Manche von ihnen kennen Politiker oder andere Figuren des öffentlichen Lebens persönlich. Sie leiden wohl alle ein wenig unter ihrer zunehmenden Bedeutungslosigkeit. Ihre wöchentlichen Treffen, bei denen sie in zwei, zweieinhalb Stunden durchhecheln, was ihnen aktuell wichtig erscheint in Politik, Wirtschaft und Theater, genießen sie. Es ist ihnen angenehm, mit Menschen reden zu können, die die meisten Anspielungen verstehen, die ähnliche Lebensläufe und die einen oder anderen ähnliche Interessen haben. Auf dem Tisch stehen Schnitzel Wiener Art, große Salate, Flammkuchen, Maultaschen, Apfelsaftschorle, Paulaner Weißbier, Grüner Veltliner und Merlot. Man isst, trinkt und redet. Ein Stammtisch.
GERD: Der Bundestagspräsident stellt sich hin und verkündet, es gebe Menschen auf der Welt, die nähmen sich vor, unsere westliche freiheitliche Ordnung zu zerstören.
HEINZ: Was ist falsch daran?
GERD: Das ist doch keine Erklärung! In der Welt laufen keine Leute herum, die einfach so mal auf die Idee gekommen sind, in Europa Bomben zu werfen. Das ist doch Demagogie. Diese Gewalt hat doch Ursachen. Wenn man sich klar werden will über die Lage, muss man doch nach den Ursachen suchen.
BORIS: Und die sind?
GERD: Wir überfallen andere Länder, wollen denen vorschreiben, wie sie dort zu leben haben. Wir schüren Bürgerkriege, sorgen dafür, dass ganze Landstriche verheert werden und wundern uns dann, dass die Menschen von dort fliehen...
FRIEDER: ...und zu uns kommen, hier versuchen, unbehelligt leben zu können.
HEINZ: Und wir knallen ihnen dann die Tür vor der Nase zu. Nennen sie Wirtschaftsflüchtlinge, erklären sie für unerwünscht und schieben sie wieder ab.
GERD: Die Ursache des Terrorismus sind wir. Na ja, eine Ursache. Das sagt uns aber der Bundestagspräsident nicht. Er tut so, als hätten wir nichts mit dem Terrorismus zu tun, als hätten ein paar Verrückte sich vorgenommen, unsere schönen westlichen Werte kaputt zu bomben. Aus Daffke.
Die Kellnerin fragt, ob die Herren noch etwas trinken möchte. Jeder bestellt noch etwas nach. Der älteste von ihnen sieht ihr und dem Streifen nackter Haut auf ihrer rechten Schulter nach. Er lässt sich gerne von ihr ablenken.
GERD: Die politische Kaste spricht nie von den Ursachen. Die werden systematisch verschwiegen. Man soll gar nicht auf die Idee kommen, man müsse etwas anderes tun, als Krieg gegen die Terroristen führen. So wird alles immer schlimmer. Jedes Attentat, jeder Attentatsversuch schon führt zu einer Verschärfung der Gesetze. Es geht nur noch darum, was man gegen Attentäter oder auch nur mutmaßliche tun soll. Keiner überlegt sich, wie man verhindern kann, dass Menschen zu Attentätern werden.
HEINZ: Wo sprach denn der Bundestagspräsident?
GERD: Im Bundestag. Bei der Veranstaltung für die Oppfer des Lasteranschlags am Breitscheidplatz.
ALEX: Er hat großartig gesprochen. Jeder Satz war richtig. Da saßen Überlebende und Verwandte der Toten auf der Besuchertribüne des Bundestages. Das ist ganz sicher nicht der Moment, an dem man denen zuruft: Ihr seid mit schuld daran, dass euer Bruder, eure Schwester, eure Frau, euer Mann von einem durchgeknallten Islamisten überfahren wurde. Euer Freund mag von ihm getötet worden sein, aber er ist das Opfer der Bundesrepublik Deutschland, die Waffen an die Opposition in Syrien liefert oder doch Geld. Hätte Lammert das sagen sollen? Dort zu diesen Leuten, in diesem Augenblick? Wie verrückt bist du denn?
GERD: Vielleicht nicht in diesem Augenblick, vielleicht nicht in dieser Rede. Aber er tut es ja nie. Und auch sonst tut es doch keiner. Keiner im Parlament, keiner in den Medien. Es gibt ein Schweigekartell. Nennt mir doch einfach einen einzigen, der den Mund aufmachte und die Ursachen bei uns suchte.
BORIS: Der moderne islamistische Terrorismus ist ein Produkt des Westens. Das sagen alle und jeder. Ohne die massive Unterstützung des islamischen, islamistischen Widerstands gegen die Invasion der Russen in Afghanistan, vor nunmehr mehr als 35 Jahren, hätten die nicht gesiegt. Mit diesem Erfolg im Rücken haben sie überall auf der Welt weiter gearbeitet. Saudi-Arabien, ein dicker Verbündeter der Vereinigten Staaten, hat in den vergangenen Jahrzehnten niemals damit aufgehört, islamistische Terroristen hervorzubringen, sie zu finanzieren, ihnen Waffen zu liefern. Das kannst du jeden Tag in den Zeitungen lesen. Das sagen Abgeordnete der verschiedensten Parteien immer wieder.
WALTER: Ja, wenn es gegen die Amis geht, dann machen sie den Mund auf.
GERD: Es geht doch darum, dass wir, dass die Bundesrepublik Deutschland sich bei der Aufgabe Regimewechsel beteiligt. Ohne sich anzuschauen, wer denn auf diese Weise in eine Regierung geschoben würde, ohne auch nur die mindeste Vorstellung davon zu haben, wie so ein Land – nach einem „Sieg“ – regiert werden sollte. Ich erinnere an Saddam Hussein! Der musste weg. Das ging leicht und schnell. Danach kam die Katastrophe. So geht das seit Jahrzehnten. So produzieren wir Terroristen. Unsere Bomben zerstören Städte und Äcker. Wir töten die Menschen, und wir sorgen dafür, dass die, die überleben, nichts mehr zum Leben haben. Jetzt schießen die zurück. Davon müssen wir reden.
ALEX: Aber das ist doch Quatsch. Dann müssten Millionen zu Terroristen werden. Das ist aber nicht unsere Lage. Ein paar Hundert, ein paar Tausend vielleicht. Mehr sind es nicht. Das sind die, die sich vorgenommen haben, dem Westen Angst zu machen. Sie hassen uns, weil wir nicht an ihren Allah glauben, weil unsere Frauen unverschleiert sind, weil bei uns Männer einander lieben dürfen, weil wir ein säkularer Staat sind, weil wir uns das Recht vorbehalten, uns nicht nur über Jesus und Maria, sondern auch über Mohammed und Aisha lustig zu machen. Lammert hat völlig recht. Es gibt diese Leute, und wir müssen gegen sie vorgehen.
HEINZ: Lammert ist Bundestagspräsident. Er muss das tun. Er muss so reden. Das gehört zu seinen Amtspflichten. Es ist aber auch vernünftig.
FRIEDER: Vorausgesetzt, er übersieht neben der einen Aufgabe nicht, dass er auch die Lage verstehen muss, um richtig zu handeln. Er ist ja kein Pfarrer, der nichts zu tun hat, als Trost zu spenden. Er ist Politiker: Er muss Schaden abwenden vom deutschen Volk.
GERD: Dazu muss er seine eigene Rolle mit berücksichtigen. Reflexion nennt man das. Eine schwierige Sache!
BORIS: Achim ist Soziologe und Politikwissenschaftler. Er arbeitet mit großen Zahlen, mit allgemeinen Entwicklungen. Er sieht, was passiert und korreliert die Dinge miteinander. Ob das eine wirklich die Folge des anderen ist, wird er nicht hundertprozentig belegen können. Es gibt einfach zu viele Variablen bei einer so umfassenden Kalkulation.
GERD: Wir bombardieren die muslimische Welt und wundern uns, wenn dort ein gegen uns gerichteter Terrorismus entsteht!
BORIS: Keiner der RAF-Terroristen der 70er-Jahre wurde von irgendjemandem bombardiert. Sie wurden Terroristen, weil sie dem westlichen System den Krieg erklärt hatten und nun auch den Krieg führen wollten.
WALTER: Der Vietnamkrieg!
ALEX: Um einen Grund scheint ein Terrorist nie verlegen.
GERD: Aber man ist doch kein Terrorist. Man wird es.
BORIS: Man wird es aber nicht aus soziologischen Gründen. Terrorist zu sein, dafür entscheidet man sich. Meist gegen seine Umwelt, gegen das Elternhaus, gegen die Freunde und Arbeitskollegen. Vielleicht gibt es Palästinensersiedlungen, in denen man jetzt schon in der dritten oder in der vierten Generation Terrorist wird. Aber die Wahrheit ist: Nur ein kleiner Bruchteil der Palästinenser ist Terrorist. Dass sie es – aus diesen oder jenen Gründen – werden, ist ihre eigene Schuld.
GERD: Aber es gibt Situationen, in denen entsteht eine terroristische Option.
BORIS: 1969 in der Bundesrepublik?
FRIEDER: Wie kommst du auf 1969?
BORIS: 1968 zündelten Baader, Ensslin und andere an den Kaufhäusern Kaufhof und Schneider in Frankfurt am Main und 1970 wurde bei der sogenannten Baaderbefreiung ein Unbeteiligter schwer verletzt. Dazwischen wurde viel diskutiert über den bewaffneten Kampf, über Che, Mao und die Tupamaros. Die Alternativen wurden abgewogen und heftig diskutiert.
GERD: Das hat doch alles mit der heutigen Situation nichts zu tun.
BORIS: Das hatte schon damals nichts mit der damaligen Situation zu tun.
HEINZ: Der Terrorismus ist immer die Katastrophe, die zu bekämpfen er vorgibt.
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