Es sind Prototypen jener Lampen, die im Palast der Republik montiert wurden. Die SG Narva hat hier früher Feste gefeiert und Versammlungen abgehalten. Der Saal gehörte zu ihrem Vereinsheim. Seit 2001 ist es das Domizil des SSV Köpenick-Oberspree. „Die Frage ist: Wie lange noch?“, sagt Uwe Spalteholz. Der 1. Vorsitzende des Fußballklubs fürchtet, dass sie ihre Heimat verlieren werden. Es wäre nicht das erste Mal.
„Unsere talentierten Spieler gehen zu Union“
Der SSV ist ein klassischer Berliner Amateurverein. Er hat rund 500 Mitglieder, mehr als ein Drittel davon sind Kinder und Jugendliche. Der SSV erfüllt im aufstrebenden Kiez am Bruno-Bürgel-Weg eine wichtige soziale Funktion. Und ganz nebenbei baut er eine Brücke zum Profifußball: zum Zweitligisten 1. FC Union drüben am anderen Ufer der Spree.
„Unsere talentierten Spieler gehen zu Union, frühere Profis und ältere Spieler kommen zu uns.“ Oskar Kosche ist Mitglied beim SSV. Jetzt setzt Union als Klub seinen Fuß über den Fluss. Mit seiner Jugend hat er bereits ein Gebäude bezogen, eine Art Brückenkopf errichtet. Im März 2018 baut er neben dem Gelände des SSV ein Nachwuchsleistungszentrum mit einem Internat und vier Fußballplätzen. Das allein ist nicht das Problem für Spalteholz und seine Leute. Das Problem ist die zweite Ausbaustufe und die Art, wie bisher mit ihnen umgegangen wurde.
Dort, wo jetzt die Narva-Lampen von der Decke hängen, wo eine Etage tiefer in der Gaststätte Pokale und Fotos von Erfolgen aus 110 Jahren Klubgeschichte erzählen, könnte in absehbarer Zeit die Tribüne eines Stadions stehen. Dann, wenn der Pachtvertrag von Köpenick-Oberspree ausläuft, 2021 also. Gesagt hat das dem SSV niemand, aber das mit dem Nachwuchsleistungszentrum auf dem Nachbargrundstück haben sie ja auch erst aus der Zeitung erfahren.
Im August 2016 war das. „Wir haben daraufhin recherchiert“, sagt Spalteholz. Sie fanden heraus: „Dass Union und der Regierende Bürgermeister Michael Müller am 19. September einen Vertrag geschlossen haben, der die Anlage nebenan betrifft.“
Spalteholz breitet auf einem Tisch eine Zeitungsseite aus. Ein Lageplan ist darauf zu sehen. „Hier sind unsere beiden Plätze, einer mit Rasen, einer mit Kunstrasen“, sagt er und kombiniert dann wieder wie ein Detektiv, weil ihm nichts anderes übrig bleibt.
Mindestens 8,8 Millionen Euro will der Senat
„Wenn wir Union-Präsident Dirk Zingler auf der letzten Jahreshauptversammlung richtig verstanden haben, dann soll in einer zweiten Bauphase ein Amateurstadion mit rund 3000 Sitzplätzen entstehen.“
Spalteholz tippt mit dem Finger auf den Plan: „Wenn man sich die Areale in der Nachbarschaft anguckt, ihre jetzige Nutzung und die jeweiligen Pachtverträge, ist unsere Anlage hier der einzige Platz, wo eine solchen Anlage errichtet werden könnte.“ Sportpark Oberspree soll sie heißen.
Mit mindestens 8,8 Millionen Euro will der Senat aus SPD, Die Linke und Grünen die erste Baustufe des Sportparks sponsern. Das macht 80 Prozent der veranschlagten Summe aus. 20 Prozent bringt demnach der 1. FC Union selbst auf. Für die zweite Baustufe müssten noch einmal ähnlich hohe Summen vom Land Berlin und dem Profiklub aufgebracht werden, heißt es.
Zurück nach Spindlersfeld
Auch das haben die Leute vom SSV aus der Zeitung erfahren. Auf einen Brief reagierte der 1. FC Union bisher nicht. Die Bezirkspolitik zeigte sich verständnisvoll, allerdings auch machtlos. Die Bezirksverordnetenversammlung hatte Union im Juli 2016 für den Sportpark ein Gebiet in der Nachbarschaft vom Freizeit- und Erholungs-Zentrum (FEZ) zugewiesen. Spalteholz holt aus einer Aktenmappe die Kopie des schriftlichen Beschlusses hervor. „Aber Union und Bürgermeister Müller hatten offensichtlich andere Pläne.“
Lothar Wolff findet es „ganz normal, dass ein Profiverein wie Union ein solches Zentrum braucht, wenn er auf Dauer konkurrenzfähig bleiben will“. Was ihn so schwer enttäuscht, ist das Schweigen des mächtigen Nachbarn.
„Dann wurde dort die Brücke über die Spree gebaut“
Wolff hat sich dem Rundgang durchs Vereinsheim angeschlossen. 25 Jahre lang leitete er den Klub. Er war schon dabei, als der SSV Köpenick 1987 seinen Sportplatz am Spindlersfeld räumen musste. „Aufgrund einer Parteibestimmung der SED, weil Rotation dorthinziehen sollte, die BSG vom Neuen Deutschland.“
Der SSV wich nach Friedrichshagen aus. Das neue Vereinsheim war fast fertig, da kamen die Wende und die Feststellung, dass das künftige Zuhause der Köpenicker in einem Wasserschutzgebiet lag. Also zurück nach Spindlersfeld, Rotation war inzwischen finanziell die Puste ausgegangen. „Dann wurde dort die Brücke über die Spree gebaut.“
Ein erneuter Umzug wurde fällig. Der SSV ging auf das ehemalige Gelände von Narva, machte sich daran, das verrottete Heim zu sanieren. Drei Jahre später folgte die Fusion mit Oberspree. „Und nun kommt Union“, sagt Wolff: „Ich habe so viel durchgemacht, in der DDR und jetzt in diesem Staat: Als kleiner Verein bist du immer der Verlierer.“
Sie sind im Büro des SSV angekommen. Wieder Pokale auf Regalen. Am Fenster steht ein Schreibtisch mit einem Eimer darauf. „Durch das Dach dringt Wasser ein“, sagt Wolff. Sie haben es notdürftig geflickt. „Ist doch klar, dass wir nicht viel investieren, wenn das Heim verschwinden soll.“
Rund 100.000 Euro steckten sie damals in den Bau, damit sie einziehen konnten. Mehrere 10.000 Euro flossen seither in die Instandhaltung. Die Toiletten im Erdgeschoss bringen sie gerade in Eigenleistung auf Vordermann. Einen kleinen Fitnessraum haben sie sich eingerichtet und angerostete Träger am First gestrichen.
Der Kiez startet durch
„Es muss ja irgendwie weitergehen“, sagt Matthias Loose, der 2. Vorsitzende, der sich ebenfalls mit auf den Rundgang gemacht hat und jetzt eine Dachterrasse betritt. Loose blickt auf die Fußballplätze. An die 50 Kinder tummeln sich dort. „Wir haben 17 Mannschaften im Spielbetrieb“, sagt er: „Vom Zuzug drüben erwarten wir einen weiteren Schub.“
Ein paar Hundert Meter den Bruno-Bürgel-Weg hinauf wurden vor Kurzem neue Wohnhäuser bezogen. Läden eröffneten, Restaurants. Eltern mit Kindern stehen an diesem Nachmittag Schlange: vor einer Eis-Manufaktur, keinem Eis-Laden. Der Kiez startet durch.
Die Angler packen ein
Hier beim SSV Köpenick-Oberspree könnten sich Vergangenheit und Zukunft begegnen, auf seiner Anlage, die 1936 als Trainingsstätte für die Olympischen Spiele entstand. Loose erzählt: „Die DDR-Nationalmannschaft bestritt hier 1974 ihr Abschlusstraining, bevor sie in Hamburg gegen die Bundesrepublik spielte.“
Und gewann. Wenn sich Loose zur Seite dreht, schaut er auf das Areal der Angelabteilung seines Klubs, die einpacken kann, wenn die erste Baustufe beginnt. Dreht sich Loose ganz um, blickt er auf die Spree. Ruderer ziehen in einem Vierer vorbei. Ein Kanu kommt ihnen entgegen.
Auf dem gegenüberliegenden Ufer wurde ein Appartementhaus, hochgezogen, typische Neuberliner Klötzchen-Architektur. Unions Trainer Jens Keller soll dort wohnen. Wer sich so ein Appartement zulegen will, muss drei Millionen Euro hinblättern, haben die Leute vom SSV neulich gehört. Was eben so an Informationen herüberdringt von der anderen Seite der Spree.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de