Ein Mal staubsaugen, durchwischen, durchlüften, dann kann es wieder losgehen. Auf den ersten Blick sieht es in der Rudolf-Harbig-Halle an diesem Nachmittag so aus. Papierfetzen liegen auf dem Boden, an der Laufbahn ein Wasserfleck, um die Sprunggrube stehen Sperrgitter. „Als ob ich hier sofort losrennen könnte“, sagt Klaus Böger.
Der Präsident des Landessportbundes (LSB) befindet sich auf einem Rundgang. Er hat LSB-Direktor Heiner Brandi mitgebracht und Jens Krüger, der für die Finanzen zuständig ist und jetzt zusammenfasst, warum sein Chef nicht sofort losrennen kann: „Feuchtigkeit hat den Boden beschädigt. Dessen Deckschicht besteht aus Granulat. Sie kann nicht gereinigt werden, das haben wir probiert. Er muss abgetragen werden. Und die Hydraulik, die die Bahn anhebt, damit die Sprinter nicht herausgetragen werden, ist ebenfalls defekt.“
Vereine fürchten um ihre Existenz
Die Harbig-Halle gehört zum Sportkomplex am Olympiastadion mit dem Horst-Korber-Zentrum als Mittelpunkt. Bis Mai wurden dort 35.000 Flüchtlinge durchgeschleust, in der Harbig-Halle allein lebten bis zu 600 Menschen gleichzeitig. Sie haben Spuren hinterlassen. Den Laufboden wiederherzustellen, soll 250.000 Euro kosten. Für die Sanierung des gesamten Komplexes veranschlagt die Senatsverwaltung 3,1 Millionen Euro, doch getan hat sich seit dem Frühjahr nichts. Die Anlage steht somit im Großen dafür, worunter der Berliner Sport im Kleinen leidet.
Grün ist der Missstand, groß die Hoffnung auf Beseitigung.
© Sebastian Wells
So sehr, dass Vereine um ihre Existenz fürchten. Denn mit dem Auszug der Flüchtlinge kamen neue Probleme. Dabei klingen die Zahlen erst einmal harmlos für eine Millionenstadt. 63 Sporthallen waren in den zurückliegenden Monaten belegt. 20 sind inzwischen wieder geräumt. Bis zum Jahresende, das hat der Berliner Senat entschieden, wird auch der Rest frei, was nicht heißt, dass der Sport sofort einzieht. Nur zwei der vormals requirierten Hallen werden wieder genutzt, beide sind unsaniert. In Harbig-Halle und Korber-Zentrum wäre das undenkbar.
Feilschen um jeden Cent
Kolibakterien haben sich in den Lüftungsrohren eingenistet. „Und das hier, ist das Schimmel?“, fragt Böger seinen Finanzchef Krüger. Sie blicken in einem der Duschräume des Korberzentrums auf einen grünen Fleck. Schimmel, bestätigt Krüger. Noch so etwas, dessen Beseitigung viel Geld kostet. Auch wenn sich der Immobiliendienstleister des Senats BIM das anders vorstellt. „Die meinten, das ließe sich mit einem Hochdruckreiniger entfernen“, sagt Böger, „dabei weiß ich als Laie, dass Schimmel im Mauerwerk sitzt.“
Noch ärgerlicher als das Feilschen um jeden Cent für Fliesen, Duschköpfe oder Türscharniere findet Böger das Spiel auf Zeit. „Funktionäre und Vereinsmitglieder haben sich aktiv an der Hilfe für Flüchtlinge beteiligt, sie erwarten nun zu Recht, dass ihnen keine Knüppel zwischen die Beine geworfen werden.“
Pfeffersport ist so ein Verein, der aktiv Integration betreibt. Obwohl der Klub mit Sitz in Prenzlauer Berg seine drei angestammten Hallen nicht nutzen kann. „Unsere Leute sind enger zusammengerückt“, sagt Marc Schmid von Pfeffersport. Andererseits verließen 400 Mitglieder den Klub, was einem Minus von zehn Prozent entspricht. In diesem Jahr entstand bisher ein wirtschaftlicher Schaden von 4. 000 Euro. Schmid sagt: „Für unseren Verein ist das eine Menge.“
Zeit ist Geld
In der Halle an der Malmöer Straße waren vor deren Beschlagnahme 38 Trainingsgruppen von Pfeffersport aktiv. Die Halle ist geräumt, doch rechnet Schmid damit, dass sie erst 2017 zur Verfügung steht. Auch in diesem Fall scheint die Bürokratie ihr eigenes Tempo anzuschlagen. Als Pfeffersport die Aufwendungen durch die Schließung der Halle bei der Finanzverwaltung einreichte, erzählt Schmid, „wollte die sich erst mal beim zuständigen Lageso erkundigen, ob an der Malmöer Straße auch wirklich Flüchtlinge untergebracht waren“.
Hilfe in der Not: Die Sprunggrube in der Rudolf-Harbig-Halle diente den zeitweise 600 Bewohnern als provisorisches Urinal.
© Sebastian Wells
Doch Zeit ist Geld. Mit „80.000 Euro pro Monat“ kalkuliert etwa Böger beim Korber-Zentrum. Der LSB-Chef und seine Leute sind in der großen Halle angekommen, die sich in drei kleinere Hallen unterteilen lässt und die ebenfalls Flüchtlingen Unterschlupf bot. Davor haben die BR Volleys hier trainiert und die Handballerinnen der Füchse, Hockey wurde gespielt und Sportunterricht abgehalten auf dem Linoleum, das jetzt aussieht, als sei jemand mit Schmirgelpapier drübergegangen.
Rot-weiße Hütchen markieren die Stellen, an denen der Sprungboden beschädigt ist. „Die lassen sich nicht separat reparieren“, sagt LSB-Direktor Brandi, „der Boden muss komplett erneuert werden.“ Das mit Luken übersäte Dach wirft helles Tageslicht aufs Linoleum. Damit sich die Sportler darauf orientieren können, sagt Brandi, kommen nur bestimmte Farben infrage, die nur bestimmte Firmen anbieten.
Vielerorts herrscht Frust
Die Karower Dachse wären froh, wenn sie überhaupt wieder Linoleum unter den Füßen hätten und ein festes Dach über dem Kopf. Ihre Halle wird für einen sechsstelligen Betrag renoviert. Sie war im November beschlagnahmt worden. 150 Mitglieder traten sofort aus, weitere 150 folgten. Weil die Basketballer unter diesen Bedingungen ihren Spielbetrieb nicht mehr finanzieren konnten, wechselten sie im Juni zu einem anderen Verein. Inzwischen haben die Dachse wieder 1600 Mitglieder. „Unser Angebot ist angepasst, wir bieten zum Beispiel Outdoor-Fitness an“, sagt Ramona Schwarzer vom Vorstand. Kinderfußball findet auf einem Schulhof statt. Der Lichthof einer Schule dient als Ausweichquartier. Überhaupt die Schulen, sie helfen in der Not.
Aus einer früheren Drogerie müssen die Dachse jetzt raus, sie wechseln in ein anderes Ladenlokal. „Wir haben 14 Trainingsstätten“, sagt Schwarzer. Zwar kommt die Senatsverwaltung für Miete und Transport auf, nicht aber für die Kosten durch Sportgeräte. Die 13 Rhönräder der Karower etwa lagern in einem Hangar bei Werneuchen. „Das Problem ist“, sagt Schwarzer, „dass der Senat erst einspringt, wenn es unbedingt nötig ist.“ Wenn das Wasser bis zum Hals steht. „Bei uns ist im Frühjahr Schluss, wenn nichts passiert.“ Eine Umlage unter Mitgliedern soll nun erst mal Luft verschaffen.
„Da braucht sich niemand über den Frust der Menschen zu wundern“, sagt Böger. Er steht inzwischen vor dem Korber-Zentrum. Blickt er nach oben, sieht er das Gästehaus. Wäsche hängt aus einem Fenster zum Trocknen. 30 jugendliche Flüchtlinge ohne Begleitung wohnen hier noch. Direkt vor sich hat Böger eine Wand aus veredeltem, braunen Stahl. Abdrücke von Bällen zeichnen sich darauf ab. Kinder haben dort mal gespielt. „Nehmen wir es als Erinnerung an eine schwierige Zeit, die der Sport gemeistert hat“, sagt Böger. Mit einem Hochdruckreiniger jedenfalls ist da nichts zu machen. Die Abdrücke bleiben erst einmal.
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