Zur Weltstillwoche

Hört auf mit dem Still-Zwang!

Wer als Mutter nicht stillt, hat oft Angst vor Angriffen oder Abwertung.

Sabine Rennefanz
3 Min

Neulich bekam ich eine E-Mail, die einen gewissen konspirativen Ton hatte. Eine Bekannte schrieb mir von wiederum einer anderen Bekannten, die schwanger sei. Sie habe das Stillen bei ihrem ersten Kind probiert, sich aber unwohl und angekettet gefühlt. Beim zweiten Kind wolle sie gleich ein Fläschchen geben, auch, um sich die Betreuung mit dem Partner gerechter aufteilen zu können. Ob es andere Frauen gebe, die sich bewusst und selbstbestimmt gegen das Stillen entschieden hätten? Die Frau suchte Gleichgesinnte, hatte aber gleichzeitig Angst vor Angriffen oder Abwertung.

Ich dachte nach. Ich kenne aus meinem näheren Umfeld nur Mütter, die aus körperlichen Gründen nicht gestillt haben und deshalb auf Fertigmilch umgestiegen sind. Vielleicht haben sie die körperlichen Gründe auch nur vorgeschoben, weil das eher akzeptiert ist. Beim Stillen hört es mit der Selbstbestimmung der modernen Frau auf. Es gibt einen subtilen Zwang, den es eigentlich in unserer doch so pluralistischen Gesellschaft gar nicht geben sollte.

Wer will nicht das Beste fürs Kind?

Der Zwang funktioniert sehr fein, auf einer moralischen Ebene. „Muttermilch ist das Beste für ihr Kind“ schallt es von den Regalen des Drogeriemarktes und den Wänden des Krankenhauses. Wer will nicht das Beste fürs Kind? Es gibt sogar eine eigene Kampagne mit vielen Aktionen, die Weltstillwoche, sie beginnt am kommenden Montag.

Muttermilch soll gegen Übergewicht, Asthma, Allergien helfen und auch gegen Brustkrebs der Mutter vorbeugen. Angeblich fördert Muttermilch sogar den IQ, auch wenn es dafür keine Belege gibt. In den neu erscheinenden Mütter-Ratgebern dieses Herbstes kommt Fertigmilch als Option gar nicht vor. In dem Band „Mutter werden“ der Hebamme Jule Tilgner sieht man schon auf der ersten Seite eine nackte Mutterbrust mit saugendem Baby. Auch die sozialen Medien quellen über mit stillenden Mamis und ihren glücklichen Babys, die nicht nur die von der WHO empfohlenen ersten sechs Monate stillen, sondern gerne bis zum fünften Lebensjahr. Es gibt sogar einen eigenen Hashtag: #StillenistLiebe. Wer nicht stillt, muss eine lieblose, egoistische Mutter sein, so die Botschaft. Stillen ist nicht nur praktisch und gesund – drumherum ist ein Kult entstanden, mit eigenen Riten, einer eigenen Sprache und einer eigenen Kampagne.

Wer dem Kult nicht folgt, wird bestraft. Eine Freundin von mir wollte unbedingt stillen. Sie versuchte alles, legte das Kind dauernd an, aber es blieb trotzdem hungrig. Sie ging zu einer dieser Still-Beraterinnen, die man privat buchen kann. Die sagte, sie solle sich mehr anstrengen, jede Frau könne stillen, selbst Mütter von Adoptivkindern, wenn sie das Kind nur oft genug anlegten. Meine Freundin verließ weinend die Sprechstunde. 60 Euro hatte sie bezahlt. Sie wechselte zum Fläschchen und fühlt sich noch heute – zwei Jahre später – schlecht.

Vielleicht würde ein schönes Fläschchen das Baby auch glücklich machen

In der Zeit las ich ein Interview mit der Unternehmerin Liz von Wagenhoff, die über Vereinbarkeit und das Leben mit ihrem neun Monate alten Sohn sprach. Sie sagte, wie frustrierend es sei, die Arbeit immer wieder zu unterbrechen: „Obwohl ich gerne und bewusst stille, entgeht mir dadurch ein Stück Freiheit – auch wenn ich das Glück des Babys dazugewinne.“ Wieso das Glück des Babys? Vielleicht würde ein schönes Fläschchen das Baby auch glücklich machen, würde ich denken. Aber was weiß ich schon.

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