Spirituosen von Mampe

Volle Pulle halbe Sachen

Mampe Halb und Halb ist eine Berliner Legende - und wird wiederbelebt.

BLZ
6 Min

Vielleicht schrieb an diesem Tisch Joseph Roth seinen berühmten Roman „Radetzkymarsch“, der 1932 erschien. Ein Holztisch für höchstens vier Personen, die Oberfläche gefliest mit viermal fünf Kacheln, die vier Eckkacheln bemalt mit einem Elefanten.

Karin Erb (38) blickt verzückt auf den Tisch herab. „Mein liebstes Stück“, sagt sie. Bei einem Antiquitätenhändler hat sie den Tisch erworben, hat ihn
eigenhändig durch Berlin transportiert, per Bahn, per Bus, bis in ihr Mampemuseum. Mampe?

So stutzte auch Karin Erb, als sie vor elf Jahren auf einer Karte in einer Kreuzberger Kneipe „Mampe Halb & Halb“ las. Neugierig bestellte sie ein
Gläschen. Und war „total begeistert“ von diesem Likörschnaps mit dem weißen Elefanten im roten Kreis als Markenzeichen: erst kräuterig, dann fruchtig, schließlich ein wenig herb. Ihre Neugier wuchs, als sie erfuhr, dass der Mampe-Elefant einst von Berlin aus in die weite Welt stampfte, wo er Gaumen erfreute, und dass er sich irgendwann in ein paar Lokalkneipen verkroch, wo er seitdem Stirnrunzeln hervorruft.

Feines Einzimmer-Museum in Neukölln

Sie fragte sich: „Wie kann es sein, dass ein Teil Berliner Identität so ein Nischendasein fristet?“ Antworten suchte Karin Erb im Internet. Dort
fand sie auch welche. Und dazu Mampe-Reliquien, wie eine Mini-Bar mit fünf verschiedenen Fläschchen Likörschnaps, „ersteigert für einen Euro“. Sie
begann zu sammeln, auch auf Flohmärkten. Zum 150. Todestag des Firmengründers Carl Mampe, am 1. Oktober 2007, eröffnete sie ihr erstes Museum – in ihrer Wohnung (auf einem Quadratmeter). Es folgten
ein zweites in der Galerie einer Freundin (drei Quadratmeter) und ein drittes an der Hertzbergstraße 1 in Neukölln (30 Quadratmeter).

Klein, aber fein ist das Einzimmermuseum. Alte Werbetafeln und Fotos hängen an den Wänden. In Regalen und Vitrinen präsentieren sich Fläschchen und Flaschen, Gläser, Spielkarten und Aschenbecher. Ins Auge fällt eine Geldbörse von 1930 mit dem Aufdruck „Sind’s die Augen, geh zu Mampe, musst nicht gleich zu Ruhnke geh’n (Anspielung auf den Berliner Optiker Carl Ruhnke, Anm. d. Red.), giess dir einen auf die Lampe und dann kannst du besser seh’n“.

Ein Hingucker ist auch der Beutel, aus dem kleine
weiße Plastik-Elefanten quellen; die – 1468 an der Zahl – baumelten
an Mampe-Flaschen und sind ein Geschenk von einem Berliner
Paar. Die neueste Errungenschaft stammt aus einer Tempelhofer
Kneipe, die 2013 schloss: ein weinrotes Rückbuffet. Oben, mittig, steht geschnitzt: „Liköre aus Mampe’s gute Stube“.

Wie alles begann 

Der Tisch, an dem vielleicht „Radetzkymarsch“ entstand, an dem bestimmt so manche Herren- und Damenrunde das eine und andere Gläschen lüpfte – der Tisch also stand in Roths Lieblingslokal „Mampe’s gute Stube“ am Kurfürstendamm. Diese Stube war die erste von einst zwanzig in ganz Deutschland, eröffnet 1917, geschlossen 1986.

Die Geschichte von Mampe – das ist halb Triumph und halb Tragödie. Die Geschichte beginnt 1831. Der Königlich Preußische Geheime Sanitätsrat Dr. med. Carl Mampe senior braut in Stargard (Pommern) ein Mittel gegen die Cholera, das fortan alle Apotheken führen: „Bittere Tropfen“, ein Magenschnaps. Das Originalrezept vermacht er zu Lebzeiten seinen Stiefbrüdern Ferdinand Johann und Carl Mampe. Es kommt zum Streit. F. J.
eröffnet 1835 eine Likörfabrik in Stargard, die nach 1945 in Hamburg wiederaufgebaut wird, Carl eröffnet 1852 eine Fabrik in Köslin (Pommern), die 1877/78 nach Berlin umzieht. Carl junior entwickelt dort 1894 „Mampe Halb & Halb“, einen Likörschnaps, zur einen Hälfte aus Kräutern (zirka 130 verschiedene), zur anderen Hälfte aus Bitterorangen.

Langer Rechtsstreit der Erben 

Als einfallsreich im Erfinden und Vermarkten erweisen sich die Mampe-Erben. Mampe Berlin hat Ende der 1930er-Jahre 78 Likör-, Schnaps- und Cocktailsorten in 250 verschiedenen Flaschenformen im Sortiment.

Karin Erb zeigt Originalflaschen. Da glänzt „Mampe Gold
Pomeranze“, ein Likörschnaps, verfeinert mit echtem Blattgold.
Der „Micky-Maus-Cocktail“, der ab Ende der 1930er „Lufthansa-
Cocktail“ hieß, steht daneben, ein Aprikosen-Orangen-Mix, bitte eiskalt servieren, gerne mit Champagner. Ganz oben auf dem Regal gibt es noch zwei Flaschen „dazu“, ein Gin-Limette-Longdrink aus den 70ern, „für Fernsehen, Freizeit, Fröhlichkeit“, verheißt das Etikett.

Fröhlich torkelte Mampe auf die rote Liste der bedrohten Spirituosen. Der lange Rechtsstreit zwischen der Berliner Carl Mampe AG und der Hamburger F. J. Mampe KG endete 1965. Aber: „Da ist viel Geld den Bach runtergegangen“, sagt Karin Erb. Der Elefant machte noch Ende der 1970er Werbung auf den Rennwagen der Deutschen Rennsportmeisterschaft
und auf den Trikots von Hertha BSC Berlin. Aber: Er kam altbacken daher. „Man hat sich auf dem Erfolg ausgeruht“, erklärt die Museumsleiterin den Niedergang, „man hat das Potenzial nicht genutzt.“

So ein Slogan wie „Hertha BSC – Mampe ist okay“ kann einem aber auch auf den Magen schlagen.

Unternehmen für die Leidenschaft - nicht fürs Geld

Tom Inden-Lohmar (52), der sein Geld seit fast 30 Jahren mit Werbung verdient, grinst über den Slogan. „Mampe hatte irgendwann das Image vom Altherrengetränk und wurde es nicht mehr los.“ Er will das ändern. Als vor zwei Jahren der Berentzen-Gruppe Mampe nicht mehr schmeckte, gründeten er und sein Geschäftspartner Frank Zächel die Mampe Spirituosen GmbH, „ein 3,5-Personen-Unternehmen, in dem jeder alles macht“, davon überzeugt, dass Mampe noch eine Menge Potenzial hat.

„Mampe ist für uns Leidenschaft und Herzensangelegenheit, mit der in nächster Zeit sicher kein Geld zu verdienen ist“, sagt Inden-Lohmar. Und fügt sofort hinzu: „Wir wollen aber auch ungern welches verlieren.“ Es sei derzeit so: „Was die Marke einnimmt, stecken wir wieder in die Marke.“ Vorerst sind drei Sorten wieder im Sortiment: Mampe Halb & Halb, Gin, Wodka. Alte Rezepte in neuen Flaschen, modern, schlicht. Und mit neuem Slogan: Keiner für alle. Nur für Berlin – denn Mampe gibt es nur in Berlin
zu kaufen (zum Beispiel im Mampemuseum). Karin Erb aus Vreden und Tom Inden-Lohmar aus Köln bilden ein perfektes Berliner Team: Sie will die
Mampe-Erinnerung bewahren, er will sie beleben.

Vielleicht gelingt das so gut, dass sich sein Mampe-Traum erfüllt: dass Berlin-Besucher, die vom BER nach Hause fliegen, als besonderes Mitbringsel eine Flasche Mampe im Gepäck haben. Für den Anfang könnten Mampe-Elefantenohrringe genügen, die im Museum zu kaufen sind. Sie hängen am Rückbuffet, neben dem Tisch mit den Kacheln.

Demnächst soll es auch Mampe-Manschettenknöpfe
geben. Bestimmt schrieb an diesem Tisch der Roth den
„Radetzkymarsch“. Karin Erb ist sich sicher. Behutsam streicht sie über eine Elefantenkachel.

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