Die Gedenkstätte Leistikowstraße in Potsdam: Ehemaliger Standort eines sowjetischen Untersuchungsgefängnisses.
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Acht Monate lang war Helga Gäbel 1951 hier in Untersuchungshaft.
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Die damals 19-Jährige war im sechsten Monat schwanger, als sie verhaftet wurde.
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Eine Bekannte hatte sie denunziert. Der Vorwurf: Gäbel sollte Rotarmisten für den amerikanischen Geheimdienst zum Vaterlandsverrat angestiftet haben.
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Nach tagelangem Verhör gestand sie. Gäbel kam ins Frauengefängnis Hoheneck: Und brachte dort ihre Tochter zur Welt. Das Kind wurde in ein Heim gebracht.
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Nur einmal im Jahr bekam Helga Gäbel ein Foto ihrer Tochter, das sie über Weihnachten behalten durfte.
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Erst nach fünf Jahren sah die Mutter ihre Tochter wieder. Das Kind lebte bei den Großeltern. Im März 1957 wurde Gäbel entlassen.
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Helga Gäbel lebt in Berlin-Spandau. Sie ist für die Themenwoche "Frauen in stalinistischen Gefängnissen und Lagern" in die Gedenkstätte nach Potsdam gekommen. Dort wird sie heute über ihr Schicksal berichten. Frauen im Untersuchungsgefängnis in der Leistikowstraße, das ist nach Angaben der Gedenkstättenstiftung ein weitgehend unerforschtes Thema.
Eine große Russenfreundin
1951 hat Helga Gäbel acht Monate lang in dem Gefängnis gesessen, bevor sie ihrem Vernehmer namens Wolkow gestand, Rotarmisten für den amerikanischen Geheimdienst zum Vaterlandsverrat angestiftet zu haben. Daraufhin wurde sie von einem sowjetischen Tribunal verurteilt – zu 25 Jahren Arbeitslager. "Dabei war ich eine ganz große Russenfreundin", erzählt Helga Gäbel. Die Sowjets waren die Befreier, denen sie bei Kriegsende zugejubelt habe.
Im Mai 1945 ist Helga Gäbel 14. Sie lebt mit ihren Eltern im Spandauer Ortsteil Haselhorst. Sowjetische Offiziere werden für kurze Zeit bei ihnen einquartiert – auch ein Laufbursche, der so alt ist wie sie. "Wir brachten uns die Zahlen in der Sprache des anderen bei", erinnert sie sich. Odin, dwa, tri, sind ihre ersten russischen Worte. Schon bald ist sie begeistert von der Freien Deutschen Jugend, wird sogar Mitglied. Sie fährt oft nach Ost-Berlin zu Freundinnen. Auf einem Rummel lernt sie ein Mädchen aus Ostpreußen kennen, das perfekt Russisch spricht. Die neue Bekannte nimmt sie mit zu einem Konzert russischer Volksmusik. "Ich war begeistert von der Musik, nur von den Liedern habe ich kein Wort verstanden", erzählt sie. Sie beschließt, an der Abendschule Russisch zu lernen.
Mehrfach vom Geheimdienst vernommen
Eine junge Frau, die freiwillig Russisch lernt, oft in Ost-Berlin ist und versucht, sich zwanglos mit Sowjetsoldaten zu unterhalten. Das erregt Misstrauen. Mehrfach wird sie vom sowjetischen Geheimdienst vernommen. "Ich habe das nie richtig ernst genommen, sonst wäre ich doch nie wieder rübergefahren. Ich war 19 – und naiv", erzählt sie. Dann wird sie wieder festgenommen. Eine Bekannte hat sie denunziert. Diesmal aber wird es ernst. Helga Gäbel kommt im April 1951 in die Leistikowstraße.
Die hygienischen Verhältnisse sind katastrophal. So gibt es beispielsweise kein Toilettenpapier. "Ich habe mich nach einer Zahnbürste gesehnt", erzählt sie. Die Versorgung ist nicht besser, es gibt Tee und Suppe, die so dünn ist wie der Tee, ein wenig Brot, das oft angeschimmelt ist. Helga Gäbel weiß, dass sie schwanger ist. Von ihrem Freund. Sie hat Angst, ihr Kind zu verlieren. Sie wird zur Vernehmung geholt. Jede Nacht. "Wolkow hat mich nicht schlafen lassen", sagt sie. Beim Verhör muss sie in der Ecke stehen. Droht sie einzuschlafen, schlägt sie der Vernehmer und droht, ihr das Kind aus dem Leib zu treten. "Ich habe nichts gemacht, also habe ich auch nichts zugegeben", sagt Helga Gäbel. Bis sie gebrochen aus dem Karzer kommt. "Ich hatte dann wenigstens bis zu meiner Verurteilung Ruhe."
25 Jahre Arbeitslager
25 Jahre Arbeitslager, so der Schuldspruch. "Keine der verurteilten Frauen wusste, wo sie hinkommt", sagt Ines Reich, die Leiterin der Gedenkstätte. Ob in ein Lager in Sibirien oder eine DDR-Haftanstalt. Helga Gäbel kommt in das Frauengefängnis Hoheneck, dort bringt sie kurz darauf ihre Tochter Angelika zur Welt. Drei Wochen später wird das Kind in ein Heim gebracht. Nur einmal im Jahr erhält Helga Gäbel ein Foto, das sie über Weihnachten behalten darf. Eines der Kinderbilder gibt sie nicht zurück, sie trägt es heimlich unter ihren Kleidern.
Erst fünf Jahre später sieht Helga Gäbel ihr Kind wieder. Es lebt bei den Großeltern. Das Mädchen ist Helga Gäbel fremd, dem Kind die Mutter. "Die ersten fünf Jahre sind prägend. Man muss als Mutter das Kind aufwachsen sehen." So, wie sie es mit ihrem Sohn erleben konnte, der heute 46 ist. Es hat lange gedauert, bis sich Mutter und Tochter so gut verstehen wie jetzt.
Helga Gäbel ist ein lebensfroher Mensch geblieben. Sie lacht viel und gerne. "So ein Erlebnis macht dankbar. Dankbar, dass ich jetzt hier sitze, dass ich die Bäume sehe", erklärt sie. In Hoheneck hat sie einmal von ihrer Zelle in den Innenhof auf einen Baum geschaut. Das war verboten. Eine Wärterin schrie sie an: "Für dich blühen keine Bäume."
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