Story Bunker

Im Berliner Gruselkabinett hat es sich ausgegruselt

Die Besucherzahlen gingen stetig zurück, Anfang Oktober ist Schluss.

Theresa Dräbing
3 Min
Ein Erschrecker bei der Arbeit. Dort, wo sich jetzt noch Touristen gruseln, soll es künftig eine Ausstellung über die Kriegsgeschichte des Bunkers geben.

Ein Erschrecker bei der Arbeit. Dort, wo sich jetzt noch Touristen gruseln, soll es künftig eine Ausstellung über die Kriegsgeschichte des Bunkers geben.

© AKUD/Lars Reimann

Während die Besucher auf den unteren Ebenen an Führungen durch den Bunker teilnehmen können und im Berlin Story Museum die 800-jährige Geschichte der Hauptstadt präsentiert bekommen, sorgen weiter oben professionelle Erschrecker für Gänsehaut. Doch nicht mehr lange.

Sinkende Besucherzahlen

Die Gruseltour wird ab Oktober nicht mehr angeboten. Weil es sich finanziell nicht mehr lohnt. Die Besucherzahlen gingen stetig zurück, begründet Bunkerchef Enno Lenze den Schritt. „Die Konkurrenz hier in Berlin ist einfach zu groß, mit Gruselrequisiten aus den 80er-Jahren können wir leider nicht mithalten.“

Auch das Figurenkabinett, welches erst aufwendig restauriert wurde, rentiert sich nicht mehr und wird daher geschlossen. Hier werden gruselige Szenen aus dem 18. Jahrhundert nachgestellt.

Beispielsweise eine Beinamputation, die mithilfe einer Säge durchgeführt wird. Doch finden Besucher den Originalschauplatz eines Luftschutzbunkers spannender. 40.000 Besucher pro Jahr zählt die Bunkertour. Deshalb sollen die frei werdenden Etagen so zurückgebaut werden, dass sie wie im Originalzustand aussehen und dann zusätzliche Ausstellungsflächen werden.

Der Bunker wurde 1942 von den Nazis errichtet. Er diente in den letzten beiden Kriegsjahren bis 1945 als Zufluchtsort vor Bombenangriffen für Tausende Bürger Berlins. Doch nicht jeder hatte die Möglichkeit, in dem tristen, aber durch drei Meter dicke Betonwände gesicherten Ort Schutz zu suchen.

Nur im nationalsozialistischen Sinne "arischen" Deutschen wurde hier Zuflucht gewährt. „Es waren besser gestellte Menschen, und das waren zu dieser Zeit Nazis. Wir wollen diesen Menschen nicht huldigen, sondern die ganze Geschichte erzählen,“ sagt Lenze. Es komme immer mal wieder vor, dass einzelne Besucher offen das Regime im Nationalsozialismus verherrlichen – die werden aber dann der Ausstellung verwiesen.

Überfüllter Bunker

Welche Szenen sich im Bunker abgespielt haben, darüber berichtete unter anderem eine Zeitzeugin dem heutigen Bunkerchef. Sie schilderte, wie Schutzsuchende bei Temperaturen von bis zu 60 Grad, ohne Strom und funktionierende Sanitäranlagen in dem selbst ausgesuchten Verlies ausharrten – auf engstem Raum. Denn geplant wurde der Bunker als Zufluchtsort für lediglich 3.500 Menschen, die dort nur für etwa eine Stunde Schutz vor dem Bombenhagel finden sollten.

Letztlich mussten der Raum und die Luft aber für 12.000 Menschen ausreichen, die zwei Wochen dort ausharrten. Platz, um sich hinzulegen, gab es nicht. Die Menschen standen dicht gedrängt aneinander, zum Schlafen lehnte man sich an den Nebenmann.

Trotzdem hatten es diese Menschen besser als Flüchtlinge ohne Schutz, denen ein Zugang verwehrt wurde. Auch diese Geschichten will man in der erweiterten Ausstellung aufarbeiten. „Das Erschreckende ist, dass von damals genau die gleichen Parolen gegen Flüchtlinge überliefert wurden, die heute fallen,“ sagt Lenze.

Mitarbeiter wollen weitermachen

Diese wahren Schreckensgeschichten locken mehr Besucher an, hofft Lenze, als die Präsentation schauriger Requisiten im Gruselkabinett. Überlegungen, das Gruselkabinett an einem anderen Ort weiterzuführen, gibt es trotzdem. Die professionellen Erschrecker wollen ihren Job nicht aufgeben. Konkrete Pläne gibt es aber noch nicht. Bis dahin erschrecken die Mitarbeiter sich untereinander, wenn wieder einmal Besucherflaute herrscht.

Noch bis zum 3. Oktober ist das Grusel- und Figurenkabinett geöffnet, der Umbau zur erweiterten Ausstellung über die Geschichte des Bunkers soll Ostern 2017 abgeschlossen sein.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema