Es ist ein Text wie aus einem Handbuch für einen Tausendsassa: „Ein Badmintonspieler sollte verfügen über die Ausdauer eines Marathonläufers, die Schnelligkeit eines Sprinters, die Sprungkraft eines Hochspringers, die Armkraft eines Speerwerfers, die Schlagstärke eines Schmiedes, die Gewandtheit einer Artistin, die Reaktionsfähigkeit eines Fechters, die Konzentrationsfähigkeit eines Schachspielers, die Menschenkenntnis eines Staubsaugervertreters, die psychische Härte eines Arktisforschers, die Nervenstärke eines Sprengmeisters, die Rücksichtslosigkeit eines Kolonialherren, die Besessenheit eines Bergsteigers sowie über die Intuition und Fantasie eines Künstlers.“ So steht es in einem Badminton-Jahrbuch des Jahres 1986.
Sekt und Kuchen am Court
An dieser Stelle muss offen bleiben, welche dieser Qualitäten die ein Dutzend Freizeitsportler der Betriebssportgemeinschaft (BSG) der Berliner Stadtreinigung (BSR) auf sich vereinigen, die sich am Donnerstag vergangener Woche zum Badmintonspielen im Sportzentrum Preußenpark in Lankwitz versammelt haben. Ganz spontan ließen sich Rücksichtslosigkeit und Besessenheit ausschließen. Manche tragen Trikots von der BSR, manche einfach irgendein T-Shirt. Es geht entspannt zu. Weil noch zwei Geburtstage nachzufeiern sind, stehen auf einer Sitzbank neben den Courts Sekt und Kuchen bereit.
„Wir treffen uns hier regelmäßig, weil es einfach großen Spaß macht“, sagt Martina Bartel, bei der BSR zuständig für das betriebliche Eingliederungsmanagement, das länger Erkrankten die Rückkehr ins Arbeitsleben möglich machen soll. „Ganz toll finde ich, dass wir so viele sind, die mitmachen“, sagt Bartel.
Kollegiales Miteinander
Fragt man Martina Bartel, ob eher das soziale Miteinander oder die sportliche Herausforderung im Vordergrund steht, mag sie sich nicht recht entscheiden. Natürlich sei das kollegiale Miteinander wichtig, die Rücksichtnahme auf möglicherweise nicht so dynamische Mitspieler. „Hier ist keiner böse, wenn ein anderer mal einen Fehler macht.“ Dennoch gebe es sehr wohl auch eine sportliche Herausforderung, einen Wettkampf. Badminton sei nun einmal ein Ausdauersport, der Koordination und Konzentrationsvermögen verlange und beides im Laufe der Zeit auch stärke. Sie jedenfalls fühle sich insgesamt einfach fitter, seitdem sie Badminton spiele. „Und es ist doch so, dass jeder ein bisschen Sport machen sollte“, sagt Martina Bartel.
Seit dem Jahr 2010 existiert die BSG BSR, seit einiger Zeit treffen sich die Mitglieder regelmäßig zum Sport im Preußenpark. Für Betreiber Horst Zetsche ist es ein Segen, dass immer mehr Unternehmen den Wert solcher außerbetrieblicher Aktivitäten schätzten. Ob BSR, Deutsche Bank oder Sparkasse – werktags füllen ihm die Betriebssportler die große Halle am Kamenzer Damm in Lankwitz. Am Wochenende kommen eher die privaten Spieler.
Einfacher als Tennis
Im Preußenpark und den meisten anderen Indoor-Sportcentern der Stadt ist Badminton ein Sport für Autodidakten – anders als etwa beim Tennis, das so komplex ist, dass regelmäßiges Üben unter Anleitung fast schon unerlässlich ist, wenn man einfach nur ein Match spielen will. Allerdings bieten auch drei freiberufliche Badminton-Trainer im Preußenpark ihre Dienste an. Eine Einheit kostet etwa 15 Euro pro Person, bei maximal acht Spielern. Aber die meisten kommen ohne Hilfe aus.
Noch eines hebt Badminton zum Beispiel vom eher testosterongesteuerten Squash ab: Überall gibt es gemischte Teams, nicht nur beim Betriebssport, selbst in der Bundesliga oder bei Olympia wird (auch) im Mixed gespielt. „Ich kenne keinen anderen Sport, in dem das so selbstverständlich ist. Schon deswegen ist Badminton ja so wunderbar fürs Betriebsklima.“
Um noch einmal auf das Tausendsassa-Jahrbuch zurückzukommen – der zitierte Text schließt mit dem Satz: „Weil diese Eigenschaften so selten in einer Person versammelt sind, gibt es so wenig gute Badmintonspieler.“ Martina Bartel und ihren Kollegen wird’s wurscht sein. Badminton-Pionier Zetsche stimmt ihr auf seine Art zu: „Federball kann jeder spielen.“
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