Staatsbanken wollen Vergabe von Darlehen einschränken - obwohl Regierung das Gegenteil fordert

Kreditklemme auf chinesische Art

Bernhard Bartsch
4 Min

PEKING. Chinas Kampf gegen die Finanzkrise gilt als Erfolgsmodell: Dank gewaltiger Staatsausgaben scheint sich die Volksrepublik als erstes großes Land wieder auf Wachstumskurs zu befinden. Doch über das weitere Vorgehen ist nun ein Richtungsstreit ausgebrochen. Soll die Regierung ihre Unternehmen weiterhin mit billigem Geld unterstützen, oder ist es bereits an der Zeit, die Kreditschraube wieder anzuziehen?Umgerechnet 770 Milliarden Euro haben Chinas Staatsbanken, die der Regierung auch als Subventionsvehikel dienen, im ersten Halbjahr verliehen - eine Rekordsumme, die rund der Hälfte des chinesischen Bruttoinlandsprodukts entspricht. Doch vieles deutet darauf hin, dass Peking nicht bereit ist, im zweiten Halbjahr noch einmal die gleiche Summe in Umlauf zu bringen oder gar die Wachstumsraten bei der Kreditvergabe beizubehalten. Am Freitag verkündete die China Construction Bank (CCB), Chinas zweitgrößtes Geldhaus, die Vergabe neuer Darlehen im zweiten Halbjahr um rund 70 Prozent zu reduzieren - eine Nachricht, die Chinas Börsenbarometer, den Shanghai Composite Index, um 2,9 Prozent einbrechen ließ. Schon zwei Tage vorher hatte die Zentralbank erklärt, die Geldpolitik werde demnächst einer "Feinabstimmung" unterzogen.Unerwünschte NebenwirkungenAnalysten werteten dies als Signal, dass die staatlichen Institute regelrechte Kreditvergabegrenzen auferlegt bekommen könnten, ein Instrument, dessen sich Peking in der Vergangenheit mehrfach bedient hat, zuletzt Ende 2007. Außerdem verlangte Chinas Bankenaufsicht von den städtischen Instituten, die vor allem lokale Unternehmen finanzieren, ihre Eigenkapitalhinterlegung von zehn auf zwölf Prozent zu erhöhen.Dies mag zwar nach eindeutigen Signalen aussehen. Doch für jedes Anzeichen gibt es derzeit in China auch ein Gegenzeichen. So bekräftigte Premierminister Wen Jiabao am Wochenende, es bleibe bis auf Weiteres beim günstigen Geld. "Der Grund, dass wir bei der gegenwärtigen Politik bleiben, besteht darin, dass wir noch viele Schwierigkeiten und Unsicherheiten sehen, einschließlich des noch unklaren Ausblicks für die Weltwirtschaft", erklärte Wen. Damit wiederholte er fast wörtlich, was er den Medien in den vergangenen 40 Tagen schon mindestens sechs Mal gesagt hat, was einige Beobachter als Indiz für eine sich zuspitzende Kontroverse innerhalb der Regierung deuten.Auch der Vizechef der Nationalen Entwicklungs- und Reformkommission, Zhu Zhixin, beteuerte, dass eine Neuausrichtung der Wirtschaftspolitik derzeit nicht geplant sei. "Wenn wir in unserer Politik schwanken, bedeutet das eine Umkehr der wirtschaftlichen Stabilisierung und Verbesserung", sagte er. "Das wäre so, als ob man auf halbem Weg aufgibt und die früheren Bemühungen verschenkt."Der stellvertretende Zentralbankchef Su Ning erteilte seinerseits Spekulationen über Kreditobergrenzen eine Absage und erklärte, man verfüge über andere Instrumente, die Geldmenge einzuschränken. Details nannte er allerdings nicht. Obwohl Pekings Konjunkturmaßnahmen das Land fürs erste wieder auf Boom-Kurs gebracht haben, sind die negativen Nebenwirkungen der Krisenmedizin unübersehbar. Ökonomen befürchten, dass Chinas Wachstum nicht nachhaltig ist, sondern zu einem beträchtlichen Teil auf neuen Blasen an den Börsen und Immobilienmärkten beruht. Der Leitindex legte seit Anfang des Jahres um fast 80 Prozent zu, und in den 70 größten chinesischen Städten lagen die Immobilienpreise im Juli nach einem tiefen Fall bereits wieder ein Prozent über dem Vorjahreswert, wie das Nationale Statistikbüro am gestern mitteilte.Selbst offizielle Stellen gehen davon aus, dass ein Großteil des Geldes, das Aktien- und Wohnungspreise in die Höhe treibt, aus dem staatlichen Konjunkturpaket zweckentfremdet wurde. Die Schätzungen beginnen bei 100 Milliarden Euro. Das die Zweckentfremdung ein politisches Nachspiel haben dürfte, deutet ein Kommentar in der parteinahen Volkszeitung an: Statt die steigenden Kurse zu feiern, bezeichnete sie das als schockierend.------------------------------Neuer BörsenboomAnschub: Die Aktienkurse an Chinas Börsen steigen trotz der Wirtschaftskrise seit Monaten in atemberaubendem Tempo. Experten führen dies zum Teil darauf zurück, dass Gelder aus den staatlichen Konjunkturprogrammen für Spekulationen an den Aktien- und Immobilienmärkten zweckentfremdet werden.Dämpfer: Jetzt wollen führende chinesische Banken die Kreditvergabe drastisch einschränken. Die Nachricht sorgte an der Börse für einen kräftigen Dämpfer.------------------------------Grafik: Schanghai Composite IndexFoto: Werbeplakat für ein Immobilienprojekt in Peking: Spekulanten treiben die Preise wieder nach oben.

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