Statement von Sarah Harrison

Der Kampf um die Wahrheit

BLZ
4 Min

„Als Journalistin habe ich die vergangenen vier Monate mit dem NSA-Whistleblower Edward Snowden verbracht und bin am Wochenende in Berlin angekommen. Ich arbeitete in Hongkong in dem kleinen Wikileaks-Team, das eine Reihe von Asylmöglichkeiten für Snowden vermittelte und über seine sichere Ausreise aus Hongkong verhandelte, damit er sein Recht auf politisches Asyl wahrnehmen konnte. Ich war mit ihm auf dem Weg nach Lateinamerika, als die USA seinen Reisepass für ungültig erklärten und er in Russland strandete.

Die nächsten 39 Tage verbrachte ich mit ihm im Transitbereich des Moskauer Flughafens Scheremetjewo und half ihm, in 21 Ländern, darunter auch Deutschland, Asyl zu beantragen. Es gelang schließlich, ihm in Russland Asyl zu verschaffen – trotz des massiven Drucks der USA. Ich blieb weiter bei ihm, bis sich unser Team sicher war, dass er sich dort eingerichtet hat und ihn keine Regierung der Welt stört.

Während Snowden nun erst einmal sicher und geschützt ist, bis sein russisches Visum in neun Monaten erneuert werden muss, gibt es noch viel zu tun. Der Kampf gegen staatliche Überwachung und für mehr Transparenz der Regierungen, dem sich Snowden angeschlossen hat, ist auch ein Kampf, den Wikileaks – und viele andere – führen. Wir werden ihn weiter führen.

Wikileaks kämpft viele Schlachten: gegen Mächtige, die keine Rechenschaft ablegen wollen, gegen die Geheimniskrämerei von Regierungen. Wir veröffentlichen Analysen und Dokumente für alle Betroffenen und sorgen dafür, dass die Öffentlichkeit ihre Geschichte zurückerhält. (...) Wir haben die Schlacht um Snowdens unmittelbare Zukunft gewonnen, aber der Krieg geht weiter.

Was ich in den wenigen Tagen seit meiner Ankunft in Deutschland erlebt habe, ermutigt mich sehr. Menschen tun sich zusammen und fordern ihre Regierung dazu auf, endlich das Nötige zu tun: die Enthüllungen über das NSA-Spähprogramm zu untersuchen und Edward Snowden Aysl zu gewähren. Die USA sollten nicht länger in der Lage sein, jede Person auf diesem Planeten auszuspähen und diejenigen zu verfolgen, die diese Wahrheit aussprechen. Snowden befindet sich in Russland momentan in Sicherheit, aber es gibt Whistleblower und Informanten, für die das nicht zutrifft. (...) Ich hoffe, ich habe ein Gegenbeispiel geliefert: Mit der richtigen Unterstützung können Whistleblower die Wahrheit sagen und zugleich ihre Freiheit behalten.

Gegen Journalisten, Verleger und Experten, die mutig dafür arbeiten, dass die Wahrheit ans Licht kommt, wird mit aggressiven Methoden vorgegangen. Glenn Greenwald, Laura Poitras und Jacob Applebaum befinden sich faktisch im Exil. (...) Mein Chefredakteur Julian Assange hat wegen der amerikanischen Drohungen Asyl bekommen, aber Großbritannien gestattet es ihm nicht, dieses Recht wahrzunehmen, und verstößt damit gegen das Gesetz. Die britische Regierung hat außerdem David Miranda auf Grundlage des britischen Terrororismusgesetzes in Gewahrsam genommen, weil er mit Laura Poitras und Glenn Greenwald zusammenarbeitet.

Dieses Gesetz definiert Terrorismus als Handlung oder die Androhung einer Handlung, die darauf zielt, eine Regierung „im Sinne eines politischen oder ideologischen Anliegens zu beeinflussen“. Dazu gehören Handlungen, die das Funktionieren eines „elektronischen Systems“ (also das riesige Spähprogramm der NSA) stören, oder Aktionen, die die Regierung für ein „Risiko“ für die Öffentlichkeit hält.

Es ist absurd, Journalismus, dessen Ziel es ist, über nationale Sicherheit zu berichten (...) oder die einfachsten Bürgerrechte durchzusetzen, als Terrorismus zu bezeichnen. Aber die britische Regierung hat sich anders entschieden. Fast jeder Bericht, der über das umfangreiche Spähprogramm der NSA oder des britischen Geheimdiensts GCHQ veröffentlicht wurde, fällt unter diese Interpretation von „Terrorismus“. Als Reaktion darauf haben mir unsere Anwälte gesagt, dass es für mich nicht sicher ist, nach Hause zurückzukehren.

Es ist Aufgabe der Presse, gegenüber den Mächtigen die Wahrheit auszusprechen. Und trotzdem werden wir verfolgt, wenn wir unsere Arbeit tun. Wir dürfen es nicht zulassen, dass man uns durch diese aggressiven und illegalen Taktiken (...) zum Schweigen bringt. Ich erkläre mich mit all jenen solidarisch, die eingeschüchtert und verfolgt werden, weil sie der Öffentlichkeit die Wahrheit sagen.

In diesen Zeiten der Geheimhaltung und des Machtmissbrauchs gibt es nur eine Lösung: Transparenz. (...) Wenn Whistleblower hervortreten, dann müssen wir für sie kämpfen und andere ermutigen. Wenn sie geknebelt werden, müssen wir ihre Stimme sein. Wenn sie gejagt werden, müssen wir ihr Schutzschild sein. Wenn sie eingesperrt werden, müssen wir sie befreien. Es ist kein Verbrechen, uns die Wahrheit zu sagen. Es sind unsere Daten, unsere Informationen, unsere Geschichte. Wir müssen kämpfen, damit all das wieder uns gehört. Mut ist ansteckend.“

Sarah Harrison, 6. November 2013, Berlin. Veröffentlicht auf der Enthüllungs-Plattform Wikileaks.

Übersetzung aus dem Englischen: Kordula Doerfler.

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