Geschichte

„Standort: Kriegsverlust“: Polen und Deutschland streiten über Bücher

Die Polen erwarten von den Deutschen endlich Vorschläge bezüglich geraubter und zerstörter Bücher. Doch die verschanzen sich hinter einer juristischen Mauer.

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Achim Bonte, Vanessa de Senarclens, Moderator Tomas Fitzel, Krzysztof Ruchniewicz, Gilbert Lupfer (v.l.) beim Podiumsgespräch

Achim Bonte, Vanessa de Senarclens, Moderator Tomas Fitzel, Krzysztof Ruchniewicz, Gilbert Lupfer (v.l.) beim Podiumsgespräch

© Berliner Zeitung

Eigentlich wollte sie „über das 18. Jahrhundert forschen“, war aber „zunächst mit den totalitären Katastrophen des 20. Jahrhunderts konfrontiert, samt Millionen von Opfern, zerstörten Städten und in alle Winde verstreuten Büchersammlungen“. So beschreibt die aus der Schweiz stammende Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Vanessa de Senarclens ihre ganz praktischen Erfahrungen mit den Berliner Bibliotheken.

Bücher sind oft nicht dort vorhanden, wo man sie vermutet, viele sind immer noch mit „Standort: Kriegsverlust“ gekennzeichnet, es gibt leere Karteikarten. Kataloge mussten immer wieder neu angelegt werden, je nachdem, wie die politischen Wirren es gerade notwendig oder opportun erschienen ließen. Sisyphos sei ein glücklicher Mann gewesen im Vergleich, schreibt die am Institut für Romanistik der Humboldt-Universität Berlin lehrende Senarclens.

Sie hat die vielen Dilemmata, denen man als Forscherin begegnet, in einem Beitrag für einen Sammelband analysiert, den sie auch herausgegeben hat. Das Buch trägt den Titel „Bücher und ihre Wege. Bibliomigration zwischen Deutschland und Polen seit 1939“ und versammelt 17 Beiträge von polnischen und deutschen Forschern.

Alle Autoren berichten in ihren Artikeln von mannigfachen Schwierigkeiten, die sich aus den Verwüstungen des 20. Jahrhunderts ergeben haben. Ausgelöst wurde die „Katastrophe, die in der Geschichte der Bibliotheken und in der Geschichte der Wissenschaften keinen Vergleich kennt“, wie der Bibliothekar und Nazi-Gegner Georg Leyh 1947 schrieb, von der einzigartigen Zerstörungswut der Deutschen im Zuge des Angriffskriegs gegen Polen und durch die Vernichtungsmaschine gegen die europäischen Juden. Es folgten die Spannungen im Kalten Krieg zwischen dem Westen und der Sowjetunion sowie den Warschauer-Pakt-Staaten, die ideologischen Bruchlinien im kommunistischen Polen, die deutsche Teilung und die Rivalität zwischen der BRD und der DDR.

Bücher wurden in Kriegs- und Krisenzeiten zu „Migranten“. Sie sind jedoch nicht wie Zugvögel freiwillig von einem Ort zum andern gewandert, wie Michaela Scheibe von der Staatsbibliothek zu Berlin anlässlich eines Podiumsgesprächs zur Vorstellung des Buchs am Dienstagabend anmerkte. Die Veranstaltung war auf überraschend starkes Interesse gestoßen, weil das Thema nicht bloß akademisch, sondern politisch konfliktträchtig ist. Denn es bestehen unterschiedliche nationale Sichtweisen auf die Bücher: In Polen gelten die aus Deutschland oder von Deutschen stammenden Exemplare als polnisches Eigentum und werden als anteilige Entschädigung für entstandene Kulturgutverluste gesehen. In Berlin erhebt die Staatsbibliothek laut ihrer offiziellen Website „auf alle Materialien, die mit ihren historischen Stempeln versehen sind, Eigentumsanspruch“. Einen Hinweis allerdings „darauf, wo sich die verlorenen Bände heute befinden, empfände man wohl als eine Art Aufgabe dieses Anspruches“, so die FAZ.

Genau hier setzt Vanessa de Senarclens an und erntet mit ihrer These großen Zuspruch beim Fachpublikum: Es sei ein „Armutszeugnis, dass zwei Kulturländer wie Deutschland und Polen es nicht schaffen, nach 80 Jahren eine Lösung zu finden“. Sie regt an, auf „Ansprüche zu verzichten“, die Eigentumsfrage hintanzustellen und einfach pragmatisch zu kooperieren. Die Bücher sollten nicht als „Besitz“ gesehen werden, sondern als „gemeinsames europäisches Erbe“.

Das Thema ist allerdings ein Minenfeld, wie die Diskussion zeigt. Achim Bonte, der Generaldirektor der Staatsbibliothek zu Berlin, verweist auf das Auswärtige Amt, das den „Eigentumsanspruch nie aufgegeben habe“, weshalb ihm leider, leider die Hände gebunden seien. Außerdem würde ein Geschenk an die Polen diese unter Druck setzen, ihrerseits den Deutschen etwas zu schenken. Dies wolle man unbedingt vermeiden, weshalb man den Polen eben bedauerlicherweise nichts schenken könne.

Gilbert Lupfer, Vorstand der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste, sagt, die „vermaledeite Eigentumsfrage“ sei leider nicht zu lösen. Würde nämlich Deutschland seinen Eigentumsanspruch aufgeben, könnte dieselbe Debatte auch bei den Themen NS-Raub und NS-Enteignung aufkommen – und damit Druck auf die jüdischen Anspruchsberechtigten ausgeübt werden. Lupfer sagt, leise und bedeutungsschwer: „Es gibt eine Partei, die das genau so sieht.“ Man will also den Polen nichts schenken, damit die Juden nicht gezwungen würden, auf etwas zu verzichten.

Von Deutschland kam noch kein Vorschlag zur Wiedergutmachung

Krzysztof Ruchniewicz, Beauftragter des polnischen Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten und zuständig für die deutsch-polnische Zusammenarbeit, sagt, es gehe darum, „das Vertrauen wiederzugewinnen“ – und um „Gesten“. Er macht jedoch klar, dass die Debatte eine andere Dimension hat: „Wir haben die Bücher nicht genommen, wir haben sie übernommen. Wir sprechen nicht über die Bücher. Sie (die Deutschen, Anm. d. Red.) haben getötet.“ Es gehe „um Wiedergutmachung“. Aus Deutschland sei bisher „kein Vorschlag“ gekommen.

Nawojka Cieślińska-Lobkowicz, die über das Schicksal jüdischer Bibliotheken geschrieben hat, sagt, das „Bild ist nicht schwarz-weiß“. Die einzelnen Regionen Polens seien unterschiedlich zu bewerten. Während in Warschau polnische und jüdische Bibliotheken zerstört worden seien, seien in Krakau nur die Bücher der Juden vernichtet worden. Sie fordert eine „wirklich gut vorbereitete Zusammenarbeit bei der Provenienzforschung“ und regt die „virtuelle Rekonstruktion von Sammlungen“ an.

Die Digitalisierung wird von allen beschworen. Doch die Technik kann die Anstrengungen für eine gemeinsame Erinnerungskultur nicht ersetzen. Es gebe noch viel zu tun, schreibt Jürgen Kaube in der FAZ: „Eine Vernetzung der deutschen und polnischen Bibliothekskataloge steht aus, exemplarische Forschungsprojekte zu den Buchschicksalen gibt es nur vereinzelt, die inzwischen erreichten europäischen Gemeinsamkeiten werden zu selten aktiviert.“ Kaube gibt dem kreativen Ansatz von Vanessa de Senarclens Flankenschutz: „Bücher zu besitzen ist eine schöne Sache, sie leicht finden und lesen zu können eine viel bessere.“

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