eine Leiche löst noch keine Betroffenheit aus“

Die Spendenbereitschaft für geflüchtete Ukrainer nimmt ab. Aus verhaltensökonomischer Sicht ist das ein normaler Prozess. Der ließe sich aber beeinflussen.

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Ukraine, Butscha: Ein Junge steht in den Überresten eines zerstörten Panzers, der auf einer Fahrbahn liegt.

Ukraine, Butscha: Ein Junge steht in den Überresten eines zerstörten Panzers, der auf einer Fahrbahn liegt.

© AP/dpa/Oleksandr Ratushniak

Immer noch kommen täglich Tausende Ukrainer in Deutschland an und suchen Schutz. Zwar sind es mit rund 3000 Menschen deutlich weniger als zu Beginn des Angriffskrieges durch Russland, doch ist der Bedarf an Spenden weiter hoch. Die Hilfsbereitschaft ist groß, tatsächlich aber habe die Spendenbereitschaft bereits sehr deutlich nachgelassen, berichtet Simon Gabriel Neuffer von der Plattform adiuto.org, die dabei hilft, Spenden zu koordinieren. „Das tägliche Spendenaufkommen liegt zurzeit bei ungefähr einem Fünftel dessen, was Anfang März gespendet wurde“, so Neuffer. Das gelte sowohl für die Anzahl der Personen, die spenden, als auch für die Summe der Dinge, die insgesamt gespendet werden.

Für Dominik Enste, Leiter des Bereichs Verhaltensökonomik und Wirtschaftsethik am Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln), ist das eine erwartbare Entwicklung. Ein Erklärungsansatz sei die evolutionäre Psychologie, so Enste. „Ein Krieg, der plötzlich auftritt, führt zu einer starken Stressreaktion und erfordert in uns Menschen eine irgendwie geartete Reaktion.“ Früher, heißt vor 15.000 bis 20.000 Jahren, bestand diese darin, bei einem gewaltsamen Konflikt wegzulaufen oder anderen Menschen zu Hilfe zu kommen. Solche Prägungen wirken bis heute fort. Wer heute in einer solchen Situation nicht unmittelbar helfen könne, spende, um der Stressreaktion entgegenzuwirken. „Wenn der Krieg nach ein paar Wochen immer noch andauert, setzt bei uns wieder der Regulationsmechanismus ein, wir befinden uns nicht mehr in dieser Alarmbereitschaft“, sagt Enste. Heißt: Ein Gewöhnungseffekt tritt ein. Und damit sinkt auch das allgemeine Spendenaufkommen.

Spendenbereitschaft bei persönlichen Schicksalen größer

„Damit wir wieder eine Reaktion zeigen, also aktiv spenden, brauchen wir eine Stimulation“, so der Verhaltensökonom. Das können verstörende Bilder sein. Menschen reagieren am ehesten auf Einzelschicksale, erklärt Enste. In der Verhaltensökonomie spricht man vom „identifiable victim effect“. Menschen helfen tendenziell eher, wenn sie vom Schicksal einer bestimmten Person erfahren, als wenn es sich um eine große, nur vage definierte Gruppe handelt. „Abstrakte Zahlen von 15.000 Toten oder 30.000 Toten berühren uns sehr viel weniger, da wir kognitiv gar nicht verarbeiten können, was das bedeutet“, so Enste. „Auch allein die Nachricht über eine Leiche löst noch keine Betroffenheit aus.“ Die Geschichte, die dahintersteht, sowie persönliche Details würden hingegen sehr viel betroffener machen und eine Spendenbereitschaft auslösen oder verstärken.

Menschen spenden außerdem mehr, wenn ihnen bewusst gemacht wird, dass die Spendenbereitschaft höher ist als zuvor von ihnen angenommen. Das wiesen Forscher des Instituts für Weltwirtschaft Kiel (IfW) 2017 in einem Experiment nach. Teilnehmende Personen mussten zunächst eine Vermutung darüber abgeben, wie viel Prozent der deutschen Bevölkerung jährlich spenden, bevor sie die Informationen darüber genannt bekamen. Die anschließende Spendenbereitschaft war am höchsten, wenn das durchschnittliche Spendenverhalten zu niedrig eingeschätzt wurde. In der Verhaltensökonomie nennt man das „Nudging“ – Personen werden durch eine Art des „Anstupsens“ zu einer Verhaltensänderung bewogen.

Berichterstattung hat Effekt auf Spendenaufkommen

Eher bereit zu spenden sind Menschen außerdem, wenn das Geld für einen bestimmten Zweck vorgesehen ist, weiß Enste. Für Hilfsorganisationen kann es dadurch allerdings schwieriger werden, umfassend zu helfen. Ist eine Spende zweckgebunden, darf sie auch nur dafür verwendet werden. Manchmal ist aber der Bedarf an anderer Stelle viel größer. Nach dem Tsunami 2004 in Indonesien kamen beispielsweise Rekordspenden aus Deutschland zusammen. Dabei sind mehr Spenden speziell für Fischerboote gegeben worden als tatsächlich gebraucht wurden – für andere Aufbauarbeiten hingegen fehlte Geld.

„Wenn das Thema in den Medien präsent bleibt und Menschen auf persönliche Schicksale aufmerksam gemacht werden, ist es aus verhaltensökonomischer Sicht wahrscheinlicher, dass viele Personen spenden“, so Enste. Dass die Berichterstattung speziell zu Spendenbedarfen nachgelassen hat und dies einen Effekt auf das Spendenaufkommen hat, beobachtet Neuffer von adiuto. Entsprechende Hinweise auf Bedarfslisten seien in der Presse kaum noch zu finden. Dies habe einen sehr deutlichen Effekt auf die Zugriffszahlen der Hilfsplattform.

Dort, unter adiuto.org, sind stets aktualisierte Listen zu finden, welche Hilfsorganisation gerade um welche Spenden bittet und wie dringend der Aufruf ist. So werden in den Ankunftsstationen am Berliner Hauptbahnhof und am Südkreuz beispielsweise zurzeit vor allem Hygieneartikel in großer Zahl gebraucht. Am Zentralen Omnibusbahnhof werden hingegen mehr Lebensmittelspenden benötigt. Da sich die Bedarfe aber schnell ändern, sollten Spenderinnen und Spender diese tagesaktuell abfragen, rät Neuffer.

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