Ganz am Ende der Pressekonferenz schien es, als lausche Niko Kovac dem eben geführten Dialog nach. Den Versuch eines Lächelns legte der Trainer des FC Bayern dabei am Montag auf, doch der Gesichtsausdruck passte offensichtlich nicht zu seinen Gedanken. Gefragt worden war er, ob er fürchte, dass das Gruppenspiel der Champions League gegen Benfica Lissabon an diesem Dienstag sein letztes sein könnte. „Nein“, antwortete Kovac knapp. Was ihn positiv stimme? „Was soll mich negativ stimmen?“, fragte Kovac zurück: „Ich bin immer positiv.“ Beklemmende Stille im Pressesaal der Münchner Arena. Einige Sekunden vergingen, dann stand Kovac langsam auf und ging.
Eigentlich hält die Verabredung mit Lissabon eine vergleichsweise komfortable Situation mitten in der Krise bereit. Für die sichere Versetzung ins Achtelfinale genügt schon ein Remis. Bestenfalls könnte sogar der vorzeitige Gruppensieg erreicht werden. Doch übergeordnet befinden sich die Münchner natürlich in einer sehr brenzligen Lage – und ganz besonders gilt das für Kovac.
Gerüchte um Zidane und Wenger
Kovac sagte am Montag, dass er schon immer ein Kämpfer gewesen sei und bleiben werde. „Aufgeben, die weiße Flagge hissen – das existiert in meinem Wortschatz nicht.“ Angesprochen auf die am Sonnabend nach dem 3:3 gegen Düsseldorf für die Spieler und den Trainer wenig schmeichelhaften Worte des Präsidenten Uli Hoeneß, der unter anderem „dilettantische, hanebüchene“ Slapstick-Einlagen kritisiert und dabei angekündigt hatte, man werde „alles hinterfragen“, befand Kovac: „Letzten Endes war es ja auch die Wahrheit.“ Er schließe sich dem voll und ganz an.
Einblicke in sein Seelenleben hat Kovac bisher höchst selten gewährt, zuletzt aber zweimal in schneller Folge. Am Freitag sagte er zu den permanenten Nebengeräuschen: „Es ist sehr viel.“ Inzwischen sind die Spekulationen um mögliche Nachfolger hinzugekommen, um Arsène Wenger, Zinédine Zidane und Ralph Hasenhüttl. Kovac fragte sich derweil öffentlich auch ein bisschen selbst, ob es eine Steigerung von sauer gebe. Seine Wut richtete sich auf sein Personal, das seine Vorgaben immer wieder missachtet und ihn zunehmend im Stich lässt. Dem Vernehmen nach sollen Teile des Teams seinen Anweisungen nicht mehr vertrauen. Laut Bild-Zeitung sprechen sich viele Spieler gegen Kovac aus. Der Trainer bestritt dies am Montag. Es war aber wohl vor allem wieder ein Moment, in dem er kämpfte.
Erstmals hatte er den Blick auf sein Befinden vor wenigen Wochen einen Spalt breit freigegeben, als die Krise bereits Einzug gehalten hatte. Damals befand Kovac, man könne darüber diskutieren, ob öffentliche Rückendeckung für ihn durch seine Vorgesetzten sinnvoll sei. Beständig behauptet er, er empfinde keinen Druck. Annehmen darf man aber, dass er sich den vermeintlichen Traumjob beim FC Bayern etwas anders vorgestellt hatte.
Grundsätzliche Skepsis
Dass Kovac nach dem Sommerwechsel schon Ende November ernsthaft zur Disposition steht, hatte Hoeneß gar nicht mehr zu kaschieren versucht. „Wir spielen am Dienstag gegen Benfica, und da wird unser Trainer sicherlich Niko Kovac sein“, hatte der Präsident gesagt und angekündigt: „Dann müssen wir mal eine Analyse machen, wo wir stehen.“ In der Bundesliga wird sich auch bis Mittwochmorgen nichts am fünften Tabellenplatz und neun Punkten Rückstand auf Tabellenführer Borussia Dortmund ändern. Allenfalls ein souveräner Sieg gegen Lissabon könnte die Lage von Kovac leicht verbessern. Ob ein Erfolgserlebnis noch etwas ändern könnte an der grundsätzlichen Skepsis, mit der sie ihm im Verein zunehmend begegnen, erscheint allerdings sehr fraglich.
Dabei liest sich zumindest die Zwischenbilanz in der Champions League wie in den Vorjahren. Drei Siege und ein Unentschieden wurden bei 7:1-Toren angehäuft. Nur das 1:1 gegen Ajax Amsterdam Anfang Oktober trübt die internationale Bilanz. Abgesehen davon wirkten die Auftritte in Europas Eliteliga auf die Münchner Belegschaft beinahe wie Kurzkuren vom Bundesligaalltag, und auch jetzt hoffen sie auf eine Bestärkung. Ob Kovac davon profitieren könnte, um auch national mit seiner Mannschaft nachhaltig in die Spur zu finden? „Ich hoffe, dass die Jungs an ihre Leistungsgrenze gehen – und ich bin auch davon überzeugt“, sagte Kovac. Das klang weniger nach echter Zuversicht, sondern vor allem kämpferisch.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de