Ralf Nowack hat es kommen sehen, denn Ralf Nowack führt Statistik. Er ist beim Berliner Fußballverband (BFV) für die Senioren zuständig. 358 Mannschaften nahmen vor 15 Jahren in den Altersklassen jenseits der Ü 32 am Spielbetrieb teil. Inzwischen sind es 477. Nowack erkennt in seinen Zahlen auch die sogenannten Babyboomer, die geburtenstarken Jahrgänge der 60er-Jahre. Stück für Stück schieben sie sich in seiner Statistik voran. „Das ist wie ein Wellenberg“, sagt Nowack. Der Scheitelpunkt liegt im Moment bei den über 50-Jährigen: „Insgesamt sind die Seniorenteams im BFV in der Überzahl.“
Fußball ist in Deutschland die Sportart Nummer eins, und so ist es nicht verwunderlich, dass sich der Trend zu mehr Mobilität im Alter hier besonders deutlich ablesen lässt und dass hier auch die Ursachen erkennbar werden: Die Einstellung zum Sport hat sich seit den 70er-Jahren geändert. Damals wäre ein Erwachsener jenseits der 50 von Familie und Freunden mitleidig belächelt worden, hätte er erklärt, er spiele jetzt regelmäßig Fußball. Heutzutage gehört der Vater am Sonntag dem Verein, nicht selten jedenfalls. Und Menschen jenseits der Fünfzig gelten als Jungspunde, gefühlt zumindest.
Wie in jedem gesellschaftlichen Bereich schlagen auch im Sport der demografische Wandel und der medizinische Fortschritt durch. Früher setzte der Körper dem Bewegungsdrang natürliche Grenzen. Heute machen künstliche Gelenke eine Karriere auf Kunstrasen bis ins hohe Alter möglich. Mittlerweile wird beim BFV sogar darüber nachgedacht, eine Liga für Männer jenseits der 70 einzuführen. Nowack sagt: „Noch ist die Nachfrage dafür nicht groß genug.“ Doch sie wächst rasant.
Kreisliga A der über 50-Jährigen
Beim FC Internationale bekommen sie das zu spüren. Der Schöneberger Verein ist nicht nur in der Jugendarbeit stark, er hat auch bei den Senioren mehrere Mannschaften: „Zwei Ü 40, drei Ü 50, zwei Ü 60“, sagt Gerd Thomas, der Vorstand des Klubs und selbst mit dem FC Internationale III in der Kreisliga A der über 50-Jährigen aktiv ist. Die Schöneberger erleben das, was Ralf Nowack in seiner Statistik sehen kann. Sie erleben aber auch, worüber seine Zahlen keine Auskunft geben: die Grenzen, die dem Wachstum gesetzt sind.
Wie viele andere Vereine nimmt auch der FC Internationale kaum noch Mitglieder auf. „Uns fehlt der Platz“, sagt Thomas. Inzwischen geht es sogar so weit, dass sie mit Vereinen aus der Nachbarschaft in einem regelrechten Konkurrenzkampf um Spielflächen stehen. Allerdings ist die Lage in den Bezirken unterschiedlich kritisch.
Reinickendorfs Bezirksbürgermeister Frank Balzer zum Beispiel war einmal Sportstadtrat und hat einen Blick für die Belange der Vereine. Sein Nachfolger Tobias Dollase gehört zum Vorstand der Deutschen Sportjugend. In sein Ressort fallen auch die Schulen, ein wichtiges Bindeglied zum Sport. „Fast jede Schule hat ja einen Fußballplatz, auf dem man Kleinfeld spielen kann“, sagt Thomas.
Oder Treptow-Köpenick: Dort gilt Bürgermeister Oliver Igel als Freund des lokalen Amateursports. Doch muss er hinter den Weisungen der Landesregierung zurückstehen, wie der SSV Köpenick-Oderspree festgestellt hat. Der Fußballverein ist ebenfalls bei den Senioren aktiv, fürchtet nun aber, für ein Nachwuchsleistungszentrum des Zweitligisten 1. FC Union weichen zu müssen. „Wenn der Senat sagt, wir ziehen das jetzt so durch, kann der Bezirk nichts machen“, sagt der erste Vorsitzende Uwe Spalteholz nach den Erfahrungen der zurückliegenden Monate.
„Wohlfühlgymnastik“ bis „Rostschutz“
Gerd Thomas vom FC Internationale hofft deshalb, dass die Landesregierung aus SPD, Linken und Grünen nach ihrem Koalitionsvertrag handelt und dass sie der gesellschaftlichen Bedeutung des Sports Rechnung trägt, die in manchen Lagen der Stadt sehr plastisch hervortritt. In Satellitenstädten wie dem Märkischen Viertel, das in den 70er-Jahren für Arbeiterfamilien gebaut wurde: 17.000 Wohnungen für 40.000 Menschen. Die Kinder von damals sind weggezogen, geblieben sind die Älteren.
Der TSV Wittenau hat sich bereits vor 20 Jahren darauf eingestellt. Mehr als 50 Sportangebote macht er den reiferen Jahrgängen. 1400 der 3200 Mitglieder sind älter als 50. „Wohlfühlgymnastik“ heißt ein Angebot, „Fit von Kopf bis Fuß“ ein anderes. Auch beliebt: „Rostschutz“. Brigitte Pommerenke kümmert sich beim TSV mit um die Senioren. Sie sagt: „Wir holen die Leute raus, die früher in der Stube gesessen haben.“ Über den Sport, das beobachtet Pommerenke immer wieder, „kommt Kommunikation zustande. Man sieht, wie viele Frauen hier auftauen. Isolation ist ja im Märkischen Viertel ein Thema.“
Sport hilft, deshalb braucht er Hilfe. In Wittenau, in Schöneberg und anderswo in Berlin. Denn mangelnde Mobilität ist nicht das Problem einer alternden Gesellschaft, sondern derjenigen, die für die Rahmenbedingungen zu sorgen haben. Und von denen es offenbar nicht alle so kommen sahen wie der Seniorenfußballer Ralf Nowack in seiner Statistik.
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