Stadt als Lebensraum

Fuchsleben in Berlin

Immer mehr Füchse besiedeln die Hauptstadt. Umgerechnet sind es allein 14 Fußballfelder, die ein Neuköllner Fuchs sein Revier nennen kann. Und Ost- und Westfuchs erkunden munter früheres Sperrgebiet.

Harald Jähner
3 Min
"The Fox (What does the fox say?)" von Ylvis war einer der größten Youtube-Hits dieses Jahres.

"The Fox (What does the fox say?)" von Ylvis war einer der größten Youtube-Hits dieses Jahres.

© AP/dpa/Courtesy Jennifer Dougherty Lizenz

Der Fuchs lebt in Berlin immer ungenierter. Übertrieben allerdings wäre es zu sagen, man hätte sich an seinen Anblick gewöhnt. Das geht gar nicht, so sehr berührt es noch immer, wenn man ihn den Bürgersteig entlang streifen sieht. Nicht mal mehr geduckt schnürt er dort längs, wie früher ängstlich nach rechts und links witternd, sondern stolz und souverän wie ein Bürger unter Bürgern.

An der Universität der Künste hat er einen Eingang seines Baus mitten auf einer von Hunden frequentierten Wiese angelegt. Was versteht so ein Stadthund auch schon vom Jagen? In Prenzlauer Berg verlegte ein Fuchs seinen Bau in den Sandkasten eines Kindergartens. So konnten die Kleinen das ganze Jahr über studieren, wie ein angeblich wildes Tier so seine Jahreszeiten verbringt.

Der Biologe Konstantin Börner von der Humboldt-Universität hat nun eine Dissertation über die „Lebensraumnutzung des Rotfuchses in verschiedenen anthropogen beeinflussten Lebensräumen Berlins und Brandenburgs“ vorgelegt. Ergebnis unter anderem: Der Stadtfuchs begnügt sich mit weniger Fläche als der Offenlandfuchs. Durchstreift letzterer im Schnitt ein Gebiet von 200 Hektar, kommt der Berliner Fuchs mit 50 aus, einer aus Neukölln begnügt sich gar mit 10 Hektar.

Wirklich klein ist das immer noch nicht; umgerechnet sind es rund 14 Fußballfelder, die ein Neuköllner Fuchs sein Revier nennen kann. Das ergibt eine stattliche Anzahl von Straßen, angefüllt mit den interessantesten Dingen, die so ein Stadtfuchsleben zu einer ganz eigenen Daseinsform werden lassen. Mit Landpomeranzen will der Berliner Fuchs nichts mehr zu tun haben. Biologe Börner stellte zusammen mit seinen Kollegen Alain Frantz und Tanja Halczok fest, dass Stadt- und Landfuchs inzwischen unterschiedliche Fortpflanzungsgemeinschaften bilden, die sich auf Dauer genetisch auseinanderentwickeln.

Diese Grenze innerhalb der Gattung vulpes vulpes ist nicht die einzige: Innerhalb der Stadt sorgte bis zum Mauerfall die Sektorengrenze dafür, dass sich in Berlin füchsische Parallelgesellschaften bildeten. Ost- und Westfuchs entwickelten sich quasi kulturell auseinander. Obwohl sich die historisch getrennen Populationen heute wieder freudig durchmischen, schlugen sich, wie man dem Magazin HU Wissen entnehmen kann, die Jahrzehnte der schändlichen Trennung, an bestimmten Genabschnitten der Frontstadtfüchse nieder.

Heute aber stolziert der Ostfuchs über die ehemalige Sektorengrenze, als sei da nie was gewesen, und genauso macht es der Westfuchs. Bürger unter Bürgern. Hauptsache, diese herrliche Stadt macht sie bequemer satt als das Land die Brüder und Schwestern in Brandenburg.

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