„Keine Sorge, der Doktor hilft mir. Mir geht es gut“, sagt Pujol. „Schau, die Sonne scheint, der Tag ist perfekt.“ Lachend zeigt er Richtung Himmel und übersieht einfach die grauen Fassaden der Bürohäuser. Sofort ist sie spürbar, die Leichtigkeit des Bordelais, die Lebensfreude, dieser Hauch von savoir vivre, den der Berliner Zuspieler auch auf dem Volleyballfeld ausstrahlt. So, als stecke hinter jedem Pass, jedem Block, jedem Aufschlag, jeder Abwehraktion nicht jahrelange Trainingsarbeit.
„Ich bin ein Zuspieler, der das Spiel genießt. Ich werde nie wie ein russischer Zuspieler sein, der immer hohe Bälle spielt und alles kühl analysiert“, sagt der 33-Jährige. „Das Spiel macht mir Spaß, aber ich spiele nicht aus Spaß, sondern um zu gewinnen. Das ist mein Job. Doch am Ende, das dürfen wir nicht vergessen, ist es eben nur ein Spiel.“
Entweder-oder-Situation
Wobei es in manchen Spielen um mehr geht als in anderen. Am Mittwoch zum Beispiel kämpfen die BR Volleys gegen das französische Team Spacer’s Toulouse um den Verbleib in der Champions League. Nur der Sieger dieser Partie des dritten Gruppenspieltages hat noch eine Chance, ins Play-off-Finale der Top Zwölf einzuziehen.
„Wenn wir nicht gewinnen, sind wir raus“, sagt Pujol. Es klingt so, als möge er den Druck, der sich hinter dieser Entweder-oder-Situation verbirgt. „Ich liebe Druck“, verdeutlicht Pujol. „Es ist ein ganz spezielles Gefühl. Vor großen Spielen ist die Stimmung anders in der Kabine.“ Pujol reibt Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger, weil ihm für dieses Gefühl auf Englisch die Worte fehlen. Auch so wird klar: Aus dem Druck saugt er Motivation.
Auch aus diesem Grund hat Volleys-Manager Kaweh Niroomand den 1,85 Meter großen französischen Nationalspieler nach Berlin geholt. Er verpflichtete Pujol Anfang November nach, weil die Zuspielerposition nicht optimal besetzt war. Wegen seiner Rückenverletzung war Pujol beim italienischen Spitzenklub Lube Civitanova aussortiert worden. „Er ist ein kompletter Zuspieler: klein, wendig, schnell, pfiffig, frech. Er hat unsere Erwartungen voll erfüllt“, sagt Niroomand. „Er sucht immer den Ball. Er fürchtet sich nicht, auch wenn er schon paar Mal auf die Nase gekriegt hat.“
Der verrückte Regisseur
So, wie an Silvester. Da war der Europameister von 2015 mit den Nordamerikanern und Australiern im Team bei Angreifer Paul Carroll eingeladen. Jeder brachte Essen mit. Pujol und seine Frau Elodie White hatten foie gras dabei, Stopfleber, eine Delikatesse. „In Frankreich gehört es dazu. Aber die Jungs mochten es überhaupt nicht. Pah.“
Als Pujol im November zum ersten Mal für Berlin aufs Feld kam, drehte er gleich die Partie und dirigierte sein Team von einem 0:2-Rückstand zu einem 3:2-Sieg. Seither ist er die Nummer eins auf der Zuspielposition. Seither fällt er mit Schlitzohrigkeit auf. Überrascht mit schnellen Pässen, punktet mit dem zweiten Ball, greift aus dem Hinterfeld an oder blockt wie am Sonntag rotzfrech einem Riesen wie Tim Broshog den Ball einhändig ins Feld.
Galopin nennen sie in Frankreich solche Spitzbuben. Pujol lacht. „Stimmt. Ich war schon in der Schule einer von diesen Jungs, die immer Streiche auf Lager hatten.“ Berlins Kapitän Robert Kromm nennt Pujol gern „den verrückten Regisseur. Er hat eine super Qualität, macht es dem Gegner mit seinen Finten und seinem Block schwer. Dazu ist er abwehrstark, was typisch für Frankreichs Nationalmannschaft ist.“
Mit offenen Armen
Im Berliner Team anzukommen, sei für ihn sehr einfach gewesen, „weil mich die Jungs mit soo offenen Armen empfangen haben, dafür allen einen Riesendank“, sagt Pujol und breitet die Arme aus, die auch im Café an der Friedrichstraße noch in dicken Anorakärmeln stecken.
Nach 15 Jahren im Profivolleyball, die Pujol in der französischen, italienischen und polnischen Liga verbracht hat – sieben Jahre spielte er in Cannes – hat sich der Mann aus Bordeaux daran gewöhnt, schnell in neuen Teams zurechtzukommen. Die Abstimmung mit Berlins Angreifern wird immer besser. „Jeder Spieler ist anders. Man muss ihn als Volleyballer verstehen und als Mensch“, erläutert Pujol. „Einerseits muss ich wissen, wie er den Ball gestellt haben will, andererseits muss ich spüren, in welchem Moment ich wen einsetzen kann.“
Vom feinen Gespür des schlitzohrigen Franzosen wird im Spiel gegen Toulouse Mittwochabend demnach vieles abhängen.
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