Stadtgeschichte

Wie fand der Lutherglauben nach Berlin und Brandenburg?

Er kam von unten und von oben – und recht friedlich.

Maritta Adam-Tkalec
7 Min
In der Spandauer Nikolaikirche vollzog der Landesherr Joachim II. seinen Übertritt zum Lutherglauben. Dort steht heute sein Denkmal.

In der Spandauer Nikolaikirche vollzog der Landesherr Joachim II. seinen Übertritt zum Lutherglauben. Dort steht heute sein Denkmal.

© imago/Schöning

Dort zog der umtriebigste Ablasshändler, der Leipziger Dominikanermönch Johann Tetzel, umher und verhökerte seine Papiere, die Minderung der höllischen Sündenstrafe verhießen. Auch die Wittenberger zogen zu dem feurigen, charismatischen Prediger nach Jüterbog und kamen zu Luthers größtem Ärger mit teuer bezahlten Ablassbriefen zurück.

Bau- und Prunkpläne

Diese aggressive Kommerzialisierung der Jenseitsvorsorge hatte im Jahre 1517 Papst Leo X. ausgelöst: Er brauchte gewaltige Summen für seine römischen Bau- und Prunkpläne und sah den Ablassvertrieb als erstklassige Finanzierungsquelle. Die Menschen jener Zeit zahlten bereitwillig, denn sie fürchteten sich vor dem Fegefeuer. Aber auch der Vormarsch der osmanischen Heere seit dem Fall Konstantinopels 1453 machte ihnen Angst.

Die Bürger von Berlin/Cölln waren jedenfalls hinreichend erregt, um Tetzel im Frühjahr 1517 als Heilsbringer mit offenen Armen zu empfangen. Denn es musste viel Sünde sein in der Doppelstadt – hatte sie die Pest nicht 1502 und 1516 gleich zweimal heimgesucht?

Macht, Familie, Geld

Zeitgenössische Berichte von Tetzels Aufenthalt in der Residenzstadt gibt es nicht, nur nachempfundene Texte späterer Chronisten. Demnach sei eine Prozession, angeführt von den Würdenträgern des Rates zu Tetzels Begrüßung durch die damals 15.000 Einwohner zählende Stadt gezogen, bejubelt von den Bürgern. Tetzel habe als Gesandter des Papstes in der Nikolaikirche ein rotes Kreuz mit päpstlichem Wappen aufgerichtet, daneben den Ablasskasten platziert und gepredigt, bis den Leuten die Münzen aus dem Beutel in den Kasten sprangen. Sechs Monate währte Tetzels Geschäftsaufenthalt in der Mark Brandenburg.

Zu jener Zeit herrschte dort Joachim I. Nestor (1484–1535, Kurfürst seit 1499). Er gehörte zu den eifrigsten Parteigängern der Papstkirche im damaligen Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Ihm zur Seite stand sein Bruder Albrecht (1490–1545), Erzbischof von Magdeburg und Mainz, seit 1518 auch Kardinal.


Neue Regeln mit alten Elementen

Die Kirchenordnung für Brandenburg wurde auf Weisung von Kurfürst Joachim II. von November 1.539 an durch eine Kommission nach reformatorischen Vorbildern erarbeitet. Die Stände stimmten im März 1.540 zu. Sie übernahmen die Schulden des Landesherren und erhielten weitgehende Patronatsrechte (Besetzung von Pfarrstellen, Zugriff auf Kirchenvermögen). Die Ordnung trat 1.541 in Kraft, als sie den Gemeinden in gedruckter Form vorlag.

Zwischen den Extremen: Joachim II. schuf eine Reformation eigenen Typs. Er selber sagte: „So wenig ich an die römische Kirche will gebunden sein, so wenig will ich auch an die Wittenbergische Kirche gebunden sein.“

Das Werk umfasst nahezu 600 Seiten und gliedert sich in drei Teile: die reformatorische Lehre, Auslegungen von Luthers Kleinem Katechismus, die die Pfarrer im Gottesdienst als Predigten vorlesen konnten, und Regelungen zum Gottesdienst, zu den Sakramenten und zum kirchlichen Leben. Dieses Buch sicherte die Reinheit der Predigt und die geordnete Anwendung der Sakramente und damit den evangelischen Charakter der Kirche.

Luthers Lehre von der Rechtfertigung „allein aus Glauben“ wurde übernommen und der Laienkelch eingeführt. Zugleich blieben eine Vielzahl „altgläubiger“ Zeremonien, Festtage, Wallfahrten usw. erhalten. 


Diese Ämterhäufung hatte die brandenburgische Linie der Hohenzollern mit viel, größtenteils von den Augsburger Fuggern geliehenem Geld, erkauft – eine Investition in Machtpositionen. Zur Rückzahlung war vereinbart, die Hälfte der Einnahmen aus dem Ablasshandel an die Hohenzollern abzuführen.

Man versteht, warum Tetzel in der Mark Brandenburg so eifrig tätig sein konnte. Kein Wunder, dass unter diesen Umständen die Reformation dort nur zögernd in Gang kam. Sie schlich sich ein, von verschiedenen Seiten her: von Osten und vom Lande, als Bewegung von unten.

Elisabeth bekannte sich 1527 zum neuen Glauben

Zum einen nahm ein zweiter Hohenzoller namens Albrecht früh den evangelischen Glauben an: der Hochmeister des Deutschordens-staates in Preußen, damals noch nicht zu Brandenburg gehörig.

Seit 1523 pflegte Albrecht persönlichen Kontakt mit Martin Luther. 1525 erhielt er Preußen vom polnischen König als erbliches Lehen, löste den katholischen Ordensstaat auf, machte ihn zum Herzogtum und führte die evangelische Ordnung ein. Das hatte Folgen in Berlin und damit in Joachims I. unmittelbarer Nähe: Seine Ehefrau Elisabeth bekannte sich 1527 zum neuen Glauben, der Kurfürst drohte mit Scheidung, Gefängnis, Tod. Elisabeth entwich nach Sachsen, wo ihr Verwandter Friedrich der Weise herrschte, früher Beschützer und Anhänger Luthers. 

Dass es schon in den 1520er-Jahren zu reformatorischen Bewegungen gekommen sein muss, davon zeugt der Aufstieg Matthias von Jagows (1490-1544) zum Bischof von Brandenburg (1527), ein dezidierter Anhänger der lutherischen Ideen. Solange der reformationsfeindliche Kurfürst lebte, arbeitete von Jagow zunächst an Veränderungen innerhalb der Kirche. Mit dem Tode Joachims I. trat er offen für die Reformation ein. Ihm kommt der Titel des Brandenburger Reformators zu. Unter seinem Einfluss änderte der neue Kurfürst, Joachim II., langsam, seine Macht nach allen Seiten sichernd, den Lauf der Dinge.

Teltower Einigung

Wie weit der Wunsch nach dem neuen Glauben in der Kirchenbasis schon verbreitet war, führte von Jagow seinem Fürsten 1536 drängend vor Augen: Bei einem Treffen mit märkischen Edelleuten, darunter Jochen von Schwanebeck, kam es am 18. April 1536 zur sogenannten Teltower Einigung. Die Luther-Anhänger beschlossen, in ihrem jeweiligen Machtbereich die Reformation zu fördern.

Berichtet wird, die Beteiligten seien „alle eines Sinnes und Willens gewesen, die reine göttliche Lehre anzunehmen, und standhaft zu bekennen“. Im Sinne eines friedlichen Wandels versprachen die Adligen, die katholischen Priester nicht abzusetzen, zusätzlich aber – falls nötig – evangelische Prediger zu berufen.

Die Berliner zeigten zunächst wenig reformatorischen Eifer, gleichwohl muss der Sinneswandel untergründig im Gang gewesen sein. Das erste öffentliche Zeichen stammt vom 13. Februar 1539. Kurz vor Ostern baten Berliner und Cöllner Bürger und Räte den Kurfürsten, dass er ihnen „gnädiglich gestatten und nachgeben wolle, dass sie das heilige hochwürdige Sakrament nach christlicher Ordnung und Einsetzung unter beiderlei Gestalt, in der österlichen Zeit genießen und empfangen möchten“.

Wandlung des Leibes Christi lediglich symbolisch

Beiderlei Gestalt heißt: Anders als im katholischen Ritus, in dem die Gläubigen nur die Hostie („Dies ist mein Fleisch“) erhalten und der Priester stellvertretend für die Gemeinde vom Kelch trinkt („Dies ist mein Blut“), erhalten Evangelische Brot und Wein (beiderlei Gestalt) und verstehen die Wandlung des Leibes Christi lediglich symbolisch.
Mit Rücksicht auf religionspolitische Verhandlungen im Reich wies Joachim II. die Bitte seiner Berliner Untertanen zunächst ab.

Doch bald gab er dem Drängen des Luther-Mitstreiters Philipp Melanchthon und der märkischen Stände nach. Seinen Übertritt vollzog er mit dem ersten offiziellen evangelischen Abendmahl am 1. November 1539 in der Nikolaikirche zu Spandau. Die Zeremonie leitete Bischof Jagow. Für den Staatsakt mied der Kurfürst die Residenzstadt Berlin, um Papst und Kaiser nicht zu brüskieren.

Vor allem aber nahm er Rücksicht auf seine Gattin Hedwig, Tochter des polnischen Königs Sigismund I. Sie blieb zeitlebens katholisch, und der Kurfürst akzeptierte – schließlich erstrebte er die Nachfolge seines Onkels Albrecht im polnischen Lehen Preußen. Was auch gelang. Am 2. November 1539 nahm er in der Berliner Nikolaikirche am Gottesdienst zum Übertritt von Rat und Bürgerschaft Berlin/Cölln teil. 

Ein Lob dem Lavieren

Sein milder Weg zur Reformation führt auf erstaunliche Weise zum Ausgleich zwischen Mächten, die auch hätten aufeinander losgehen können – wie sie es im Dreißigjährigen Krieg dann taten. Joachim II. ließ eine Kirchenordnung erarbeiten (siehe Infobox). Den ersten Entwurf verwarf Melanchthon als „Munchsbuch“, dem zweiten stimmten Luther und Melanchthon trotz Bedenken 1539 zu. Joachim erlangte auch die Zustimmung des Papstes in Rom und des Kaisers in Wien: Als erster Landesfürst erhielt er die Genehmigung beider Seiten.

Im selben Jahr prangerte Melanchthon auf dem Fürstentag zu Frankfurt die märkischen Judenverfolgungen infolge des Berliner Hostienschändungsprozesses als Justizverbrechen an. Kurz darauf gestattete der Kurfürst die Wiederansiedlung von Juden in der Mark.[
Luther kam nie nach Berlin, aber Melanchthon weilte oft zu Verhandlungen hier und schrieb zufrieden: „Die Mark dürstet nach der reinen Lehre.“

Kurfürst Joachim II. stand im Ruf, ein verschwenderischer, erratischer Herrscher zu sein, doch mit Reformation und neuer Kirchenordnung vollbrachte er ein Meisterstück friedfertiger Diplomatie. Auch wenn manch einer dies als Lavieren gering schätzen mag.

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